OteloSaraiva de Carvalho, portugiesischer Revolutionsheld von 1974, steht in Lissabon vor Gericht – als angeblicher Führer einer terroristischen Vereinigung.

Der Prozeß gegen den zum Oberstleutnant degradierten General und seine 72 Mitangeklagten mußte nach einem Verhandlungstag unterbrochen werden: Ein wichtiger Kronzeuge war kurz vor Beginn des Prozesses auf der Straße angeschossen und schwer verletzt worden. Die Terrororganisation „Volksstreitkräfte des 25. April“ (FP-25) bekannte sich zu der Tat.

Nie zuvor sind für ein Gerichtsverfahren in Portugal so strenge Sicherheitsvorkehrungen getroffen worden: Nach Stammheimer Vorbild war eigens für den Prozeß ein neues, schwergesichertes Gerichtsgebäude errichtet worden. Aus Furcht vor Übergriffen – etwa auf den jetzt schwer verletzten Zeugen, reuiges Ex-Mitglied der Gruppe – saßen die 58 Angeklagten (die anderen sind flüchtig) in einem Käfig aus kugelsicherem Glas.

Vorgeworfen wird ihnen die Unterstützung einer terroristischen Vereinigung und Teilnahme an einer antidemokratischen Verschwörung. Der FP-25 werden Terroranschläge und Banküberfälle zur Last gelegt, bei denen seit 1980 zehn Menschen starben.

Carvalho, den der Untersuchungsrichter für den ideologischen Kopf der Gruppe hält, ist eine der schillerndsten Figuren der portugiesischen Politik. Er gehörte zu den Führern der Gruppe junger Offiziere, die am 25. April 1974 eine 48jährige Diktatur der Rechten stürzten. Vielen Portugiesen galt er seitdem als Symbolfigur für die Wiedergewinnung der Freiheit.

Als erklärter Gegner aller politischen Parteien führte er den linksradikalen und rätedemokratischen Flügel der Revolutionsbewegung in den Jahren 1974 und 1975. Als im November 1975 der Griff der Kommunisten und der Linksradikalen nach der Macht in Lissabon gescheitert war, begann der Stern Otelos zu sinken.

Ein Jahr später bewarb Otelo sich als Kandidat der linksradikalen FUP um die Präsidentschaft und errang mit über 16 Prozent der Stimmen einen Achtungserfolg. Aus einem Teil der FUP rekrutierte sich 1980 die FP-25. Otelo freilich leugnet jede Verbindung zum Terronsmus; seine Anhänger sehen in dem spektakulären Verfahren einen Schauprozeß, der die politische Linke diskreditieren soll.

Die amtierende Regierung des sozialistischen Premiers Mario Soares, der nach dem Auszug der bürgerlichen Sozialdemokraten die parlamentarische Mehrheit verloren hat, betont dagegen die völlige Unabhängigkeit der Justiz. Der Prozeß gegen Otelo symbolisiert aber auf jeden Fall, wie weit Portugal heute von den Vorstellungen der Revolutionäre des vergangenen Jahrzehnts entfernt ist. Jörn Arfs