Jedes Jahr, habe ich gelesen, würden in der Bundesrepublik und in Berlin ungefähr 60 000 Hektar Landes bebaut, sechshundert Millionen Quadratmeter, jedes Jahr ein Bodensee: "zubetoleisten soll? man denn da noch lange streiten, ob eine Großstadt wie Berlin sich einen neuen Park leisten soll? Hätten die Abgeordneten nicht einfach entscheiden können: wir müssen ihn haben, der Neuköllner Bezirksbürgermeister Stücklen hatte ganz recht, die halbe Million Menschen von Britz, Buckow, Rudow und Umgebung haben im Süden, da, wo sich die Gropiusstadt türmt, dringend ein Erholungsgebiet nötig? Sie brauchten erst einen Trick, um die menschenfreundliche Ausgabe zu rechtfertigen, also bewarben sie sich um eine Bundesgartenschau. Ein Park ist ein Park, aber eine Gartenschau ist ein Beweggrund, ein großes Spektakel, eine Aktion, eine Werbemaßnahme. Neues Grün muß man "verkaufen"; das dient dem Image der Stadt und dem Ansehen ihrer Regierung.

So haben fast alle großen Städte schön Schlange gestanden beim Zentralverband Gartenbau, der die Gartenschauen "vergibt". So haben sich fast alle großen Städte auf diesem Umweg neue Parks gerechtfertigt. Alle Politiker durchschauen das Spiel, aber alle spielen es mit. Und so lockt Berlin in diesem Jahr mit einem neuen großen Park, nein: mit einer Bundesgartenschau und ihrem Trara. Mit einem Idyll muß man gehörig Lärm schlagen, damit es bemerkt wird-und sich bezahlt macht.

Aber ist es denn wirklich ein Idyll, nichts als friedliche, verschwiegene, der Kontemplation dienliche, parkartige Landschaft? Eine Oase der Ruhe, ein großer Garten der Besinnung? Ach! Kaum hat man den Rhododendronhain und dann die weite Wiese erreicht, liegt einem schon kreischend die Ausstellungsbahn in den Ohren. Kaum hat man, weiterspazierend, den wirklich lauschigen Pfuhl mit den knorrigen Weiden erreicht, kaum hat man begonnen, die ländliche Überraschung zu genießen, fängt es unter dem Festplatznach zu lärmen an: Schlagermusik. Eben hat man die Liebesinsel mit dem geheimnisvollen Steinhaus entdeckt und ist dabei, sich hinüberzuträumen, posaunt einem eine Trachtenkapelle von ganz gewiß lauter netten Jungen und Mädchen Polkas und Märsche entgegen. Gerade haben sie ihre Instrumente eingepackt, sieht man sich von einer Feuchtwiese angezogen, von den Holzstegen, die vorsichtig hindurchführen, da lenkt einen ausgerechnet hier, wo man sich endlich mit sich allein glaubte, der lauteste Brunnen des Parks mit seinem hektischen Rauschen ab.

Und mischt sich nicht sogar André Heller ein mit einem kunterbunten Blumenbild und der gepflanzten parole: "Mißtraue der Idylle!"? Hätte er man doch hier, wenigstens hier, erhofft hatte und das einem immerzu versauert wird. Auf Schritt und Tritt verfolgt einen die Angst der Landschaftsplaner, Gärtner, Veranstalter vor der Stille, davor, daß nichts passiert und die große Langeweile ausbricht. Und was tun sie? Sie dramatisieren. Sie überwältigen uns mit der geballten Pracht der Blüten, mit immer neuen, wechselnden Landschaften in ihrer Landschaft, mit Sturzbach und Modellboothafen: der See macht aufgeregte Kurven, manche Bauwerke wollen immerzu bemerkt werden. Man wird unablässig aufmerksam gemacht, abgelenkt, hingewiesen, beköstigt, belehrt.

Natürlich, der Rummel mit der Stille soll die Leute in den Park, nein: auf die Bundesgartenschau locken. Jedoch – macht er nicht auch die Angst offenbar, es könnte einmal nichts, rein gar nichts passieren, ausgenommen Natur: Libellen, die am Tümpel fliegen, Wind, der in Äolsharfen spielt, Wiesen, in denen es summt, Wolken, die unter der Sonne segeln, Gras, in dem man liegt, Grün, das grünt? Es ist die Angst der Veranstalter, aber sie spiegelt auch die Angst des Großstädters vor der Stille. Im Urlaub picknickt er am Straßenrand, den Wald im Rücken fürchtend. Kaum zu Hause, schaltet er das Radio an, die unheimliche Lautlosigkeit übertönend und das Alleinsein. Auf der Bundesgartenschau freilich, da ist jeden Tag was los, da haben sie für jeden Tag ein langes Programm. Keine Angst, niemand muß zur Besinnung kommen, keiner läuft Gefahr, von Muße bedrängt zu werden. Alles das droht (oder winkt) erst danach: Wenn der Park ein Park sein darf, endlich, und nichts mehr los ist. gemeint und nicht das Idyll, das

Manfred Sack