Auch wenn der Bonner Sommer viel zu wünschen übrig läßt, die Politik hat sich auf Ferienbetrieb eingestellt. Die Nachfragen in den Ministerien enden sehr oft schon im Vorzimmer. Die Herren sind im Urlaub. Im Bundeshaus stolpert man über die Utensilien der Handwerker: Sommerputz. Und wenn nicht gerade eine Besuchergruppe einfällt, verlieren sich im Restaurant die Gäste wie Fettaugen auf der Hungersuppe.

Das Aufgebot der Stallwachen aber produziert reges, wenn auch nicht übermäßig aufregendes Nachrichtengeplätscher. CDU wie SPD lassen ihre Sommerplanung abrollen: Politikerauftritte in kurzen Abständen. Nur ja nicht das berühmte Sommerloch entstehen lassen. Allein die SPD hat für die neun Wochen 41 Pressegespräche eingeplant.

Die stolze Feststellung des SPD-Geschäftsführers Glotz, in diesem Sommer werde über die Konzepte der Opposition mehr debattiert als über die Aktionen der Regierung, ist ja gar nicht ganz falsch. Es wird auf alles geschossen, was sich im sozialdemokratischen Lager bewegt: ungeeignet, stört den Aufschwung, Sozialismus, Antiamerikanismus. Fast könnte man sagen, die Regierungsparteien haben die Opposition wieder entdeckt. An ihr immerhin können sie Einigkeit demonstrieren.

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Nicht ganz geplant haben sich die Sozialdemokraten in eine kleine Debatte über die Kanzlerkandidatur verwickelt. Die SPD hat zwar einiges Interesse daran, den Eindruck zu erwecken, sie habe ein stattliches personelles Angebot zu ihrer Verfügung (die Enkel-Debatte, von Willy Brandt angezettelt, diente nicht zuletzt diesem Zweck). Weniger gelegen kommt der SPD aber eine lange und strittige Debatte darüber, wer die Partei 1987 in den Bundestagswahlkampf führen soll: Johannes Rau oder Jochen Vogel. Die anderen Namen, die jetzt genannt werden – Dohnanyi, Koschnick, auch Brandt –, sind wohl eher Material für die Spekulationen der Presse.

Was immer in manche Äußerungen von SPD-Politikern hineingeneimnist wird, so auch in einen Brief Helmut Schmidts an den Düsseldorfer Ministerpräsidenten Rau – eines scheint sicher: So schnell wird sich die SPD offiziell nicht entscheiden. Vor allem Johannes Rau läßt selten eine Gelegenheit aus um klarzumachen, daß er sich gewiß nicht nach der Kandidatur dränge. Und Jochen Vogel demonstriert vollends sichtbare Zufriedenheit mit seiner gegenwärtigen Aufgabe: Er sieht sich mehr denn je als Nachfolger Wehners, als Fraktionsvorsitzender.

Im Grunde hat sich seit Raus Wahlsieg nichts geändert außer dem Umstand, daß nun die Sommerpause ausgebrochen ist. Und da wird eben auch auf Kosten der SPD spekuliert. Nach wie vor aber gilt, daß Rau die Kanzlerkandidatur nicht ausschlagen kann, will er seine Partei nicht bitter enttäuschen. Strittig ist nur der Zeitpunkt, zu dem er antreten muß. Und immer noch ist die wahrscheinlichste Annahme: kaum vor den Niedersachsen-Wahlen, denn es liegt weder im Interesse Raus noch der niedersächsischen SPD, die Wahlen zum Testlauf des Kandidaten und zur vorgezogenen Bundesentscheidung zu machen.