Von Barbara Ritzert

Der Ausdruck ‚Immunität‘ wird für die Thatsache gebraucht, daß gewisse Krankheitsursachen, die bei den meisten Menschen heftigste Krankheiten erzeugen, auf einzelne völlig einflußlos bleiben“, doziert der Mediziner Heinrich Birnbaum. Dann kommt er – angeregt von Erfolgsmeldungen seiner Kollegen – ins Schwärmen: „Ja, es mag sogar die Zeit nicht ferne sein, in welcher es möglich sein wird, gegen sämtliche Infektionskrankheiten dauernde Immunität zu erzeugen.“

Die Hoffnungen des Arztes Birnbaum, 1891 veröffentlicht, sind bei vielen Infektionskrankheiten wie etwa Masern, Diphterie und Röteln heute Realität geworden – dank moderner Impfstoffe. Doch die Widerstandsbewegung der Krankheitserreger sorgt dafür, daß die Wissenschaftler – und mehr noch die betroffenen Patienten – im Kampf gegen ansteckende Erkrankungen auch heute noch so manchen Rückschlag einstecken müssen.

Wie ein Chamäleon seine Farbe, so verändern einige Erreger bestimmte Eiweißstrukturen auf ihrer Oberfläche, an denen die körpereigene Abwehr sie gewöhnlich als „fremd“ erkennt. Zu diesen Keimen mit biochemischer Tarnkappe gehören auch die Erreger der Gonorrhoe, jener weit verbreiteten, gewöhnlich Tripper genannten Geschlechtskrankheit: Bakterien der Art Neisseria gonorrhoeae schlüpfen immer wieder durch die Maschen des Immunsystems und lösen so stets neue Infektionen aus. Zwar lassen sich die Gonokokken – wie alle Bakterien – erfolgreich mit Antibiotika bekämpfen, doch auch hier wächst die Widerstandsfähigkeit der Mikroben. „Jetzt auch bei uns Penicillin-Resistenz!“ lautete kürzlich eine Schlagzeile im Fachblatt Medical Tribune: In der Bundesrepublik bewirkt eine herkömmliche Penicillin-Therapie bei mehr als fünf Prozent der Patienten gar nichts – die Keime sind resistent.

Die einzige Alternative zur Behandlung mit neuen, immer stärkeren Antibiotika wäre eine vorbeugende Impfung. Jedoch blieben bislang alle Versuche erfolglos, das körpereigene Abwehrsystem gegen die Gonokokken scharfzumachen. Die amerikanische Armee setzte beispielsweise bei einem fehlgeschlagenen Impfprojekt vor einigen. Jahren zehn Millionen Dollar in den Sand.

Nun sind jedoch deutsche und amerikanische Wissenschaftler den Tricks der Gonokokken auf der Spur. Bei einer Infektion verankern sich die Gonokokken mit fädchenartigen Anhängseln aus Eiweißstoff, den sogenannten Pili, an den Schleimhautzellen ihrer Opfer. Derart hervorstechende Strukturen eines Erregers sind aber auch das bevorzugte Ziel der körpereigenen Abwehr, die mit der Bildung von Antikörpern reagiert. Diese hochspezifisch arbeitende Schutztruppe im Körper des Opfers wird jedoch übertölpelt: Die Erreger produzieren stets neue Varianten der Pili, die dann von den nun falsch programmierten Antikörpern nicht mehr als fremd erkannt werden. Während andere Krankheitserreger, einmal vom Immunsystem registriert, bei neuerlichem Eindringen sofort bekämpft werden, schmuggeln sich die Gonokokken wie unter einer Tarnkappe immer wieder am Abwehrsystem vorbei.

Eine vielleicht entscheidend wichtige Erkenntnis über den Tarnkappentrick der Gonokokken berichtete Thomas Meyer vom Zentrum für Molekulare Biologe in Heidelberg unlängst bei einer Fachtagung: Die Gonokokken tragen in ihrem Erbgut nicht nur – wie zuvor vermutet – ein einziges Gen, in dem die Information zur Produktion eines Pili-Bausteins, eines im Fachjargon „Pilin“ genannten Eiweißstoffes verschlüsselt ist. Vielmehr gibt es in der Erbinformation der Mikroben „stille“ Erbstücke mit der Bauanweisung für veränderte Pilin-Moleküle. Ausgelöst von einem Mechanismus, den die Wissenschaftler noch nicht im Detail erklären können, wandern die „stillen“ Erbstücke in jenes Gen ein, das die Information zum Bau des Pilins trägt. Dabei verdrängen sie die ursprünglich vorhandene Information – ein Phänomen, das im Fachjargon Gen-Konversion genannt wird.