Sensibler Schreihals

Von Tom R. Schulz

Wen hatte ich eigentlich erwartet? Einen in schwarzes Leder gekleideten, mit Kettenarmbändern und Tätowierungen geschmückten Rockstar? Einen Schwermatrosen des Rock ’n’ Roll, der wuchtigen Schritts den Saal betritt und mit seiner furchteinflößenden Donnerstimme das Personal um Geschirr und Gläser zittern läßt? Einen Rabauken? Nein, daß Heiner Pudelko trotz seines Rufs, der exaltierteste deutsche Rocksänger zu sein, kaum dem Klischeebild seines Berufsstands ähneln würde, darauf war ich vorbereitet. Aber daß der Kontrast so stark sein würde, überraschte mich dann doch.

Denn Heiner Pudelko ist einer, der eher leise zur Tür hereinkommt. Statt knarrenden Lederzeugs trägt er weiche, bequeme Kleidung, und seine Bewegungen sind sparsam. Das Haar ist dünn, streng nach hinten zurückgekämmt und endet in einer schwer erklärbaren Mischung aus Pferdeschwanz, Zopf und Dutt. Das erstaunlichste aber ist seine Stimme: Wenn er spricht, hat man eher das Gefühl, einem genau abwägenden, skrupulösen, bis zum Mißtrauen distanzierten Menschen zuzuhören als einem selbstgewissen Rockstar.

Natürlich gerät er in Begeisterung, wenn er von ausverkauften Konzerten in der Berliner Waldbühne erzählt, aber selbst da hält er sein Temperament am Zügel. Kaum aber hat sich die Vorstellung vom kontrolliert sprechenden Pudelko als zusätzliches Bild seiner Persönlichkeit Einlaß verschafft, da wird es auch schon wieder überlagert von den exzessiven Schreien, den herausgebellten, schnellen und harten Melodien und den unvermittelten, fast zärtlichen Melismen des Sängers Pudelko: Denn ist nicht dieser der wahre von beiden? Der sensible Schreihals?

Nach einem stundenlangen Gespräch wird die Ökonomie dieser Gegensätzlichkeit deutlich. Denn Selbstbeherrschung braucht nur der, dem sein Temperament sonst ungebremst davonlaufen würde und der auf den Ausgleich seiner Extreme bedacht ist. Daß dieser Gegensatz nicht nur zwischen dem Sänger und dem normalen Menschen Heiner Pudelko besteht, sondern mitten durch diese beiden Identitäten verläuft, erklärt die Faszination, die er auf viele Menschen ausübt.

Denn seine Stilmittel ergänzen sich in ihrer Widersprüchlichkeit wie sonst nur das Leben. Sowohl in seinen Texten als auch in seinem Gesang offenbaren sich Sehnsucht und Realismus, Hoffnung und Desillusion. Wer ihn hört, hört Schreie und Flüstern, hingehauchte Zärtlichkeiten und zynische, gemeine Imperative, hört Gewalt und Leidenschaft. Sogar in seinem Gesicht, das von zweien der drei Langspielplattenhüllen die Kundschaft betrachtet, kann man die Gleichzeitigkeit von Gefühl und Härte nachprüfen: Heiner Pudelko schützt, wo immer es geht, das eine durch das andere.

Fragen nach seiner Vergangenheit, die nicht seine musikalische Laufbahn betreffen, wehrt er mit einer Rigidität ab, die einem Geheimdienstmann alle Ehre machte. Nach langem Zaudern, um den lästigen Frager endlich zufriedenzustellen, nennt er unter dem Siegel der Verschwiegenheit ein wenig musisches Studienfach, mit dem er sich eine unbestimmte Zeit lang abgequält hat. Das setzt Abitur voraus, aber es scheint fast so, als hätte er am liebsten gar keine Schulbildung, schon gar keine höhere, nichts, das Spuren von Konditionierung in ihn eingegraben haben könnte.

Sensibler Schreihals

Immerhin läßt er den neugierigen Reporter wissen, daß er schon seit seinem vierzehnten Lebensjahr hauptsächlich mit Musik beschäftigt ist und daß sein heute so exotisch anmutendes rollendes R nicht etwa mühsam antrainiert ist, sondern als signifikanter Konsonant über seiner Wiege in Oberschlesien gebaumelt hat. "Du siehst, ich bin ganz im Trend der Zeit", setzt er breit lächelnd hinzu, und einen Moment lang versuche ich mir vorzustellen, wie es wäre, wenn auf dem nächsten Schlesier-Treffen statt des Kanzlers Heiner Pudelko und seine Band "Interzone" aufträten. Aber die schlesische Nachtigall singt ja Rock ’n’ Roll, und den hat sie nicht in der verlorenen Heimat der Eltern, sondern in Berlin-West gelernt.

Dort ist der heute 36jährige Sänger aufgewachsen, in einem Haus am Ende der Stadt, ohne jemals eine musikalische Förderung genossen zu haben außer der, daß man ihn machen ließ. Klavier- oder Gesangsunterricht hat er nie gehabt, und die Vorstellung, sich als Rocksänger in der Kunst sauberer Intonation und richtiger Atemtechnik unterweisen zu lassen, findet er völlig abwegig: "Das lernt man doch nicht auf irgendwelchen Akademien! Ein guter Rocksänger lernt es in der Szene, im Probekeller, schon als Kind mit dem Tennisschläger als Mikrophonersatz vor dem Spiegel und dann später auf der Bühne. Da ist dann oft genug alles schief und krumm, aber das ist nicht wichtig. Wichtig ist das Gefühl, daß du rüberbringst. Es muß einfach von der Atmosphäre stimmen."

Und das ist die große Kunst des Heiner Pudelko: daß man tatsächlich spürt, was er singt. Seine Stimme erzählt mit ihrem Klang oft mehr als mit den Worten. In der Frühzeit von "Interzone", vor sechs Jahren, kam ihr noch allein die Aufgabe zu, Bilder und Stimmungen zu schaffen. Auf der ersten Schallplatte der Band waren die Songs nur aus ein paar Akkorden, geradliniger Baßarbeit, einem knappen, präzisen Schlagzeug und den stiltypischen Riffs des Rock ’n’ Rolls und des Rhythm ’n’ Blues’ gebaut – einfachen Melodiekürzeln, die meist aus dem Material der Blues-Skala zusammengesetzt waren und den Umfang einer Oktave selten überschritten. Dazu spielten die beiden Gitarristen Bibi Schulz und Leo Lehr denkbar kurze, prägnante Soli. Und über allem lag dieser extreme Gesang von Heiner Pudelko, der das Publikum sofort in Liebhaber und Feinde spaltete. Die einen waren restlos begeistert, weil alles, was er sang, so authentisch klang; sie spürten, daß dieser Mann den Blues hatte wie kein zweiter hierzulande, und sie akzeptierten, daß Blues eben Heulen und Zähneklappern, Gurren und Verführenwollen, Jammern, Greinen, Wimmern, Schreien und Locken bedeutet. Die anderen ekelten sich einfach vor seiner Stimme; sein zittriges, kreischendes Falsett empfanden sie als unerträglich manieriert. In den Taumel der Neuen Deutschen Fröhlichkeit paßte diese Band ja auch wirklich nicht.

Daß "Interzone" nie den leisesten Versuch unternommen hat, in diesem kurzen, schweren Rausch der Neuen Deutschen Welle ein bißchen mitzuschwelgen, hat der Band bald den Ruf eingebracht, ehrlich, konsequent, nicht korrumpierbar und glaubwürdig zu sein. Das waren Eigenschaften, die in einer Zeit, in der mit einem großen Grinsen großes Geld mit den läppischsten Liedchen verdient werden konnte, fast kultischen Seltenheitswert erlangt hatten. Es ist allerdings fraglich, ob die Musiker von "Interzone" ohne die Anhängerschaft gerade aus geachteten Musikerkreisen nicht doch irgendwann den Mut verloren und aufgegeben hätten.

Sieht man aber einmal etwas länger in das Gesicht des Schlagzeugers Hans Wallbaum, dann erkennt man sehr bald, daß er und seine alten Kollegen noch heute lieber für ein paar Mark Gage in irgendeiner finsteren Kaschemme auf der Hamburger Reeperbahn oder im Frankfurter Bahnhofsviertel Rock ’n’ Roll spielen würden, als sich einer Mode zuliebe von dieser Musik, die auch ihr Leben ist, abzuwenden. Hans Wallbaum hat lange genug in den fragwürdigsten Etablissements für die Könige der Nacht zwischen vier und acht Uhr früh getrommelt; er kennt die lausigen, kleinen Hotels, in denen die Kakerlaken zu Hause sind, und er kriegt keinen Schreck, wenn, wie kürzlich in Hamburg, ein zottelig aussehender, zahnloser alter Mann wirres Zeug stammelnd mit einer kleinen Flasche Apfelkorn unter dem Arm auf ihn zukommt und sagt: "Ich heiße Erwin." Da streckt Hans Wallbaum einfach seine Hand aus und sagt: "Ich heiße Hans." Nicht mehr, nicht weniger.

Er hat die winzige Szene vermutlich schon vergessen. Aber für mich war sie eine Figur, ein Symbol für das Verhältnis des "echten Rock ’n’ Rollers" zur Straße und zu den Aussätzigen unserer städtischen Welt. Denn der Gruß bedeutete nur: Ich mißtraue dir nicht, ich bin nicht besser als du, aber mir fehlt auch jeder sozialpflegerische Impuls.

Die Welt der Straße ist es auch, in der viele Songs von "Interzone" spielen. Ihre Helden leben in kleinen Verhältnissen, träumen vom Glück und kommen doch, das lassen viele Texte mit deprimierender Deutlichkeit wissen, aus ihrer seelischen Beengung nicht heraus. Ihre Träume sind Kleinbürgerträume von einer geordneten Existenz, mit Gardinen an den Fenstern des Eigenheims, für das man ein ödes Leben lang gespart hat. Es ist eine Welt der zusammengekratzten Bausparverträge, der armseligen Illusion von der permissiven Gesellschaft und der geheimen Brutalität, mit der der bescheidene Besitzstand verteidigt wird. Heiner Pudelko, von dem fast alle Songtexte stammen, schrieb früher aus der Sicht eines zynischen Menschenfreundes. Denn so bitter realistisch sich die meisten seiner gedichteten Bilder aus der Welt der kleinen Leute auch lesen, er denunziert sie nicht. Er liebt sie für ihre Hoffnung und ihre Zähigkeit, aber verachtet sie wegen ihren Beschränkungen und Beschränktheiten.

Sensibler Schreihals

Andere Lieder erzählen von Liebe, von Sex, von der Entbehrung und der Sehnsucht danach. Sehnsucht aber ist das Schlüsselwort für alles, wovon Pudelko schreibt und singt. Auch mit dem Motto "Das Süße Leben", das er als Titel für die vor wenigen Wochen erschienene dritte "Interzone"-LP verwendet hat, formuliert Heiner Pudelko eher die Sehnsucht danach als dessen Vorhandensein. So beginnt die Süßigkeit des Lebens für den Jungen, der sich in dem Lied "Böser Vati" gegen seinen prügelnden Vater zur Wehr setzt, schon mit der Uberwindung der Furcht und nicht erst mit der gierigen, üppigen Ausschweifung, an die einen die italienische Rückübersetzung, das dolce vita denken läßt. Selten ist Heiner Pudelkos Gesang so nah am Text wie hier: Eigentlich bricht ihm fast ständig die Stimme, denn er singt einen Menschen, der heult und schreit, der noch gedrückt ist. Aber man hört ihm auch an, daß er bald aufstehen und stark genug sein wird, um wegzugehen: "Männer wie er/Die finden ihr Glück/Auf den Straßen der Welt/Stolz & allein/Denkt er noch froh/Dann pennt er ein."

Es ist vor allem die musikalische Behandlung der Texte, die "Das Süße Leben" zu einem herausragenden Album macht. Schon auf ihrer zweiten Schallplatte, "Aus Liebe", die 1982 veröffentlicht wurde, bemühten sich die Musiker von "Interzone" um eine engere Verzahnung von Text und Musik. Im Gegensatz zu dem recht rohen und ungeschlachten, deshalb nicht minder beeindruckenden Debütalbum war es ihnen gelungen, mit differenzierten Arrangements und originellen Details die an sich kargen Stilmittel des Rhythm ’n’ Blues so anzureichern, daß ihre Musik plötzlich etwas Eigenes bekam. Rhythm ’n’ Blues war nur mehr die Grundierung für etwas Neues.

Eine geradezu filmische Dichte in den Songs hat Interzone allerdings erst jetzt erreicht. Im "Kamikaze"-Lied verbreiten oszillierende Töne, abstürzende Keyboard-Sounds, chromatisch zugespitzte Harmonien, irrsinnige Geigenmelodien und ein erbarmungslos marschierender Baß die beklemmende Atmosphäre eines flackerlichtigen Kriegsfilms.

"Den Text dazu gibt es schon sehr lange", erzählte Heiner Pudelko mir, "aber ich wollte das Lied eigentlich gar nicht mehr machen. Denn es stammt noch aus der Zeit, als diese ganzen Reizworte wie ‚Kamikaze‘ und ,Sturzflug’ aufkamen. Sie wurden ja in der Neuen Deutschen Welle unheimlich verbraucht, und es waren nur Klischees. Ich habe den Text damals aus diesen Worten zusammengefügt und sie quasi in ihre eigentliche Bedeutung zurückversetzt. Der Auslöser dafür, den Song dann doch zu machen, war Nena mit ihren ‚99 Luftballons‘. Das hat mich unheimlich empört, weil ich es einfach kriminell finde, wenn man Kindern und Jugendlichen erzählt, daß Kriege passieren, weil da irgend so ein vertrottelter General auf Luftballons schießen läßt. Ich fand es schamlos, daß das weltweit als Friedenslied, als Protestsong vermarktet wurde. Da habe ich dann gesagt, ‚laßt uns das Lied machen‘, weil ich finde, daß Kriege andere Ursachen haben."

Daß einem die Musik der meisten "Interzone"-Lieder so nahe geht, liegt an der Qualität des Materials, an der gitarristischen Feinmechanik von Bibi Schulz, an Hans Wallbaums transparentem und kraftvollem Schlagzeugspiel, an den gut ausgewählten Sounds des Keyboarders Ingo Bischof, an dem sehr jungen, wunderbar präzisen Bassisten Benjamin Hüllenkremer, der auf seinem bundlo.sen Instrument keinerlei Intonationsprobleme zu kennen scheint und im Unterschied zu den meisten seiner Kollegen vollständige Kontrolle über die Dauer der Töne hat, die er spielt, und es liegt an dem Produzenten Udo Arndt, der "Interzone" von Anfang an betreut hat und die Gruppe wachsen ließ, ohne sie an feste Erwartungen und Pläne zu fesseln.

Und doch wäre ohne Heiner Pudelko alles nichts. Man mag ihn bloß penetrant finden oder sehr intensiv, eindringlich ist er in jedem Fall.