Immerhin läßt er den neugierigen Reporter wissen, daß er schon seit seinem vierzehnten Lebensjahr hauptsächlich mit Musik beschäftigt ist und daß sein heute so exotisch anmutendes rollendes R nicht etwa mühsam antrainiert ist, sondern als signifikanter Konsonant über seiner Wiege in Oberschlesien gebaumelt hat. "Du siehst, ich bin ganz im Trend der Zeit", setzt er breit lächelnd hinzu, und einen Moment lang versuche ich mir vorzustellen, wie es wäre, wenn auf dem nächsten Schlesier-Treffen statt des Kanzlers Heiner Pudelko und seine Band "Interzone" aufträten. Aber die schlesische Nachtigall singt ja Rock ’n’ Roll, und den hat sie nicht in der verlorenen Heimat der Eltern, sondern in Berlin-West gelernt.

Dort ist der heute 36jährige Sänger aufgewachsen, in einem Haus am Ende der Stadt, ohne jemals eine musikalische Förderung genossen zu haben außer der, daß man ihn machen ließ. Klavier- oder Gesangsunterricht hat er nie gehabt, und die Vorstellung, sich als Rocksänger in der Kunst sauberer Intonation und richtiger Atemtechnik unterweisen zu lassen, findet er völlig abwegig: "Das lernt man doch nicht auf irgendwelchen Akademien! Ein guter Rocksänger lernt es in der Szene, im Probekeller, schon als Kind mit dem Tennisschläger als Mikrophonersatz vor dem Spiegel und dann später auf der Bühne. Da ist dann oft genug alles schief und krumm, aber das ist nicht wichtig. Wichtig ist das Gefühl, daß du rüberbringst. Es muß einfach von der Atmosphäre stimmen."

Und das ist die große Kunst des Heiner Pudelko: daß man tatsächlich spürt, was er singt. Seine Stimme erzählt mit ihrem Klang oft mehr als mit den Worten. In der Frühzeit von "Interzone", vor sechs Jahren, kam ihr noch allein die Aufgabe zu, Bilder und Stimmungen zu schaffen. Auf der ersten Schallplatte der Band waren die Songs nur aus ein paar Akkorden, geradliniger Baßarbeit, einem knappen, präzisen Schlagzeug und den stiltypischen Riffs des Rock ’n’ Rolls und des Rhythm ’n’ Blues’ gebaut – einfachen Melodiekürzeln, die meist aus dem Material der Blues-Skala zusammengesetzt waren und den Umfang einer Oktave selten überschritten. Dazu spielten die beiden Gitarristen Bibi Schulz und Leo Lehr denkbar kurze, prägnante Soli. Und über allem lag dieser extreme Gesang von Heiner Pudelko, der das Publikum sofort in Liebhaber und Feinde spaltete. Die einen waren restlos begeistert, weil alles, was er sang, so authentisch klang; sie spürten, daß dieser Mann den Blues hatte wie kein zweiter hierzulande, und sie akzeptierten, daß Blues eben Heulen und Zähneklappern, Gurren und Verführenwollen, Jammern, Greinen, Wimmern, Schreien und Locken bedeutet. Die anderen ekelten sich einfach vor seiner Stimme; sein zittriges, kreischendes Falsett empfanden sie als unerträglich manieriert. In den Taumel der Neuen Deutschen Fröhlichkeit paßte diese Band ja auch wirklich nicht.

Daß "Interzone" nie den leisesten Versuch unternommen hat, in diesem kurzen, schweren Rausch der Neuen Deutschen Welle ein bißchen mitzuschwelgen, hat der Band bald den Ruf eingebracht, ehrlich, konsequent, nicht korrumpierbar und glaubwürdig zu sein. Das waren Eigenschaften, die in einer Zeit, in der mit einem großen Grinsen großes Geld mit den läppischsten Liedchen verdient werden konnte, fast kultischen Seltenheitswert erlangt hatten. Es ist allerdings fraglich, ob die Musiker von "Interzone" ohne die Anhängerschaft gerade aus geachteten Musikerkreisen nicht doch irgendwann den Mut verloren und aufgegeben hätten.

Sieht man aber einmal etwas länger in das Gesicht des Schlagzeugers Hans Wallbaum, dann erkennt man sehr bald, daß er und seine alten Kollegen noch heute lieber für ein paar Mark Gage in irgendeiner finsteren Kaschemme auf der Hamburger Reeperbahn oder im Frankfurter Bahnhofsviertel Rock ’n’ Roll spielen würden, als sich einer Mode zuliebe von dieser Musik, die auch ihr Leben ist, abzuwenden. Hans Wallbaum hat lange genug in den fragwürdigsten Etablissements für die Könige der Nacht zwischen vier und acht Uhr früh getrommelt; er kennt die lausigen, kleinen Hotels, in denen die Kakerlaken zu Hause sind, und er kriegt keinen Schreck, wenn, wie kürzlich in Hamburg, ein zottelig aussehender, zahnloser alter Mann wirres Zeug stammelnd mit einer kleinen Flasche Apfelkorn unter dem Arm auf ihn zukommt und sagt: "Ich heiße Erwin." Da streckt Hans Wallbaum einfach seine Hand aus und sagt: "Ich heiße Hans." Nicht mehr, nicht weniger.

Er hat die winzige Szene vermutlich schon vergessen. Aber für mich war sie eine Figur, ein Symbol für das Verhältnis des "echten Rock ’n’ Rollers" zur Straße und zu den Aussätzigen unserer städtischen Welt. Denn der Gruß bedeutete nur: Ich mißtraue dir nicht, ich bin nicht besser als du, aber mir fehlt auch jeder sozialpflegerische Impuls.

Die Welt der Straße ist es auch, in der viele Songs von "Interzone" spielen. Ihre Helden leben in kleinen Verhältnissen, träumen vom Glück und kommen doch, das lassen viele Texte mit deprimierender Deutlichkeit wissen, aus ihrer seelischen Beengung nicht heraus. Ihre Träume sind Kleinbürgerträume von einer geordneten Existenz, mit Gardinen an den Fenstern des Eigenheims, für das man ein ödes Leben lang gespart hat. Es ist eine Welt der zusammengekratzten Bausparverträge, der armseligen Illusion von der permissiven Gesellschaft und der geheimen Brutalität, mit der der bescheidene Besitzstand verteidigt wird. Heiner Pudelko, von dem fast alle Songtexte stammen, schrieb früher aus der Sicht eines zynischen Menschenfreundes. Denn so bitter realistisch sich die meisten seiner gedichteten Bilder aus der Welt der kleinen Leute auch lesen, er denunziert sie nicht. Er liebt sie für ihre Hoffnung und ihre Zähigkeit, aber verachtet sie wegen ihren Beschränkungen und Beschränktheiten.