Wo Ernest Hemingway einst „Oinbones“ war

Von Uwe Prieser

Die Straße stieg vom großen See ziemlich gerade das hügelige Land hinan. Vorbei an abgeernteten Feldern und Kiefernwäldern. Von der ersten Hügelkuppe sah man noch auf die Bay und auf Harbor Springs an ihrem jenseitigen Ufer. Dahinter öffnete sich der Michigansee, über den vom Horizont her kleine, flauschige Wolken herauftrieben. Indian summer. In den Nächten fror es. Das Ahornlaub leuchtete rot und gelb wie schmelzendes Metall. Sunny hatte gesagt, daß sie übermorgen nach Florida abreisen würde.

Wir hatten uns im Motel getroffen, das auf der Hügelkuppe an der Straße nach Mancelona lag. Sie hatte sehr klein in ihrem blauen Cadillac ausgesehen. Das Essen war so gut, wie sie gesagt hat-– te. Dann fing die Zeit an, immer schneller zu werden, bis sie irgendwann aufhörte, während es draußen langsam dunkel wurde. Mitten in einem Gedanken breitete sie die Arme aus. „Haben wir’s nicht fabelhaft!“ Und ich sagte: „Fabelhaft, Missis Hemingway.“ – „You call me Sunny“, sagte sie. „Ich bin immer Sunny gewesen.“

Als wir das Motel verließen, kamen wir an dem elektrischen Klavier im Windfang vorbei. Sie blieb stehen. „Hast du mal einen Quarter?“ Das Klavier begann zu spielen, Sunny summte eine Melodie mit. Ein abnehmender Mond stand über dem See.

„Der Wind blies in Windemere.“ Das war ein Satz von Sir Walter Scott. Mutter Hemingway liebte den englischen Dichter, und dann haben sie ihr Sommerhaus in Michigan Windemere genannt. Sunny heißt eigentlich Madelaine. Sie ist die vierte der sechs Hemingway-Geschwister; die letzte, die dort oben am Walloon Lake bei Petoskey die Sommer verbringt. Jetzt ist sie achtzig. Es war Anfang Oktober. In spätestens drei Wochen sollte der Schnee kommen.

Windemere, ein flaches, weißgestrichenes Holzhaus, lag unter Schierlingstannen und Birken direkt am See. Sunny trug ein grasgrünes Kleid ohne Ärmel, ihre bloßen Füße steckten in Holzgalosehen. „Ich mach’ uns Tee. Du kannst dich inzwischen ein bißchen umsehen, okay“, sagte sie.