Ein Mystiker ist er wahrlich nicht. Der Bildhauer und Schmied Ansgar Nierhoff. Eher ein nüchterner Planer und Rechner, jemand, der Spaß am versteckten Gedankenwitz hat und jemand, der mit großem öffentlichen Erfolg Skulpturen macht, die dem was gerade en vogue ist (mag man da Bildhauerplastiken der Wilden, mag man die „Modellbauer“ nennen), direkt entgegenarbeitet.

Der Erfolg ist erklärbar: Ansgar Nierhoff stellt Plastiken her, die den für Kunst im öffentlichen Raum zuständigen Gremien, die den Art-Direktoren der Firmen gefällt. Keine überflüssigen Details, direkt und einfach in der Aussage. Trotzdem gewichtig – im Material. Spielerisch und doch keine bloße Spielerei: so stehen seine überdimensionalen Quader vor genau berechneten Mauerbetten (Breite: zweimal die halbe Dicke), oder liegen davor, oder darin. Kaum einmal steht ein Körper nur so da. Stets ist ein kleines Rechenexempel versteckt. Ein hoher Ring aus Stahl, geteilt in 1/7, 2/7 und 4/7. Macht zusammen.... Negativ- zu Positivform, aufgeschnitten, auseinandergelegt, im Geist zusammenzusetzen!

Etwa 1977, also zu der Zeit als langsam die neuen Wilden auf den Kunstmarkt drängten, hat Ansgar Nierhoff diese Arbeitsweise etwickelt. Früher spielte er mit der Vorstellung von Dingen. Schmiedete riesige Kissen aus rostfreiem Stahl, warf eiserne Netze über öffentliche Gebäude, oder ließ gigantische Quaderschlangen einander knautschend kreuzen. Heute baut er Ordnungs- und Regelsysteme. Mit einem schwergewichtigen Beispiel dieses Prinzips beginnt die Ausstellung im Sprengel-Museum. Ein Werk, das nach dem Muster einer Schnitzeljagd den Besucher ins Haus, zu den Bildern und Skulpturen zieht. Aus zwei Rechtecken nur, den Basisformen, ist eine ganze Kette geometrischer Stahlkörper entstanden, immer eckig, nie rund. Das erste liegt gleich hinter der Eingangstür. Stufenartig ist eine Ecke aus drei gleichen Quadraten) abgeschnitten und so wieder angefügt, daß zwei leere Quadrate entstehen. Das Spiel mit Positiv- und Negativformen beginnt. Das zweite große Rechteck steht in Längsrichtung auf der Brücke zu den Ausstellungsräumen. Ein davon abgeschnittenes Dreieck liegt vor der Brücke, ein aus dem Restkörper ausgesägtes Rechteck hinter ihr. Das ist nicht alles. Der ordnenden Phantasie des Menschen soll noch eine weitere Volte dieses Systemspiels auffallen. Alle rostenden Teile liegen auf einer Achse, die in den Hof weist und sich dort in etwas kleineren, aber immer noch sehr unhandlichen, gleichschenkeligen Dreiecken fortsetzt, die – ein neckischer Fingerzeig – die abgestuften Mauern nach außen hin erklimmen.

Mit dem Spaß am Puzzle, an der Denksportaufgabe, dem kriminalistischen Vergnügen an der Rekonstruktion eines Vorganges lockt Ansgar Nierhoff die Betrachter, fesselt sie und entläßt sie befriedigt nach gelöster Aufgabe. So simpel kann Kunst sein. Unsublimiert, durch keine Essenzen verfeinert. Direkt im Hinstellen und Bedeuten. „Da ist, was man sieht. Mehr ist nicht gewollt“, sagt der Künstler. Ein Stratege. Keine Geheimnistuerei, kein künstlerischer Sturzflug. Er verschafft sich einen Organisations-, oder wie er es auch nennt, Arbeitsvorwand und beginnt. Eine einmal getroffene Entscheidung wird durchgeführt, ohne Zögern, ohne ästhetisches Nachbessern. Vernunft, nicht Empfindung läßt das Kunstwerk entstehen, so will es der Künstler. Die Raffinesse, oder sagen wir lieber die Artistik liegt im Material. Welch spitzbübische Freude wie Papier gefaltete und entfaltete mannshohe Stahlplatten zu fünft oder sechst übereinander an der hohen Wand der Museumsstraße zu arrangieren und dann so zu tun, als seien sie irgendwie dorthin geflogen. Der technische Vorgang interessiere ihn nicht, sagt der Künstler. Geschwindelt, muß man da vermuten. Wer arbeitet schon fast ausschließlich mit riesigen Stahlplatten, unhandlichen Eisenklötzen und -Stäben ohne sich für die technischen Fragen zu interessieren.

Immer wieder stolpert man über dieseTiefstapelei. Oder soll man es Spaß an der Täuschung nennen, wenn meterhohe Stahlpfähle wie Zahnstocher in einer Büchse und daneben in Reih und Glied an die Wand gelehnt sind. Kein Besucher wird von der Wand rücken können, was der Künstler wie spielend arrangiert hat.

Seit 1977 zeichnet Ansgar Nierhoff auch und so ist der zweite Teil der Retrospektive seinen Zeichnungen gewidmet. Hier kehrt wieder, was in der Plastik auffällt. Gerade, rechteckige Formen. Sie sind in den Zeichnungen zu schweren, schwarzen Balken verwandelt. Auch hier gilt: keine Retusche. Arbeitsanlaß sind mit Maurerwerkzeug aufgetragene schwarze Striemen aus Schmiedelack, die es dann als Spannungs- und Kraftfelder in einem imaginierten Raum auszuloten gilt. Ein über die schwarzen Felder zumeist mit Graphit gelegtes Strich- und Gitterwerk entsteht, das entfernt so aussieht, als würden die Schmiedelackkörper korrigiert, als wären Treppen, Wege, Tore und Fenster hineingesetzt, hineingeschlagen in zu erobernde, zu begreifende Räume. Grundrißzeichnungen auf unerschlossenem Gelände, Planquadrate, Höhennivellierungen über unerforschtem Gebiet. Die Zeichnungen sind die logische Ergänzung zu Nierhoffs Plastiken. Drängte der Bildhauer dort jede Emotionalität zugunsten der rationalen Durchführung einer Idee zurück, so läßt er hier spontanen Einfällen freien Lauf.

Die jungenhafte Tüftelei, das Spiel mit erdachten Strukturen und Systemen, Ordnungen und Regeln ermöglicht noch etwas anderes. Sie läßt jeden, der will, zum Philosophen, zum Jongleur existentieller Begrifflichkeiten werden. Spannungen und Harmonie des Universums, Raum und Zeit. Seit jeher bediente das Sinnieren darüber sich einfacher geometrischen Figuren. Und was läßt sich nicht alles (bis zum „Vereinigungsakt“) mit Ansgar Nierhoffs Negativ- und Positivformen, Falten und Entfalten, Auseinander- und Zusammenklappen anfangen. Der Künstler selbst unterstützt, verständlich, mit Interpretationshilfen diese Auslegung seiner Werke: „Mit Hilfe erkennbarer Prozesse tritt an die Stelle von Entfremdung Überschaubarkeit, wird Handlung als Handlung sichtbar, ist zu erkennen, daß vor der Entfaltung das Falten stattgefunden hat.“ Zeit sei in Nierhoffs Plastik nicht als Vergänglichkeits- oder Memento-mori-Metapher enthalten, sondern als konkret definierter ablesbarer Arbeitsablauf, schrieb Manfred Schneckenburger. Und Lothar Romain merkte 1983 an: „...am Ende (von Nierhoffs Zeichnungen) steht nicht die Katastrophe, sondern die Hoffnung auf Ordnung in Freiheit.“ Da gibt es keine Zweifel, keine Schwierigkeiten, keine Entfremdung mehr. Oder sind sie nur leise beiseite gedrängt?

Wie dem auch sei, diese „Wiederentdeckung monochromer oder fundamentaler Malerei und des Konstruktivismus“ ist die Kunst der kommenden Jahre – so zumindest wird in der zweiten Nummer der neuen, von Lothar Romain mitgeleiteten „Kunstzeitschrift“ prophezeit. Gegen die Promoter der „neuen Expressiven“. (Sprengel Museum bis zum 1. 9., Katalog 35 DM) Elke von Radziewsky