Brechen im Südweststäat wieder baden-württembergische Gegensätze auf?

Ich selbst bin Schwabe, lebe aber seit über zwanzig Jahren im Karlsruher Raum und habe leider manche negative Erfahrung in bezug auf meine Herkunft nehmen müssen“, schrieb uns ein Leser und schickte einen Zeitungsausschnitt. Darin wird ein anderer Schwabe von einem Badener kräftig durchgewalkt. Dieser Schwabe hat den netten Namen Ulrich Pfeifle und will Oberbürgermeister der badischen Hauptstadt Karlsruhe werden, also gegen den badischen Kandidaten Gerhard Seiler antreten. Die Bosheit des badischen Zeitungsschreibers namens Eberlein scheint unserem schwäbischen Mittelsmann doch leicht rassistisch gefärbt, und so solidarisiert er sich stammesbewußt mit einem Leidensgenossen. Die armen, unterdrückten Schwaben, die in Baden leben müssen, wollen, dürfen?

Und die Badener? Wurden sie nicht 1952 von dem schlitzohrigen Schwaben Reinhold Maier überrollt, von einem Liberalen, der Volksabstimmungen mehrfach so geschickt arrangierte, daß immer Mehrheiten für den Südweststaat herauskamen? Wählte nicht das alemannische Kernland Südbaden zu 62,2 Prozent badisch – gegen die schwäbische Umarmung? Hatten sich nicht alle gegen die Altbadener verschworen, Bonn mit seinen Neugliederungsgesetzen, Stuttgart mit der raffinierten Volksabstimmung von 1970, in der die Altbadener untergingen? Und schließlich auch das Bundesverfassungsgericht, obwohl es in Karlsruhe liegt – gab es nicht aus purem Opportunismus den Schwaben recht?

1958 verglich ein Altbadener die schwäbische Herrschaft noch öffentlich mit dem Kommunismus in der DDR. Von schwäbischer Besatzung, Habgier und Unterdrückung der Badener durch die Württemberger wurde geredet, und die Bodensee-Badener versprachen, eifrig in das „Schwäbische Meer“ zu pinkeln, damit den Stuttgartern das begehrte Wasser im Halse steckenbleibe.

Zeigt das Karlsruher Beispiel, die hämische Abfertigung eines schwäbischen OB-Kandidaten in einer badischen Zeitung, daß all die Animositäten, Bitterkeiten, Ängste noch lebendig sind? Ist die badische Behauptung richtig, daß Stuttgart das badische Land benachteilige, zentralisiere und schwäbisch majorisiere? Die beiden Stämme, Varianten eines einzigen Stammes, nämlich der Alemannen, sollten sich schon 1919 zu einem Land vereinen, lebten aber in der Weimarer Republik getrennt. Zuvor hatten sie beide den Preußen zu widerstehen versucht.

Die Dialekte der beiden sind fast nur ihnen selbst unterscheidbar, dort allerdings kräftig. Die Badener, von den Norddeutschen zu ihrem Entsetzen immer noch mit der widerlichen Bezeichnung „Badenser“ bedacht, beklagen sich wie die Schwaben darüber, daß anderswo in Deutschland die Unterscheidung leide, denn die Unterschiede seien eben doch beträchtlich. Zum Beispiel sage man im Schwäbischen Flaschner und Dinkel, im Badischen Blechner und Roggen, von Tönung und Zuschnitt der Dialekte einmal ganz abgesehen. Gemeinsames Schicksal: Nichtunterscheidung. Merkwürdig ist, daß gerade diese beiden Stammesbezeichnungen im Ausland für „die Deutschen“ überhaupt stehen: In vielen Sprachen sind die Alemannen schlicht die Deutschen; und in der Schweiz heißen alle Deutschen „Schwaben“ – die Deutschschweizer sind Alemannen!

Dreiunddreißig Jahre leben Badener und Schwaben nun in einem Land – sie haben sich längst dran gewöhnt. Die Schwaben waren fair, zahlten für badische Entwicklungsgebiete wie Hotzenwald und Odenwald, nahmen auch mal einen badischen Ministerpräsidenten in Kauf (Filbinger), und zur Dreißigjahrfeier des Landes waren badische Zeitungen und Bürgermeister des Lobes voll über dieses Musterland, in dem kein einziger Badener ausgesaugt wurde.

Der boshafte Artikel in der (sehr schwarzen) Karlsruher Zeitung ist ein Kunstprodukt: der Schwabe Pfeifle ist nämlich Sozialdemokrat, und der Badener Seiler in der CDU. Der Griff in die guten alten Haßgefühle ist schwarz-rot motiviert, die Stammesfehde zieht längst nicht mehr. Sucht doch das Stuttgarter Fernsehen sogar eine Landeshymne, damit Badener und Württemberger „feierlich gemeinsam singen können“. Es gibt schon über 400 Einsendungen. Hanno Kühnert