Von Brita Hilsdorf

Viel mehr als Höhlenwohnungen und einfache Hütten war ihnen bisher nicht zugetraut worden. Doch die Menschen der frühen Jungsteinzeit besaßen schon vor etwa 9000 Jahren beachtliche Kenntnisse zum Bau von festen Häusern. Mehr noch: Damals, kurz nach dem Ende der Eiszeit, lebten Menschen, die ganz offensichtlich schon ästhetische Maßstäbe beim Bau ihrer Häuser und bei der Anlage ihrer Siedlungen beachteten – die also Architektur schufen.

Der erstaunliche Beweis für die architektonischen Fähigkeiten von Steinzeitmenschen wird zur Zeit in der Südosttürkei ausgegraben. Dort, beim Flecken Çayönü nahe der Stadt Diyarbakir am Oberlauf des Tigris, arbeitet seit Jahren eine internationale Forschergruppe mit Wissenschaftlern aus verschiedenen Fachrichtungen. Am Gemeinschaftsprojekt „Prähistorische Forschungen in Südostanatolien“ sind das Orientalische Institut der Universität Chicago, die Prähistorische Abteilung der Universität Istanbul und – seit 1978 – Professor Wulf Schirmer sowie sein Assistent Werner Schnuchel vom Institut für Baugeschichte der Universität Karlsruhe beteiligt.

Ziel der noch nicht abgeschlossenen Grabung ist ein bessereis Verständnis der Umstände, unter denen sich damals in Çayönü die wahrscheinlich wichtigste wirtschaftliche Revolution in der frühen Geschichte der Menschheit vollzog: der Übergang von der Jäger- und Sammler-Wirtschaft zu Ackerbau und Viehzucht. Über die wechselseitigen wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklungen dieses Umbruchs geben die reichlichen Funde von Çayönü weit besseren Aufschluß als alle bisherigen Grabungen. Vergleichbare Bauten konnten Archäologen anderswo zuvor nur bruchstückhaft nachweisen. Mit den neuen Erkenntnissen aus der südosttürkischen Steinzeit-Siedlung lassen sich nun die etwa gleichalten Funde aus Jericho im Jordantal neu interpretieren. Außerdem hoffen die Forscher, Spuren sichern zu können, die Hinweise auf mögliche ältere Vorläufer dieser Baukunst geben, aber auch auf die damaligen gesellschaftlichen Bedingungen.

Çayönü liegt an einem Nebenfluß des Tigris in der Ergani-Ebene, einem Teil des „Fruchtbaren Halbmondes“. Von dort ist es nicht weit zu einigen Übergängen im mächtigen Taurus-Gebirge. Die Siedlung bedeckte wahrscheinlich eine Fläche von mehr als 30 000 Quadratmetern. Davon konnten die Archäologen bisher nur etwa ein Zehntel ausgraben, wobei sie bis zu vier unterschiedlich alte Schichten registrierten. Nach der Einschätzung des Fundmaterials und einer Reihe von Altersbestimmungen mit der ziemlich exakten Radiokohlenstoff-Methode war das nun ausgegrabene, jungsteinzeitliche Çayönü in der Zeit zwischen 7250 und 6750 v. Chr. besiedelt.

Neben den bisher einmaligen Baufunden stießen die Forscher auf Werkzeuge aus Feuerstein und Obsidian, auf Geräte aus Knochen und Horn. Sehr viel seltener fanden sie auch Gefäße aus fein geschliffenem Marmor oder Grünstein sowie Steinperlen für Halsschmuck und verschiedene Figürchen aus ungebranntem Ton. Schon in der frühesten Schicht konnten einige bearbeitete Kupfergegenstände geborgen werden. Ein Kupferbergwerk, das seit prähistorischen Zeiten bekannt ist, liegt nur 20 Kilometer von Çayönü entfernt.

Die Bewohner scheinen jedoch viel weitergehende Beziehungen zur Außenwelt gepflegt zu haben: Der Fund einer bearbeiteten Muschelschale belegt nach Aussage der Wissenschaftler eindeutig den Kontakt mit dem Mittelmeerraum (Luftlinie zur Küste: rund 350 Kilometer). Auch die Untersuchungen der gefundenen Pflanzen- und Tierknochenreste schließen eine Einfuhr aus weiter entfernten Orten nicht aus. Die Studien belegen, daß in Çayönü zuerst der Ackerbau betrieben wurde; die Haustierhaltung kam später. Die jungsteinzeitlichen Siedler verzehrten wildes und gezüchtetes „Einkorn“; diese Urform des Weizens ist, im Gegensatz zu anderen bei den Grabungen gefundenen Pflanzen, nicht einheimischen Ursprungs. Auch die ebenfalls nachweisbare Haltung von Hausschafen war möglicherweise keine ortsbedingte Entwicklung.