Nesselwang

Die Folgen des Treffens ehemaliger SS-Angehöriger in dem schönen bayerischen Fremdenverkehrsort Nesselwang haben die Kontaktfreude des katholischen Pfarrers Franz Greß am Ort ganz erheblich gedämpft. Der 44 Jahre alte Geistliche zog sich im Anschluß an die Versammlung der alten Kameraden für eine Woche in die Nachbargemeinde Unterjoch zurück, weil er, wie er heute sagt, „total fertig war, der Arzt wollte mich schon in die Kur schicken“. Der Pfarrer lehnt seither jede Einladung zu Festen ab, bei denen er früher „als der große Bieranstecher“ hervortrat. Über den engsten Bereich der Seelsorge hinaus will er sich nicht mehr engagieren.

Das alles ist nicht verwunderlich, bedenkt man die Umstände, die dem Pfarrer zugesetzt haben. Es ist erst zehn Wochen her, daß er von seinem Pfarrhaus aus ein Schauspiel verfolgte, wie es Nesselwang noch nicht erlebt hat. Abseits der 5000 friedlichen Demonstranten, die an diesem 11. Mai in dem Allgäuer Marktflecken protestierten, warfen junge Leute Farbbeutel und Steine gegen das Hotel „Krone“, in dem sich – genau gegenüber dem Pfarrhaus – die 400 ehemaligen SS-Angehörigen versammelt hatten. Nach langem Zuwarten setzte die Polizei Wasserwerfer ein und nahm einige der Randalierer fest.

Die Wut der Nesselwanger über die Ausschreitungen entlud sich jedoch zu einem großen Teil ausgerechnet über dem Pfarrer, der vor dem Treffen der alten Kameraden an die Verstrickung von SS-Verbänden in Kriegsverbrechen und auch an die moralische Verpflichtung erinnert hatte, den Verfechtern nationalsozialistischer Ideologie klarzumachen, daß sie in Nesselwang keine gerngesehenen Gäste seien. Nun, so schildert der Pfarrer seine mißliche Lage, „wirft man mir vor, ich hätte die Chaoten unterstützt“. Franz Greß hat den Eindruck, daß es manchen Nesselwangern recht wäre, wenn er die Koffer packen würde.

Da half auch die Erklärung des Pfarrgemeinderats nicht viel, der Pfarrer habe doch nur „auf einstimmige Beschlüsse des Pfarrgemeinderats hin“ gehandelt. „Was in letzter Zeit an Kritik, Beschimpfungen und Bedrohungen über ihn persönlich hereinbrach und daß er dafür seinen Kopf hinhalten muß“ – so hieß es in dem Pfarrbrief, „macht uns deshalb zutiefst betroffen“.

Im Gegensatz zu Pfarrer Greß erfuhr der Gastronom Rolf Buchheister, in dessen Hotel sich die ehemaligen SS-Soldaten trafen, starken Zusprach. Der Hotelier berichtet von drei Aktenordnern voll mit „Briefen aus der ganzen Welt“, in denen er dafür gelobt wird, daß er „den Roten die Stirn bietet“. Damit Buchheister, im Krieg Soldat in der SS-Division „Das Reich“, nicht allein für die Schäden an seinem Hotel aufkommen muß (die durch keine Versicherung gedeckt werden), stand die Deutsche National-Zeitung dem Hotelier bei. Unter der Überschrift „Nesselwang-Wirt braucht Hilfe“ wurde um Spenden „für den mutigen Wirt“ gebeten, der „trotz Morddrohungen, Boykotthetze und internationaler Proteste“ die „Veteranen der Waffen-SS“ bewirtet hat.

Trotz dieser Hilfe will sich der Gastronom jedoch auch bei jenen schadlos halten, die in seinen Augen für die Beschädigungen seines Hotels verantwortlich zu machen sind. Buchheisters Rechtsanwälte haben dem DGB-Kreis Allgäu, der die Gegendemonstration organisiert hat, und der Diözese Augsburg, in deren Zuständigkeit die Pfarrei Nesselwang hegt, angekündigt, Schadenersatzansprüche geltend zu machen. Zunächst müßten jedoch die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft abgeschlossen sein, die zur Zeit einer ganzen Reihe von Strafanzeigen nachgeht.