Von Roland Kirbach

Man muß ein Weilchen suchen, bis man das Namensschild gefunden hat. Die zweite Schelle von oben, vierte Spalte von links, ist es schließlich: Baykurt. Aus der Gegensprechanlage krächzt es: "Hallo?" Oben, im fünften Stock, steht er schon an der Aufzugtür, um sie zuvorkommend zu öffnen. Auf dem langen, sterilen Flur macht er eine ausladende Handbewegung und sagt, freundlich lächelnd: "Wie im Krankenhaus!"

Hier, in einem Neubau-Wohnsilo im Duisburger Stadtteil Hochheide, wohnt Fakir Baykurt. In seiner Heimat, der Türkei, kennt ihn jedes Kind. Dort stehen. seine Erzählungen und Märchen in den Schulbüchern. Er hat über dreißig Bücher geschrieben, die in mehr als zehn Sprachen übersetzt worden sind. Seit 1979 lebt er in der Bundesrepublik, um über das Leben seiner Landsleute als "Arbeitsmigranten" – das Wort "Gastarbeiter" mißfällt ihm – zu schreiben.

Mitte der fünfziger Jahre wurde Fakir Baykurt mit Romanen über das Dorfleben Anatoliens bekannt. Schon sein erster Roman, "Die Rache der Schlangen", erhielt einen Literaturpreis, ist inzwischen verfilmt und zur Trilogie erweitert worden. Darin erzählt er von den Untaten der "Schlangen" im anatolischen Dorf Karataş, vom Muhtar (Dorfvorsteher), vom Gendarmeriekorporal, vom örtlichen Parteivorsitzenden. "Was dieses Buch auszeichnet, ist seine präzise Gesellschaftskritik", schrieb Die Welt über das Werk, das auch auf deutsch erschienen ist. "Es deckt die Armut, Schinderei und Unbildung der Bauern auf, die Bestechlichkeit, Heuchelei und Brutalität der Behörden."

Als immer mehr Anatolier ihre Dörfer verließen und in die Städte zogen, folgte Baykurt ihnen und machte nun die Proletarisierung der Bauern zum Thema. Nicht über die Städter oder die Intellektuellen schrieb er – seine Protagonisten sind die Menschen vom Land geblieben, von denen er selbst einer ist.

Als zweites von sechs Kindern einer armen Bauernfamilie 1929 im südwestanatolischen Dorf Akçaköy geboren, kommt er nach dem frühen Tod seines Vaters zu einem Onkel, der ihn zur Arbeit am Webstuhl schickt. Erst mit elf Jahren, als der Onkel zum Militär eingezogen wird, besucht er die Schule und bekommt schon bald den Unterricht in den unteren Klassen übertragen, während der Lehrer im Kaffeehaus sitzt. Mit 15 schon wird er dann zum Dorfschullehrer ausgebildet und unterrichtet anschließend fünf Jahre lang die Kinder in den Dörfern seiner Heimat.

Fakir Baykurt veröffentlicht erste Gedichte und bildet sich nebenbei als Schriftsteller fort. Das Regime wird auf ihn aufmerksam. Es kommt zu ersten Hausdurchsuchungen, Vorladungen, Verhandlungen. Er zieht nach Ankara und studiert an der Pädagogischen Hochschule, Hauptfach Literatur. Mit 26 beendet er sein Studium, arbeitet nun als Realschullehrer und geht wenig später für ein Jahr in die USA an die State University in Indiana, um sich als Pädagoge fortzubilden.