Von Gerhard Seehase

Mittags um 12.30 Uhr hatten sie das Kasernentor der Panzergrenadier-Brigade 17 in Hamburg-Rahlstedt zum letztenmal passiert. Beide hatten vom "Bund" als letzten Wehrsold etwas mehr als 400 Mark in bar auf die Hand bekommen. Beide hatten einen Verrechnungsscheck von 700 Mark in der Tasche. Beide durften ihre Kommißstiefel mit nach Hause nehmen. Fünfzehn Monate Wehrdienst waren vorbei.

Dann trennten sich ihre Wege.

Guido Plöger fuhr zum Hamburger Hauptbahnhof, wo er sich auf Gleis 14 in den lärmenden Troß der Wehrdienstentlassenen einreihte, die mit dem fahrplanmäßigen "Rheinpfeil" in den Westen wollten. Die Stimmung war ausgelassen. Die meisten hatten Strohhüte auf dem Kopf und trugen Stirnbänder: "Die Zeit ist um, der Helm ist leer, beim Bund sieht uns nun keiner mehr." Als der "Rheinpfeil" den Hamburger Hauptbahnhof verließ, blieben nur die Feldjäger zurück, die aufzupassen hatten, daß nichts passierte. Im Zug roch es nach Bier. Guido Plöger blieb nüchtern; er war es noch, als er in seiner Heimatstadt Herford ausstieg.

Ingo Madsen, der zur selben Zeit, mittags um 12.30 Uhr, die Boehn-Kaserne in Rahlstedt verlassen hatte, brauchte nur die Hamburger U-Bahn zu nehmen, um nach Hause zu kommen. Die Wohnung am Bramfelder Weg teilt er mit seiner Freundin. Am Abend ging Ingo Madsen mit vier Freunden "einen draufmachen". Der Weg führte sie durch zahlreiche Hamburger Kneipen und Discos. Um fünf Uhr morgens registrierte Ingo Madsen, daß 350 Mark "futsch waren" vom letzten Wehrsold. "Wie gut", sagt er, "daß man so schnell nicht an den Verrechnungsscheck rankommt."

Am 1. April trat Guido Plöger in Herford eine ihm freigehaltene Stelle in einer Druckerei an. Zur gleichen Zeit ging Ingo Madsen in Hamburg zum Arbeitsamt. Der eine bekommt Gehalt, der andere wird "vorstellig". Der eine hat einen Beruf, der andere ist arbeitslos. Beide sind 21 Jahre alt.

Guido Plöger wußte schon vorher, daß er nach seiner Entlassung vom "Bund" nicht auf der Straße liegen würde. Er hatte die Realschule bis zum Abschluß der mittleren Reife besucht, hatte als Lehrling bei einer Druckerei angefangen und machte hier ein halbes Jahr vor seiner Einberufung die Gesellenprüfung. Schon bei seiner militärischen Dienstverpflichtung, am 2. Januar 1984, hatte er in Herford die Zusage: "Du kannst nachher sofort wieder bei uns anfangen."