Von Raissa Orlowa und Lew Kopelew

Menschen in allen Ländern sind wohl besonders feinfühlig, wenn ein Fremder über ihre Heimat erzählt oder dichtet. Über Rußland wurde in den letzten dreihundert Jahren in allen westlichen Sprachen meistens äußerst phantastisch – sowohl im guten wie im bösen, aber eben exotisch übertrieben oder absolut wirklichkeitsfern – berichtet. Deshalb öffnen wir jedes neue Buch eines Ausländers über unsere Heimat mit einem gewissen Mißtrauen: Was wird nun wieder einmal von der geheimnisvollen „russischen Seele“ erzählt, die da in sehnsuchtsvoll traurigen Liedern, in wilden Leidenschaften und friscn-fröhlichen Wodkaströmen gedeiht oder darbt?

Um so größer die Freude, wenn man nicht nur – wahrheitsgetreu geschildert – die altbekannten, vertrauten Erscheinungen wiedererkennt, sondern wenn man sie auch noch – anders, als gewöhnlich – in neu- und eigenartiger, freundlicher, aber auch kritischer Verfremdung sieht, ja, sie so gut wie neu entdeckt. So haben wir das Buch von Klaus Bednarz erlebt:

Klaus Bednarz: Mein Moskau: Notizen aus der Sowjetunion; Hoffmann und Campe, Hamburg, 1985; 264 S., 29,80 DM.

Den Autor hatten wir eben dort in Moskau vor acht Jahren als Korrespondenten des bundesdeutschen Fernsehens kennengelernt. Noch vorher hatten wir seine Bücher über Polen gelesen, sie als aufschlußreiche, überzeugende, meist auch brillant geschriebene Reportagen empfunden. Und seine Fernsehfilme, die er in der Sowjetunion zusammen mit dem vortrefflichen Kameramann Jürgen Bever drehte, haben uns sehr gefallen, jeder neue mehr als der vorherige: die Filme über die Wolga, Sibirien, Georgien, Leningrad, über die Moskauer Schülerin Natascha und über Moskau, wie er es erlebte. Es sind wahre Kunstwerke, in denen Alltagserscheinungen, anspruchslose Menschen, scheinbar unbedeutende „Komparsen“ des Zeitgeschehens und ganz gewöhnliche kleine Ereignisse zu exemplarischen, symbolischen und typisierenden Gestaltungen werden.

Wir glauben, daß manche Streifen in diesen Filmen viel mehr und viel tiefer die Besonderheiten, die wahren Charakterzüge des Lebens im heutigen Rußland erkennen lassen, als die einen oder anderen umfangreichen Traktate und fachwissenschaftlich aufgebauten Studien. Dabei bleiben die Filme von Klaus Bednarz stets auch eben Kunstwerke, realistisch, kritisch, stellenweise auch scharf kritisierend, zugleich aber von einem herzlichen Verständnis für die Menschen und von einem lebhaften Gefühl für die Natur, für die Schönheit des Landes durchdrungen. Er ließ uns manches neu sehen, was wir vorher oft gesehen hatten und gut zu kennen glaubten. Im Blickfeld seiner Kamera erschienen einzelne Personen und „Gruppenbilder“ – menschliche Beziehungen zueinander, zu ihrer Heimat und zu ihrer Tätigkeit – in einem neuen Licht, aus einem neuartigen Blickwinkel, freundlich, manchmal geradezu liebevoll verfremdet und dadurch für uns aufs neue näher und verständlicher.

All dies ist auch seinem Buch „Mein Moskau“ zu eigen. In vielen Abschnitten erkennt man den scharfen, genau gezielten Blick eines erfahrenen und versierten Journalisten. Anderes haben wir auch nicht erwartet. Doch überraschend war („die Fähigkeit zu überraschen, ist immer das Merkmal eines Talents“, pflegte Lew Tolstoj zu sagen), wie Klaus Bednarz in seinem Buch, ganz anders als in seinen Filmen, eben als Erzähler – als humorvoller, nachdenklicher, skeptischer, aber auch selbstkritischer, gelassener und zugleich unverhohlen engagierter Autor – sein Blickfeld erweitert.