Von Jutta Wilhelmi

„Wie läufst du denn wieder nun, Gerold!“ Zwölfjährige mimen fröhlich Empörung: „Dieses Jäckchen und dazu die Hose!“ Der Angesprochene verspricht, künftig auf modisches Outfit zu achten. Gerold ist Gerold Becker, Leiter der Odenwaldschule. Die er bald verlassen wird, 13 Jahre Schulleitung sei genug. Entwicklungshilfe könnte seine nächste Station sein. Nachfolger wird Wolfgang Harder, Mitarbeiter des Pädagogen Hartmut von Hentig am Oberstufenkolleg Bielefeld, erprobt also im Durchhalten von ungewöhnlichen Modellen, wie auch die Odenwaldschule eines ist. Auch 75 Jahre nach ihrer Gründung ist sie „eine Schule für Kinder“ geblieben, ein Mekka für alle, die wegkommen wollen von der deutschen Zeigefingerpädagogik, einer „verregelten“, blutleeren Lernfabrik.

Reichlich gestreßt nach der Rennstrecke Frankfurt-Heidelberg schlägt sich der Besucher bei Heppenheim aufatmend links in die Büsche und erreicht nach kurvenreicher Fahrt durch ein idyllisches Tal eine Oase der Ruhe inmitten von Wiesen und Wäldern. Dort haben Paul und Edith Geheeb 1910 ihre Schule gegründet – fernab der Metropolen. Das war Absicht der „Grünen“ Anfang dieses Jahrhunderts, der aus Jugendbewegung und Reformpädagogik entstandenen Landerziehungsheim-Bewegung.

Oft ist dieser Schule vorgehalten worden (zuletzt von ihrem einstigen Schüler, dem Apo-Veteranen Cohn-Bendit), „Schulen müßten in den Brennpunkten der Gesellschaft“ arbeiten. Ein „Zauberberg“ sei das hier schon, gibt Gerold Becker zu, weltabgelegen zwar, aber nicht weltfern. Schüler der Odenwaldschule sind auch in den Menschenketten gegen den atomaren Overkill anzutreffen, haben sich in Sachen „Startbahn West“ engagiert. „Abgehoben“ kann diese Schule schon deshalb nicht sein, weil ein nicht geringer Teil der 320 Schüler „mit einem Sack voll Problemen hierherkommt“, Waisen, Kinder aus geschiedenen Ehen, alle verletzt.

Ein weiterer Vorwurf: Prominentenschule. Sicher, Klaus Mann war hier, auch ein Sohn des jetzigen Bundespräsidenten. Und 1600 Mark monatlich sind kein Pappenstiel. Aber man hat es nicht so gern, als Schule der oberen Zehntausend, gar als Eliteschule eingestuft zu werden. Lieber schon als „Gesamtschule besonderer pädagogischer Prägung“, was auch heißt, daß Kinder aller Schichten hier eine Chance haben. Für 40 Prozent der Schüler, die hier leben und lernen, bezahlen die Eltern nichts oder nur einen Teil.

Gerold Becker hat diese Gesamtschule in seiner Amtszeit ausgebaut. Auch Reformschulen verändern sich in 75 Jahren. Man sieht darin eine folgerichtige Antwort auf die Intentionen der Gründer, „daß jedes einzelne Kind bedingungslos ernstgenommen wird“. Das Vertrauen, in die „Lernmöglichkeit jedes Kindes“ ist ungebrochen, wenn man nur „Zeit hat und Zeit gibt“.

So ganz kann sich auch die Odenwaldschule vom Zeitgeist nicht freimachen. Insgesamt sei die Schülerschaft heute „erfrischend jung“, aber auch „erschreckend unpolitisch“. Der Schülersprecher in der Kantine hat so seine Not, zur gerade anstehenden Schülerrats-Wahl zu animieren. Und die Lehrer? Nach den „68ern“, die, so Becker, mit „großem politischen Elan und hoher Bereitschaft zur Resignation“ hierherkamen, arbeitet es sich nun relativ unkompliziert mit den „Ökopaxen“. Sie kommen den Vorgaben dieser Schule entgegen: Lehrer sollen Menschen mit Lebenserfahrung, Humor und Sachkenntnis sein.