Tatarenbrötchen

Den Amerikanern sind ihre Lieblingsspeisen, Hamburger und Frankfurter, so deutschstämmig wie die Daseinsempfindungen von Weltschmerz und Gemütlichkeit. Allein die Hamburger selber lehnen die Vaterschaft für die – in ihren Augen – Wildwest-Frikadellen ab. Stolz zeichnet der Lokalpatriot – und wer ist es nicht in der schönen Hansestadt – für Hering und Aalsuppe, für Händel und Schmidt. Und wenn sie scharenweise zu McDonald’s gehen, dann eben nur, weil dort die Hamburger billiger sind als die Bratwurst nebenan.

Jetzt hat ein in Hamburg arbeitender amerikanischer Journalist zumindest den Lesern der New York Times die Herkunft ihrer Hamburger aus Hamburg bestätigt. Seine Recherchen an deutschen Frühstückstischen erbrachten den Nachweis „für die uralte Vorliebe zu rohem Fleisch, das, mit Pfeffer, Salz und Zwiebelsaft gewürzt, zwischen ein kaltes Brötchen gelegt wird“. Daß bei diesem Schmaus niemandem das Wort Hamburger über die Lippen kommt, hat den jungen Reporter erstaunt. Er begann nachzulesen und fand die Antwort im Buch „Fünfhundert Jahre neue Wörter“ von William Sherk.

Aus den Steppen des mittelalterlichen Rußlands war das Steak der Tataren nach Deutschland gekommen und also auch nach Hamburg. Vom Hamburger Hafen, Ausgangspunkt der großen Emigration im 19. Jahrhundert, brachten die Deutschen auch ihre Eßgewohnheiten in die Neue Welt. Das „Hamburg-Steak“, alias Tatar, war bei den Beamten auf Ellis Island, der Einwanderer-Insel vor Manhattan, bereits ein kulinarischer Begriff, während sie sich noch mit den komplizierten deutschen Familiennamen herumschlugen.

Als dann im Jahre 1904 ein Küchenchef bei der Weltausstellung in St. Louis das „Hamburg-Steak“ zwischen ein knautschbares Brötchen packte, war die moderne Version des Hamburgers entstanden. Allein das nicht in Hamburg erfundene Barbecue, ohne das ein Hamburger eben doch nur Frikadelle bleibt, mag die Hanseaten weiterhin an ihre Erzeuger-Unschuld glauben lassen.

Kassetten-Klassik

Aus immer mehr Kassettenrekordern in den USA erklingt Klassik statt Pop. Nein, nicht Beethoven oder Bach – Shakespeare und Brontë sind angesagt, Klassiker der Literatur. Man läßt sich Hamlet, Moby Dick oder Jane Eyre vorlesen. Der Vorteil der Kassette gegenüber dem Buch liegt auf der Hand: Während man beim Lesen gleichzeitig allenfalls fernsehen, essen oder telephonieren könnte, lassen sich beim Zuhören nützliche Verrichtungen wie Kochen, Holzhacken oder Gartenarbeit erledigen. Selbst auf langen Autofahrten werden die Stereoanlagen der Fords und Chevrolets nun nicht mehr nur mit seichter Popmusik strapaziert; der amerikanische Bildungsbürger lauscht unterwegs den „Oldies but Goldies“ von Mark Twain und John Steinbeck.

Die neue Liebe zum gesprochenen Wort, die demnächst sicherlich auch auf Europa übergreifen wird, macht ganz neue Literatur-Erlebnisse möglich. Wieviel mehr Verständnis wird ein hechelnder Jogger unter dem Walkman für die Nöte der Zauberberg-Bewohner aufbringen als einer, der nur sitzt und liest.