/ Von Carl-Christian Kaiser

Bonn, im Juli

Endlich können sich die Bonner zurücklehnen. Schon zwei Wochen sind verstrichen, ohne daß Zeitungen und Bildschirme voll gewesen wären von jenem giftigen Streit um Politik und Personen, der letzthin zum beherrschenden Merkmal des christlich-liberalen Bündnisses geworden war. Wenn es sich nicht ohnehin nur um sommerliche Pausenfüller handelt, wird wieder mehr um Sachdetails gestritten; die politischen Kontroversen scheinen auf ihr Normalmaß zu schrumpfen. Und an diesem Wochenende geht auch der Kanzler in Urlaub.

Aber die Koalition hat keinen Grund, ferienfröhlich aufzuatmen. Daß die Stimmung schlechter sei als die Lage – dieser Befund, der bedrückende Ratlosigkeit und heroischen Optimismus zu vereinen sucht, ist zu einer Erkenntnis geworden, die sogar offiziell .verkündet wird, zum Beispiel durch den CDU-Generalsekretär Heiner Geißler. Der Union will nicht in den Kopf, daß sie zwar unbestreitbare Regierungserfolge vorzuzeigen hat, gleichzeitig jedoch bittere Wahlniederlagen hinnehmen mußte.

Tatsächlich hat ja die Diagnose von der relativ guten Lage aber ziemlich schlechten Stimmung nicht die Logik für sich. Helmut Kohl will deshalb selten einen „so dümmlichen Satz“ gehört haben: Doch das ist verständlich. Denn wenn sich Lage und Stimmung nicht decken, muß das auch etwas mit Steuerung und Stil der Politik zu tun haben, mit der Methode also, für die der Kanzler als zentrale Regierungsfigur verantwortlich ist.

Auch in diesem Punkt begleiten Streit und Unmut die Regierung beinahe von Anfang an. Die Ungeschicklichkeiten bei Ronald Reagans Besuch oder die Katalysator-Pleite standen schon in der Tradition der frühen Pannen, die zwar nicht so gravierend, aber kaum weniger peinlich gewesen waren – von der Kießling-Affäre über den Versuch, sich bei den Parteispendenproblemen durch gesetzgeberische Selbstherrlichkeit aus dem Sumpf zu ziehen, bis zu dem sonderbaren Scheingefecht um das Kraftwerk Buschhaus als ein Stück des Sommertheaters vom letzten Jahr. Sofern das Kanzleramt daran beteiligt war, stand dafür der Name Waldemar Schreckenbergers. Seit dem vergangenen November aber ist Wolfgang Schäuble in der Regierungszentrale Chef.