Lyon, 31. Juli, am Vorabend der großen Ferien. Ganz Frankreich verreist, nur die Emigrantenfamilie Borowiecki nicht. Sie schickt ihre Tochter als Au-pair-Mädchen nach Frankfurt. Der Aufbruch zum Bahnhof ist eine Katastrophe. Das Abschiedsessen war zu schwer. Die Abendschwüle lastet. Die Atmosphäre ist gereizt. Der Koffer will sich nicht schließen lassen, das Streichholz zündet nicht, die Tochter mault, der Sohn räkelt sich lustlos. Vier Menschen liegen auf dem Sprung. Der Bahnhof wird die Schanze ihrer Talfahrt werden. Ein verspäteter Zug, ein Gewitter, und schon bricht diese Familie auseinander.

Die Kamera nimmt den achtzehnjährigen Sohn Henri aufs Korn. Der fängt den begehrlichen Blick eines älteren Herrn auf, um ihn in Panik ebenso rasch abgleiten zu lassen. Blickbewegungen verflüssigen sich, geraten in Fahrt und erstarren wieder. Henris Flucht vor dem einen Mann entpuppt sich als Suche nach einem anderen Mann. Aus dem unbeschriebenen Blatt wird im Nu ein mit Blicken tätowierter Körper. Der Bahnhof zu mitternächtlicher Stunde ist für den Jungen Henri der Durchlauferhitzer ungeahnter Begierden.

Patrice Chéreau, Theaterintendant in Paris-Nanterre, mit Wagner-Inszenierungen in Bayreuth berühmt geworden, hat diesen Film, seinen dritten, schon 1983 in Cannes vorgestellt: „L’Homme Blesse“ kommt jetzt in Originalfassung mit etwas holprig übersetzten Untertiteln als „Der verführte Mann ins Kino. Der Film hat einen mitreißenden Rhythmus, darstellerische Kraft und eine Vision, die an Genet sich messen darf. Wer am Ende der Verführte ist, der Junge, der Verräter, dem seine Liebe unerwidert gilt, oder der Zuschauer, der in dieses mitleidlose Spiel verwickelt wird, steht noch dahin.

Henri bricht aus seiner Selbstversponnenheit gewaltsam aus. Zugeknöpft verließ er die Wohnung der Eltern. Die Mutter redet zu viel, der Vater (Armin Müller-Stahl) zu wenig. Im Wartesaal des Bahnhofs, auf dem Henri fieberhaft umherzieht, um den faszinierenden Mann der Nacht des Sommergewitters wiederzufinden, springt ihm der oberste Kragenknopf auf. So kann er seinen Kopf freier in jede Richtung drehen und einsaugen, was ihm häusliche Enge versagte. Jean-Hugues Anglade spielt diesen Jungen auf eine Weise, die der Regisseur in seinen zum Drehbuch veröffentlichten Arbeitsnotizen als „Verwirrung eines eigensinnigen Kindes“ beschrieb, „das die unmögliche Leidenschaft zu einem Monstrum packt“.

Vittorio Mezzogiorno, bekannt geworden durch seine Darstellung des Rebellen in Franceso Rosis „Drei Brüder“, spielt dieses „Monstrum“ als einen Mann ohne auffällige Vorlieben oder Verabredungen: Jean Lerman bleibt, auch wenn man ihm nahekommt, ein Rätsel. Er lebt mit einer gutmütigen Frau, organisiert den Bahnhofsstrich, gibt selbst der Polizei noch Tips und geht mit dem Jungen, der sich ihm rettungslos anvertraut, auf Diebstouren. Jean ist stark, aber gemein, ebenso verkommen wie verführerisch.

Chéreau und sein Drehbuchautor Hervé Guibert erzählen, zum Glück der Spannung ihrer Geschichte, nichts zu Ende. Sie scnildern angeheizte Wünsche und abgerissene Blicke. Der Schaulust wird ständig in die Parade gefahren, das bleibt die einzig hier erlaubte Bewegung. Schauplätze, die am Rande liegen, bilden die Geschichte. Jahrmärkte, Bahnhöfe, Holzplätze, Neubauten, Betonkeller. Überall ist Ödland.

Jeder Schauplatz hat seine eigene Farbe. Lautlos gleitend bewegen sich Figuren darin wie Kellerasseln über Fliesen. „Der verführte Mann“ ist eine Reise durch den Tunnel der Sinne. Ein junger Mann wird initiiert in einen fremden Stamm. Am Ende der Nacht gehört er dazu.