München

Vor dem Gesetz sind alle Menschen gleich. Sind sie es auch vor Gericht? Wenn Volkes Stimme zählt, lautet die Antwort: nein. Ein Jahr Freiheitsstrafe mit Bewährung für Otto Wiesheu, den ehemaligen CSU-Generalsekretär. Die erste Instanz noch hatte 13 Monate ohne Bewährung verhängt. Protest von allen Seiten. Bei den Münchner Zeitungen stand das Telephon nicht mehr still. Volkes Stimme: Ein Skandal, ein Prominenten-Urteil.

Das war geschehen: Otto Wiesheu war am 29. Oktober 1983 frühmorgens gegen 2.30 Uhr auf der Autobahn München-Nürnberg mit seinem Dienst-Mercedes 380 SE auf den Fiat des Rentners Josef Rubinfeld gedonnert. Rubinfeld kam ums Leben, sein schlafender Beifahrer wurde schwer verletzt. Wiesheu war blau gewesen: 1,99 Promille.

Im ersten Verfahren vor neun Monaten war er noch forsch und selbstbewußt aufgetreten. Jetzt stand ein gebrochener Mann vor Gericht: Wiesheu kämpfte mit den Tränen. „Er wird weniger. Er beschäftigt sich tagaus, tagein mit diesem Vorfall. Eigentlich hat dieses Ereignis sein Leben zerstört“, stellte sein Verteidiger Alfred Stienhofer fest. Taktik oder Wahrheit? Das einzige, was Wiesheu während der drei Verhandlungstage sagte: „Ich bitte das Gericht um ein gerechtes Urteil“.

Für Wiesheu kam es auf Bewährung an. Ohne sie hätte er sein Landtagsmandat abgeben müssen. Seine politische Karriere wäre vorerst beendet gewesen.

Sieben Gutachter wurden bemüht, mehr als ein Dutzend Expertisen angefertigt. Zweimal ließ Unfallforscher Max Danner beim Crash-Test einen schweren Mercedes auf einen kleinen Fiat 500 krachen. Doch der Expertenfleiß war letztlich unbefriedigend: „Es gibt keine unmittelbaren Zeugen des Unfalls. Wir wissen nicht exakt, wie alles abgelaufen ist“, stellte Rudolf Mayer, der Vorsitzende Richter, fest.

Genau das war die Absicht der Verteidiger. Berechnungen, Zahlen, Kurven auf der einen, ständiges Infragestellen auf der anderen Seite – zwischen diesen Polen lief der Prozeß ab. Wenn die Gutachter etwas behaupteten, zweifelten es die Verteidiger sofort an. Und Danner, bei dessen Arbeitgeber „Allianz“ der Wiesheu-Wagen versichert war, lieferte neue Variationen. Also mußte das Gericht im Zweifel für den Angeklagten votieren. Die Verteidigung hatte ihr Ziel erreicht: Die Mitschuld Rubinfelds am Unfall wurde von Stunde zu Stunde größer bewertet.