Vor einem Vierteljahrhundert hatte ich die diversen Methoden der Verharmlosung der Atomgefahr zusammengestellt. Als dritte, schändlichste, weil heuchlerischste, hatte ich damals die Methode der „Solennifizierung“ genannt, das heißt: der Verfeierlichung der Effekte der entsetzlichen Tat; wohlgemerkt nur der Effekte der Tat, denn die Tat selbst und deren Täter wurden – das gehörte ebenfalls zur Taktik der Verharmlosung – verwischt, oder völlig unterschlagen.

Gleichviel, man verwandelte das Entsetzliche, den Feuersturm, die radioaktive Strahlung, die Leichenberge, die Asche in etwas Grandioses, Weihevolles, dadurch ästhetisch oder angeblich sogar religiös Genießbares. Dasjenige, was im Jahre 1945 von Analphabeten der Phantasie wie Truman angerichtet worden war; und was – denn Hiroshima ist heute potentiell überall – morgen, kein übermorgen übriglassend, überall angerichtet werden könnte; also angerichtet werden wird (denn man bereitet nichts vor, was man nicht unbewußt zu verwenden beabsichtigt, sogar zu verwenden hofft) – kurz: dasjenige, was geschehen ist und geschehen kann, versucht man durch die Mittel des Grandiosen, des Weihevollen und Schönen, also durch die Mittel der sogenannten ernsten Kunst seines wirklichen Ernstes zu entkleiden. Der Ernst der sogenannten „ernsten Kunst“ kann und darf, verglichen mit dem Ernst des Lebens, des Tötens und des Sterbens, nicht ernstgenommen werden. „Es gibt Dinge“, schrieb ich in meiner damaligen Warnung, „die zu groß sind, als daß sie für den Ton der Feierlichkeit noch freistünden.“

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Das war im Jahre 62. Aber damals kam ich natürlich, wie immer, zu spät. Denn die Infamie hatte sich der Kunst als eines Mittels der Verharmlosung bereits bemächtigt. Kaum hatte ich meine Warnung ausgesprochen, als der Film „Hiroshima mon amour“ in Tausenden von Kopien unsere noch gerade bestehende Welt eroberte. Schon die Zusammenstellung der zwei Titelworte „Hiroshima“ und „Amour“ ist (außer für Ohren, die, wie es im Psalm 111 heißt, nicht hören können! extrem obszön. Trotzdem, oder vielleicht deshalb: also wegen des angeblich surrealistischen Effektes dieser Wortzusammenstellung, erntete dieser Film, in dem schönste, delikateste und leidenschaftlichste nackte Leiber vor dem atomaren Trümmerhintergrund vorgeführt wurden, weltweiten, auch heute noch nicht abgeklungenen Beifall – und das nicht etwa nur bei Unsubtilen und Vulgären – es handelt sich, dabei nicht um sogenannte harte Pornos –, sondern vor allem bei denjenigen, die sich der artistischen Avantgarde Amerikas und Europas zuzuzählen lieben; die freilich moralisch so zurückgeblieben sind, daß sie nicht spüren, wie zynisch ihr ästhetischer Enthusiasmus ist.

Schlimm genug. Aber diese Verharmlosung des Furchtbarsten hatte immerhin nur in effigie stattgefunden, als Film oder als Fernsehbild. Darüber sind wir heute natürlich weit hinaus. Denn nun wird die Verfeierlichung des Entsetzlichen am Ort des Entsetzens selbst stattfinden, also in der berühmten Stadt, die vor vierzig Jahren vernichtet worden war. Deren Vernichtung soll nun gewissermaßen selbst noch einmal vernichtet werden, der Tod der Hunderttausende selbst getötet werden; der Ernst des damals wirklich Gewesenen und auch der Ernst des heute wirklich Drohenden soll nun durch Übersetzung in sogenannte „ernste Musik“ neutralisiert werden. Es gibt nichts Unernsteres als ernste Kunst, Zur Vierzigjahrfeier des berühmtesten, überflüssigsten, mörderischsten und schwachsinnigsten Ereignisses, das es seit Menschengedenken gegeben hat, wird nämlich auf demjenigen illustren Platze, über dem die illustre erste Bombe damals explodiert ist, von einem illustren amerikanischen Orchester unter illustrer Stabführung von Leonard Bernstein eine illustre Symphonie aufgeführt werden. Illustrer geht’s nicht.

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Dieser Höllenplatz als Konzertplatz, die damalige Höllenstunde als Stunde des weihevollen Genusses; zur Ehre derer zu geigen und zu blasen, die damals in Todesnot gerannt sind oder zu rennen gar nicht mehr die Kraft gehabt hatten: das ist Obszönität. Günther Anders