Rigoletto sitzt in der Bar und süffelt seinen aperitivo. Seine Tochter Gilda, die Gertenschlanke, trägt Hot pants und ein Schoßhündchen. Lässig liegt sie in einem Plüschsessel. Die Primadonna rauft sich das rabenschwarze Haar – wegen eines Fernseh-Melodrams, made in Hollywood.

Blasphemische Oper in Macerata, mitten in tiefster italienischer Provinz? Mitnichten. Szenen aus dem Leben der Stars, gespielt in einer Festspielstadt der mittelitalienischen Region Marche, Eintritt frei für alle.

Am Kaffeehaustisch unter den Renaissance-Bögen der Loggia dei Mercanti vertreibt sich der Titelheld John Rawnsley die Zeit bis zum Mittagessen. Im Nachbardorf Montecassiano, im Hotel „Villa Quiete“, gibt sich die Nachwuchsdiva Cecilia Gasdia eine geballte Ladung RAI-Televisione gegen die Premierenangst. Ihr Hotel, ein ehemaliges Patrizierhaus aus der Mitte des 19. Jahrhunderts, ist das erste Haus am Platz. Weil es gleichzeitig auch beinahe das einzige ist, kommen Festspielgäste und Stars dort unweigerlich zusammen, Touristen wohnen Tür an Tür mit Sängern, Tänzern und Regisseuren.

Die schätzen das altertümliche Haus mit seinem weitläufig verwunschenen Park als ein Refugium der Stille und Kühle zwischen und nach den Proben, denn die Arena Sferisterio von Macerata, ein Bau der zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, besitzt weder Ruheräume noch bequeme Garderoben.

Das ungewöhnliche Gebäude an den ehemaligen Festungswällen der Stadt war nämlich ursprünglich ein luxuriöser Sportpalast. Bälle wurden dann geschmettert, keine Arien. Die „Cento Consorti“ von Macerata, die hundert wohlbetuchten Stifter des Ensembles, waren leidenschaftliche Anhänger des mittlerweile völlig aus der Mode geratenen Spiels „Pallone al bracciale di ferro“. Über die Turniere mit dem Ball am eisernen Armband, die Spielarten und Regeln ist heute kaum mehr etwas bekannt. Seinerzeit indessen müssen diese Spektakel höchst beliebt gewesen sein. Wie sonst wären die spendablen Honoratioren der Stadt auf den Gedanken verfallen, eine so gewaltige Anlage zu errichten, mit einer 90 Meter langen Aufschlagmauer für die Bälle, einem riesigen Halbrund als Spielfeld und einer zweistöckigen theaterähnlichen Tribüne?

Die 52 Logen der ersten Etage teilten sich früher die Noblen von Macerata, im zweiten Stock hatten die weniger Renommierten genauso viele Nischen, und auf der Dachterrasse tummelten sich die gewöhnlichen „tifosi“, die Fans des Schlagballspiels. Mit den zusätzlichen Sitzreihen in der Arena faßt das Sferisterio heute 6000 Leute.

Von „sfera“, der Kugel, dem Ball, der Sphäre auch, leitet sich der Name der Arena ab. Das inspirierte den lokalen Abenteurer und Dichter Francesco Orlandi zu einem frühen Happening. Noch im Eröffnungsjahr hob er sich vom Sferisterio-Feld mit einer Montgolfiere in die Lüfte – der erste fliegende Poet Italiens.