Das lange gärt, wird endlich Mut. Wochenlang vergiftete die Affäre die gute Stimmung. Doch vergangenen Sonntag ergriff Paul Hoffacker, der CDU-Vorsitzende des Bundestagsausschusses für Gesundheit, das Wort: Wein, forderte er energisch, dürfe „künftig nur noch aus Trauben hergestellt werden“ – ohne Zucker, ohne Chemikalien.

Der Ordnungsruf, so weltfremd er klingen mag, kam zur rechten Zeit. Qualitätsweine aus dem Weinland Österreich, die mit dem gesundheitsschädigenden Zusatz Diethylenglykol aufgebessert worden waren, hatten den Markt überschwemmt. Millionen Liter Wein wurden aus dem Verkehr gezogen. Lang verschleppt, nahm der Skandal weltweite Dimensionen an.

In vielen europäischen Ländern warnten die Gesundheitsbehörden dringend vor dem Genuß österreichischen Rebensaftes; in Japan und in den Vereinigten Staaten wurden Verkauf und Ausschank österreichischer und mitverseuchter deutscher Weine gleich generell verboten. In der Bundesrepublik haben die Händler eilends sämtliche Weine aus dem in kriminellen Verdacht geratenen Nachbarland aus ihrem Angebot entfernt; rund fünf Millionen Liter Giftwein wurden behördlich beschlagnahmt.

Die Gesundheitsämter können sich der Anfragen aufgeschreckter Bürger kaum noch erwehren. In den Üntersuchungslabors stapeln sich Tausende Flaschen, die besorgten Weintrinkern nicht mehr geheuer sind. „Wir kommen mit den Analysen nicht nach“, sagt Barbara Seiffert, die Leiterin der Weinabteilung an der Chemischen und Lebensmitteluntersuchungsanstalt Hamburg: „Für solche Katastrophenfälle sind wir nicht eingerichtet.“

Angst geht um, seitdem in mehr als 350 österreichischen Weinen zum Teil lebensgefährliche Mengen Diethylenglykol (siehe Kasten Seite 10) gefunden wurden. Alle Rekorde schlug eine „Beerenauslese Welschriesling 1981“ der Firma Sautner aus Österreichs größter Weinbaugemeinde Gols im Burgenland: 48 Gramm der giftigen Substanz in einem Liter.

Längst ist der Skandal nicht mehr nur auf österreichische Produkte beschränkt. Der süße Giftstoff wurde auch schon in vier deutschen Weinen nachgewiesen, darunter in zwei Abfüllungen aus dem Imperium des größten deutschen Weinhändlers Kuno Pieroth.

Auf Hochtouren laufen die Ermittlungen, die „Verbrecher, die hier am Werk waren“ (Bundeskanzler Helmut Kohl) dingfest zu machen. In Österreich wurden bisher sechzehn mutmaßliche Glykol-Panscher in Haft genommen. Deutsche Staatsanwälte ermitteln gegen mindestens sieben heimische Großabfüller und Vermarkter.