Das lange gärt, wird endlich Mut. Wochenlang vergiftete die Affäre die gute Stimmung. Doch vergangenen Sonntag ergriff Paul Hoffacker, der CDU-Vorsitzende des Bundestagsausschusses für Gesundheit, das Wort: Wein, forderte er energisch, dürfe „künftig nur noch aus Trauben hergestellt werden“ – ohne Zucker, ohne Chemikalien.

Der Ordnungsruf, so weltfremd er klingen mag, kam zur rechten Zeit. Qualitätsweine aus dem Weinland Österreich, die mit dem gesundheitsschädigenden Zusatz Diethylenglykol aufgebessert worden waren, hatten den Markt überschwemmt. Millionen Liter Wein wurden aus dem Verkehr gezogen. Lang verschleppt, nahm der Skandal weltweite Dimensionen an.

In vielen europäischen Ländern warnten die Gesundheitsbehörden dringend vor dem Genuß österreichischen Rebensaftes; in Japan und in den Vereinigten Staaten wurden Verkauf und Ausschank österreichischer und mitverseuchter deutscher Weine gleich generell verboten. In der Bundesrepublik haben die Händler eilends sämtliche Weine aus dem in kriminellen Verdacht geratenen Nachbarland aus ihrem Angebot entfernt; rund fünf Millionen Liter Giftwein wurden behördlich beschlagnahmt.

Die Gesundheitsämter können sich der Anfragen aufgeschreckter Bürger kaum noch erwehren. In den Üntersuchungslabors stapeln sich Tausende Flaschen, die besorgten Weintrinkern nicht mehr geheuer sind. „Wir kommen mit den Analysen nicht nach“, sagt Barbara Seiffert, die Leiterin der Weinabteilung an der Chemischen und Lebensmitteluntersuchungsanstalt Hamburg: „Für solche Katastrophenfälle sind wir nicht eingerichtet.“

Angst geht um, seitdem in mehr als 350 österreichischen Weinen zum Teil lebensgefährliche Mengen Diethylenglykol (siehe Kasten Seite 10) gefunden wurden. Alle Rekorde schlug eine „Beerenauslese Welschriesling 1981“ der Firma Sautner aus Österreichs größter Weinbaugemeinde Gols im Burgenland: 48 Gramm der giftigen Substanz in einem Liter.

Längst ist der Skandal nicht mehr nur auf österreichische Produkte beschränkt. Der süße Giftstoff wurde auch schon in vier deutschen Weinen nachgewiesen, darunter in zwei Abfüllungen aus dem Imperium des größten deutschen Weinhändlers Kuno Pieroth.

Auf Hochtouren laufen die Ermittlungen, die „Verbrecher, die hier am Werk waren“ (Bundeskanzler Helmut Kohl) dingfest zu machen. In Österreich wurden bisher sechzehn mutmaßliche Glykol-Panscher in Haft genommen. Deutsche Staatsanwälte ermitteln gegen mindestens sieben heimische Großabfüller und Vermarkter.

Im burgenländischen Neusiedler See erstickten Fische am vergifteten Wein, den eine Kellerei einfach in die überforderte Kläranlage gekippt hatte. Auch Interpol wurde eingeschaltet: Zwei Wochen lang untersuchten Kriminalbeamte mysteriöse Todesfälle ergebnislos auf Glykol-Verdacht.

Bundesgesundheitsminister Heiner Geißler war am vergangenen Freitag von den österreichischen Bergen gestiegen und stellte in Bonn ein für allemal klar, deutsche Behörden hätten sich bei der schleppenden Aufdeckung des Skandals nichts zu Schulden kommen lassen.

Sein Argument: Die österreichische Handelsdelegation in Frankfurt habe das Ministerium noch am 7. Mai wissen lassen, „es handle sich um geringe Mengen an Diethylenglykol in diesem Wein, so daß eine akute gesundheitliche Gefährdung nicht zu befürchten sei“. Als verläßliche Daten zur Hand gewesen seien, habe er – am 9. Juli – „die Öffentlichkeit vor österreichischem Prädikatswein gewarnt“.

Wohl wahr – nur: Das Wiener Landwirtschaftsministerium hatte die zuständigen Stellen in Mainz (in Rheinland-Pfalz sitzen die größten Importeure österreichischer Weine) bereits am 25. April auf den „verfälschten“ Wein hingewiesen. Der unselige Reigen von Fehleinschätzungen und fragwürdigen Rücksichtnahmen auf die Interessen der einflußreichen Weinbranche, der sich alsbald zwischen Wien, Mainz, dem Bonner Ministerium und dem Berliner Gesundheitsamt entspann, bewog die rheinland-pfälzische Landesregierung vergangene Woche immerhin, personelle, dienstrechtliche und politische Konsequenzen anzukündigen.

Unverantwortlichkeiten hatte es zuhauf gegeben. Der Mainzer Landwirtschaftsminister will von der Affäre erst am 17. Mai „beiläufig, durch einen Kurzvermerk“, erfahren haben. Am 13. Mai teilte das Bonner Gesundheitsministerium per Telex den Länderbehörden arglos mit, „daß akute gesundheitliche Gefährdung nicht zu befürchten sei“. Am 5. Juli meldete das Berliner Bundesgesundheitsamt gar nach Bonn, daß „die Menge von 30 bis 60 Milligramm Diethylenglykol in einem Liter Wein nicht unnötig überschritten werden“ solle.

„Wenn das so ist“, ging am Freitag Renate Schmidt, die Obfrau der Sozialdemokraten im Bonner Gesundheitsausschuß mit den „Saumseligkeiten“ des „Teilzeit- und Übergangsministers“ Geißler ins Gericht, sollte dann die Bundesregierung „nicht das Weingesetz ändern und das Gift Diethylenglykol bis 0,03 Gramm für die Zukunft zulassen“?

Beschlüsse über eine schärfere Fassung des deutschen Weingesetzes (das „beste der Welt“, wie es die damalige Gesundheitsministerin Käthe Strobel pries, als es 1971 verabschiedet wurde) haben die Bundestagsausschüsse für Gesundheit und Landwirtschaft vorerst vertagt. Zunächst soll, so Geißler, die Überwachung von Weinimporten verbessert und die Zahl der 240 zuständigen Zollstellen vermindert werden; im übrigen wolle er „dafür eintreten, daß auf den Weinetiketten Stoffe angegeben werden, die bei der Weinzubereitung verwendet werden und für die Information der Verbraucher von Bedeutung sind“.

Konsumentenschutz wie auf Konserven? Oder: Giftstoffwarnung wie auf Zigarettenschachteln – Glykol etwa nach DIN-Norm?

Auch Österreichs burgenländischer Bundeskanzler Fred Sinowatz handelte. Noch kannte niemand das wahre Ausmaß der Affäre, da legte er am 12. Juli bei Bild die Hand für seine Winzer „ins Feuer“. Nunmehr versprach Sinowatz ebenfalls das „strengste Weingesetz der Welt“ und kündigte eine „weiße Liste“ giftfreier Weine an; auf dem „Giftwein-Gipfel“ der Wiener Regierung zog er sie an diesem Montag allerdings wieder zurück. Politische Spätlese?

In Österreich gärte der Skandal bereits seit geraumer Zeit. Selbst Landwirtschaftsminister Günther Haiden wußte schon Ende 1984 „definitiv“ von der Glykol-Panscherei. Die Legende will, daß der burgenländische Weinhändler Siegfried Tschida dem Finanzamt Rechnungen für Diethylenglykol präsentiert habe, um den „Produktionsbehelf“ von der Steuer abzusetzen. Tatsächlich waren der österreichischen Weinbehörde im November 1984 drei Weinproben mit dem anonymen Hinweis zugegangen, der Rebensaft sei mit Frostschutzstoff veredelt worden.

Die erstaunten Wiener Chemiker benötigten vier Monate, um ein geeignetes Analyseverfahren zu entwickeln. Am 16. April wurde erstmals Wein beschlagnahmt: 1000 Liter würziger Auslese in Tschidas Lagertanks im burgenländischen Seewinkel. Bei weiteren Betriebsdurchsuchungen fand die österreichische Weinbehörde insgesamt drei Millionen Liter glykolverseuchten Prädikatswein, großenteils für die Ausfuhr in die Bundesrepublik vorgesehen.

Zum Wohl: Glykol

Mit einem lapidaren Fernschreiben informierten die Wiener am 25. April das Gesundheitsministerium in Mainz. Wein floß weiterhin in Strömen in den Export. Allein im Mai 1985 gelangten 2,5 Millionen Liter im Wert von 4,5 Millionen Mark in die Bundesrepublik. Trotz österreichischen Weingütesiegels war das Getränk bedenklich. In Wien lag die untere Analysegrenze damals bei 0,2 Gramm Diethylenglykol pro Liter; dies, obwohl der Zusatz prinzipiell verboten ist.

Erst als am 27. Juni eine „Rüster Auslese 1983“ aus einem Stuttgarter Supermarkt auch deutschen Chemikern ihr süßes Geheimnis preisgab, kam der Skandal ins Rollen. Wo immer nun österreichischer Wein entkorkt wurde, fand sich bald Burgenländer, süffig dank Glykol.

Selbst in Qualitätsweinen des Rekord-Jahrgangs 1973, aber auch in billigen Tischweinen entdeckten Prüfer mittlerweile das Gift. In geringen Mengen dort, wo es über zugekauften Wein in das Abfüllprodukt gelangt war; in hohen Dosen dort, wo ein Winzer sein zu sauer Gegorenes in eine vollmundige Köstlichkeit verwandelt hatte. „Das war schon raffiniert ausgedacht“, meint Theo Müller von der rheinland-pfälzischen Landeslehr- und Forschungsanstalt für Weinbau in Trier.

Der zweiwertige Alkohol Diethylenglykol ist leicht löslich, hat einen süßlichen Geschmack und eine hohe Dichte. Dadurch kann bei der Analyse die Menge des verwendeten Zuckers verschleiert und Fülle vorgetäuscht werden (eines der wesentlichen Qualitätskriterien von Prädikatsweinen). Das Gift verhilft dem Wein zu einer samtenen Süffigkeit. „Man braucht gewisse chemische Vorkenntnisse und eine gewisse Unverfrorenheit“, behauptet Weinchemiker Müller (Lieblingsgetränk: Bitburg-Pils), „um darauf zu kommen. Ich kann mir nicht vorstellen, daß das ein Winzer, sondern eher ein ausgekochter Kelleringenieur war.“

Den mutmaßlichen „Vater des Weinskandals“ hofft die österreichische Polizei mittlerweile in Haft genommen zu haben. Der 49jährige Wein-Sensal Helmut Rotter aus Retz in Niederösterreich habe den Winzern den Glykol-Tip gegeben; ein perfekter Ersatz für das früher gebräuchliche und gleichfalls verbotene Glycerin, nach dem Qualitätsprüfer seit Jahren routinemäßig fahnden. Und zudem nur halb so teuer: knapp drei Mark pro Kilo.

Gepanscht, verschnitten, gezuckert, geschwefelt und aromatisiert wird Wein, allen Unschuldsbeteuerungen und Gesetzen zum Trotz. „Wenn die Ernte schlecht war“, besagt eine burgenländische Winzerregel, „muß man eben manchmal was dazugeben.“ War der Sommer zu kalt oder der Herbst zu trocken, dann half ein Besuch beim Kellereiwarenhändler. In guten wie in schlechten Jahren floß jedenfalls Diethylenglykol in den Rebensaft. Damit ließ sich der billige Massenwein zum profitablen Genießertropfen verfeinern.

„Gemunkelt“, so der österreichische Landwirtschaftsminister, wurde schon lange über die unsauberen Praktiken der Weinhersteller. Bereits 1982 berichtete ein Abgeordneter dem Wiener Parlament vom Fälschen der Exportdokumente, der Taktik, edle Prädikatsweine zu Schleuderpreisen zu vermarkten und von dem hohen Zucker- und Chemikalienverbrauch im österreichischen Weinbau. Der Politiker forderte Konsequenzen.

Die Weinbauern zeterten allerdings von einer „Gefahr für den Weinexport“ – allen voran die mächtigen Großhändler, die ihren Wein in Tanklastzügen an deutsche Großabfüller liefern. Der Minister fügte sich. Weinbau ist in Österreich ein wichtiger Wirtschaftszweig: 1984 wurden 2,5 Millionen Hektoliter produziert; 478 000 Hektoliter im Wert von 70 Millionen Mark flossen in den Export – knapp zwei Drittel davon allein in die Bundesrepublik. Die rund 42 000 zumeist kleinen Winzerbetriebe sind in Genossenschaften organisiert. Ihre Obmänner sind kleine Kaiser im Weinland – und mächtige Lobbyisten in Politik und Handel.

Ihre schlitzohrige Strategie hat sich bislang durchweg bezahlt gemacht. Sie versorgten den deutschen Markt mit billiger Supermarktware, die der Geschmackspräferenz der Bundesdeutschen entsprach. Süße Ausleseweine sind allerdings arbeitsintensiv und rar – und daher teuer. Doch dank Glykol gelang täuschend ähnlicher Ersatz zu Dumpingpreisen.

Weingesetze und Qualitätskontrollen ließen sich leicht umgehen. Zwar müssen Auslesen gesondert bei der Weinbehörde angemeldet und registriert werden. Doch die Großexporteure kauften einfach kleinen Winzern ihre Zertifikate ab; diese wiederum wurden ihren Prädikatswein schwarz am Inlandsmarkt los. In diesem blühenden Dokumentenschacher kostete etwa eine Eiswein-Urkunde 1,50 Mark pro Liter – mehr als der dafür vorgesehene Glykolwein.

Der Weingutbesitzer Arnold Friedrich aus Ediger-Eller bei Cochem an der Mosel argwöhnte, bei dem österreichischen Exporterfolg könne „es nicht mit rechten Dingen zugehen“. Als er 1983 in einer Fachzeitschrift Hinweise auf österreichische Weinfälscher fand, beschwerte er sich darüber bei dem rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten Bernhard Vogel (CDU) und dem damaligen Weinbauminister Otto Meyer (CDU). Beide Politiker hätten sich uninteressiert gezeigt. „Völlig unsinnige Darstellung“, konterte ein Regierungssprecher Anfang dieser Woche. Man habe sogar einen „Austro-Weinkontor“ in Hessen überprüfen lassen – Gift fand sich damals keines.

Freilich – auch an Rhein und Mosel herrschen mitunter rauhe Geschäftspraktiken. Große Abfüller kaufen den billigen österreichischen Wein tankwagenweise – und wer kann da noch wissen, unter welchem Etikett er wieder verkauft wird?

Als in der vergangenen Woche in Tokio eine Flasche „Oppenheimer Krötenbrunnen“ der Kellerei Peter Meyer in Bernkastel-Kues mit einem Diethylenglykol-Anteil von 0,13 Gramm pro Liter entdeckt worden war, beteuerte das Unternehmen, das Gift müsse wohl mit jenem österreichischen Wein in den „Krötenbrunnen“ gelangt sein, mit dem der Moselwein verschnitten worden war – schon das ein illegaler Brauch.

Deutsche Weingutbesitzer waren allerdings nie besonders penibel, wenn es darum ging, ihre sauren Sorten an die Käufer zu bringen. Wasser, Zucker und billiger Importwein – aus diesen drei Ingredienzen mixte manche Kellerei ihre wohlfeilen Schloßabfüllungen. Allein in Rheinland-Pfalz beschäftigten in den vergangenen fünf Jahren über 2600 Panscher-Prozesse die Gerichte.

Ein in diesen Verfahren versierter Strafverteidiger, Carlos Schulz-Kappe, entschuldigteseinen Mandanten mit dem Hinweis, er habe sich nur an branchenübliche Usancen gehalten. Der Weinbau, so der Anwalt, „hat sich erheblich weiter als andere Wirtschaftszweige vom Recht entfernt“. Von 1974 bis 1978 wurde etwa im Anbaugebiet Mosel-Saar-Ruwer um 13 Prozent und in Rheinhessen um zehn Prozent mehr Prädikatswein amtlich geprüft, als überhaupt geerntet worden war.

Der Zucker gehört eben zum Wein wie die Traube. Nach langjähriger Übung bedienen sich die Winzer mit Vorliebe kräftiger Flüssigzuckerinjektionen. Der Sirup kommt etwa unter dem Namen „Tropen-Sonnengold“ in handlichen Fünf-Kilo-Kanistern auf den Markt. Derlei „kellertechnische Maßnahmen“ (Fachjargon) verhalfen im regnerisch-kühlen Weinjahr 1978 der deutschen Zuckerindustrie zu einem Umsatzzuwachs von einem Prozent.

Im bislang größten deutschen Weinpanscher-Prozeß gegen den Wein-Kommissionär Heinzgünther Schmitt aus Longuich an der Mosel (beanstandeter Zuckerverbrauch 1972 bis 1980 bei zehn Millionen Liter Wein: 535 Tonnen Kristallzucker und 80 Tonnen Invertzucker) verriet im März dieses Jahres der Vorsitzende Richter Pahl das traditionelle Rezept der Mosel-Winzer, das er „fast wie ein ungeschriebenes Kochbuch“ empfand: Man nehme 1000 Liter Wein und einen 50-Liter-Kanister Flüssigzucker.

Nicht immer reicht der Eigenbauwein aus. Dann rollen Tankzüge mit ausländischem Billigwein – vornehmlich aus Italien – über die Bundesgrenzen. Die Neugierde der Zollbeamten wird mit Deckadressen befriedigt, und der Wein verschwindet in turmhohen Stahltanks, die wie riesige Getreidesilos überall in der deutschen Weinregion in den Himmel ragen. In den großen Abfüllbetrieben wird er dann, getreu einer fränkischen Winzer-Devise, „fausthoch Wein, kniehoch Wasser und reichlich Zucker“, „germanisiert“: Schlichter Landwein aus dem Süden verwandelt sich wunderbarerweise in vollmundige Qualitätsprodukte deutscher Weinkultur. Angebliche Liebfrauenmilch unter dem Markennamen „Blue Nun“ wurde beispielsweise solcherart veredelt und in den Vereinigten Staaten ein Verkaufsschlager. Im Dezember 1982 wurden 200 000 Liter dieser Kreszenz beschlagnahmt. Große Fahndungserfolge sind freilich selten. Die Panschmethoden sind so raffiniert, daß das Weingemisch problemlos Kontrollen passiert. Ihren hohen Zuckerkonsum begründeten die Winzer gern damit, sie brauchten den Sirup zum Füttern der Bienen und zur Herstellung hausgemachter Marmeladen.

Beanstandungen von Konsumenten kommen schon gar nicht vor. Die Zecher vertrauen den blumigen Versprechungen des Etiketts blindlings. Im Offizierskasino der Bundeswehrkaserne von Hammelburg rannen beispielsweise 18 600 Liter vorgeblich edlen Frankenweines durch die Soldatenkehlen – dann erst eröffneten Beamte der Staatsanwaltschaft den Männern, sie hätten lediglich billigen Pfälzer gebechert. „Die Weinwirtschaft steckt in einem tiefen Sumpf gesetzesanarchistischen Sittenverfalls“, klagte die Deutsche Weinzeitung.

Selbst als nun der österreichische Weinskandal das Nachbarland in Verruf brachte, riß die klebrige Spur deutscher Weinverbesserung nicht ab. Nun ermittelt die Staatsanwaltschaft auch gegen den früheren Präsidenten des Deutschen Weinbauverbandes (von 1964 bis 1980), Werner Tyrell. Er soll jahrelang verschiedene Weinsorten im Wert von insgesamt einer Million Mark zu Spät- und Auslesen aufgezuckert haben. Bislang galt Tyrell als Saubermann an der Mosel, der stets strenge Normen und rigoroses Durchgreifen gefordert hatte.

Beteuerungen einerseits und der Griff ins alchimistische Inventar der „kellertechnischen Maßnahmen“ anderseits: Österreichische und deutsche Winzer waren in ihrem Kampf um Marktanteile selten kleinlich. Während seines Prozesses plaudern Weinhändler Fritz Kropp aus Hameln (Weinsorte „Piesporter Treppchen, Spätlese“) aus der Praxis: „Wenn ich ins Weingebiet zum Einkaufen fahre, stellt man mir Grundwein hin und die Süßreserve Ich brauche nur zu sagen, wie ich es möchte. Der Wein wird dadurch nicht teurer oder billiger.“

Wein, nach Maß gezuckert, kann jeder Großkunde in Auftrag geben. Auch der Wirt des Hamburger Heurigenlokals „Wiener Marie“, Gerhart Lapner, machte diese Erfahrung. Nachdem ex Wein aus einer Kellerei im Wiener Stadtrandbezirk Neustift verkostet hatte, beanstandete er die blasse Farbe des Rebensaftes. Antwort aus Wien: „Kein Problem. Das kriegen wir schon hin.“

Lapner bezieht nun seine Weine aus den niederösterreichischen Weinbaugebieten Krems und Loiben und hofft auf die Ehrlichkeit seiner Lieferanten. In seiner Schankstube herrscht trotz Glykol-Hysterie und Urlaubszeit Hochbetrieb: Die ungarische Kapelle greift ans Herz, die Geiger schluchzen und der Wein steigt zu Kopf. Lapnen beklagt den Geschmack seines deutschen Publikums. Es sei geradezu süchtig nach den „süßen Suppen“, die so schön ölig durch die Kehle rinnen und wohlig müde machen. Markenweine, wenn sie ausnahmsweise echt sind, munden den Zechern nicht: zu sehr unterscheiden sie sich vom gewohnten Kopfwehwein.

Der Betrug kam gelegen

Von Weinkultur sei eben in deutschen Landen keine Spur. Wer meint, edle Spätleseweine für 2,99 Mark die Flasche im Supermarkt erstehen zu können (wo doch das Naturprodukt im Einkaufspreis nicht unter fünf Mark zu haben ist), dem gebührt auch der anschließende Kater. Bei manchen weinartigen Produkten, wie bei den allseitig beliebten „Kellergeistern“, läßt sich an der Flasche ohnehin mehr verdienen als am Getränk.

Die Einkäufer der großen Verbrauchermärkte, meinen Weinexperten, trifft ein erheblicher Teil der Schuld am österreichischen Weinskandal. Sie hätten wissen müssen, daß das Preis-Leistungs-Mißverhältnis einfach zu eklatant ist, um ihrer Kundschaft derartige Gelegenheitskäufe ins Regal stellen zu können. „Manche spielen jetzt die Betrogenen“, sagt ein Weinkenner, „aber wahrscheinlich kam ihnen der Betrug ganz gelegen.“

Wenig Mitleid mit den Giftwein-Konsumenten zeigt auch Heinz ten Doornkaat, Kellermeister im „Bremer Ratskeller“ und Deutschlands heimlicher Weinpapst. Wein mit Niveau, meint er, sei kein Luxus; vielmehr sei mangelndes Weinverständnis eine „Kulturschande“. Als Rheinländer pflegt er seine norddeutsche Kundschaft wie ein Seelsorger, der hofft, Ungläubige bekehren zu können.

Ratskellermeister ten Doornkaat zählt zu den raren Genießern, die im Wein noch immer höchste Verfeinerung abendländischer Zivilisation sehen. Er liest nicht, hört nicht Musik, verkostet aber jährlich Tausende Weine. Nur wenige können bestehen. Den österreichischen Giftwein hätte er sofort entlarvt: „Diese unnatürliche, platte, schwere und unharmonische Süße – das schmeckt man doch sofort.“

Im kühlen, gotischen Gewölbe seines Kellers lagern rund 750 000 Flaschen Wein. Hinter einem schmiedeeisernen „Tor zum hohen Genuß“ ruhen die ausgesuchten Köstlichkeiten seiner „Schatzkammer“. Ehrwürdigste Rarität: Ein „Rüdesheimer Apostelwein“, Jahrgang 1727, ein purpurgoldner Tropfen mit schwerem, vollen Aroma, der an alten Madeira erinnert. Ten Doornkaat sammelt nur deutschen Wein. Er kennt jede Lage, schmeckt jeden Keller. Die Etiketten auf den Flaschen liest er mit bewundernder Verehrung, jedesmal eine „Herrlichkeit“. Im Wein ‚ meint er, da liege „eine Offenbarung“.

Längst ist Wein allerdings auch zur Massenware verkommen – und dementsprechend wird er erzeugt, vermarktet und konsumiert. Zwar verbietet beispielsweise die „Weinmarktordnung“ der EG, Qualitätswein aus verschiedenen Ländern zu verschneiden; erlaubt ist dies jedoch beim sogenannten „Tafelwein“. In riesigen Mengen wird Preßgut aller Regionen zu „Euro-Blend“ vermischt, der untersten Güteklasse, die im geeinten Europa noch legal erhältlich ist. Ein blumiges Etikett und ein knalliger Name, eine Chiffrenummer, der kleingedruckte Hinweis „Verschnitt von Weinen aus mehreren Ländern der Europäischen Gemeinschaft“ – fertig ist der tolle Trank.

Solcher Wein ist in deutschen Verbrauchermärkten wohlfeil: Ein Liter im Tetra-Pack kostet bei Aldi 1,45 Mark in Weiß, 1,65 in Rot.

Natürlich sei „allen schleierhaft“, meint Weinprüferin Barbara Seiffert, „wo diese Mengen herkommen“. Letztlich kann die Behörde aber den Billigweinen nichts anhaben. „Selbstverständlich sind sie mit amtlichen Papieren versehen, die bestätigen, daß alles seine Richtigkeit hat. Wir überprüfen dies dann. Der Wein ist vielleicht zu stark ausgepreßt und schmeckt nicht gut; aber für ein gerichtfestes Gutachten reicht das nicht aus. Den Wein vom Markt nehmen, nur weil er nicht schmeckt – das geht nicht!“

Nicht eben groß ist der Mut der Kontrollbehörde, einem Geschäft in die Quere zu kommen, bei dem es jährlich allein bei deutschem Wein um rund zwei Milliarden Mark geht. Erst unlängst argwöhnte die Zeitschrift für das gesamte Lebensmittelrecht, bei der „Auslegung des Weinrechts durch die Exekutive“ sei vor allem das „Bestreben motivierend“, Erzeugern, Verarbeitern und Händlern „praxisfreundlich entgegenzukommen“. Ein um Objektivität bemühter Prüfer ziehe „sich den Vorwurf zu, er verbreite Unruhe“ und müsse „mit mafiaähnlichen Pressionen rechnen“. Aus solchem Denken resultiere die Forderung: „Die Rechtsprechung muß absatzorientierter werden.“

Schon immer ließ sich die Weinwirtschaft nur ungern in ihre Keller schauen, wenn die Hilfsmittel zur Debatte standen, mit denen der Rebensaft haltbar („stabil“) und klar („schön“) gemacht werden soll. In seiner Werbebroschüre „Der Weg zum Wein“ erwähnt der mit Steuermitteln finanzierte öffentlich-rechtliche „Stabilisierungsfonds für Wein“ in Mainz (vor allem für das Marketing zuständig) lediglich zwei der insgesamt 29 EGweit zugelassenen „Kellerhilfsstoffe“: „Gelatine und sehr quellfähige Tone“, beides allenfalls durstbremsende, aber nicht sehr gefährliche Stoffe. Und im Weinfreund (Untertitel: „Journal für Feinschmecker und Genießer“) heißt es: „Wollen die Verbraucher das eigentlich alles wissen?“

Tiefere Einsicht in die Geheimnisse der Kellerwirtschaft blieb den Weintrinkern bislang zumeist auch erspart. Immer häufiger vertrauen die Herstellen allerdings den Methoden der Lebensmitteltechnologen. Große Abfüller unterhalten eigene Labors; an staatlichen Forschungsinstituten beraten Weinchemiker die Winzer und Kellermeister, wie aus Rebensaft handelsüblicher Wein gewonnen werden kann. Bei Theo Müller in Trier werden die Weinbauern vorstellig, wenn ihr Naturprodukt nicht den Marktanforderungen entspricht oder „Fehlgeschmäcker“ kuriert werden müssen. Chemiker Müller untersucht den kranken Wein und schreibt ein Rezept. Danach kann im Weinkeller die Behandlung erfolgen. „Würde der Wein noch nach Altvätersitte hergestellt werden“, behauptet er, „dann wäre er nicht zu verkaufen und ungenießbar.“

Unumstritten ist so mancher „Kellerhilfsstoff“ dennoch nicht. Die meisten Kopfschmerzen bereitet der Zusatz von schwefeliger Säure in Form von Kaliumbisulfit oder Schwefeldioxid. 1500 bis 2000 Milligramm pro Liter Most unterbinden die Bildung von Mikroorganismen, die den Wein verderben lassen: So wird der Wein „stabil“. Schwefelige Säure (medizinisch gesehen ein Antiparasitikum, Entwesungs-, Lebensmittelbleich- und Konservierungsmittel) kann dem Wein sowohl bei der Gärung als auch vor der Abfüllung (als Zusatz zur sogenannten „Süßreserve“) beigemischt werden. Diese Süßreserve, unvergorener Traubensaft, wird erst sterilisiert (Fachjargon: „totgeschwefelt“) und dann wieder nach verschiedenen Verfahren auf zulässige Grenzwerte rückentschwefelt.

Je süßer der Wein, desto mehr Schwefel muß her, um ihn haltbar zu machen. Die höchsten Schwefeldioxidmengen sind in den Trockenbeerenauslesen zugelassen: 400 Milligramm pro Liter. Wie gut solch voller Tropfen tut, merkt der Trinker spätestens am Tag danach: Schädelbrummen, Schwindelgefühle und Kreislaufbeschwerden.

Fehlt der Stoff im Wein, reagieren selbst Experten sauer. Schwefelfreier österreichischer Welschriesling schmeckte den Verkostern vom Stabilisierungsfonds „wie ein leicht alkoholisierter Apfelwein, der zwei Wochen offen in der Sonne gestanden hat“.

Weitere Hilfsstoffe werden dem Wein zwecks Schönung beigemengt. Sie sollen trübende Bestandteile binden. Dies geschieht mit dem Aluminiumsilikat Kaolin, mit dem Tonmineral Bentonit, mit Aktivkohle, Gelatine, Gerbsäure, Kieselsäure oder mit dem Eiweiß aus den Schwimmblasen von Stör, Wels oder Hausen. In südlichen Ländern wird – wie früher auch in Deutschland – zur Schönung teilweise noch immer getrocknetes Ochsenblut in den Wein gemischt. Äußerst risikoreich ist die Beimischung von Gelbem Blutlaugensalz (Kaliumhexacyanoferrat II) zur sogenannten „Blauschönung“ des Weines. Mit diesem Zusatz sollen Schwermetalle gebunden werden. Dabei kann es leicht zu einer „Überschönung“ kommen: Hochgiftige Blausäure bildet sich im Wein.

Um auch die letzte Trübung ebenso wie Chemikalienrückstände aus dem Wein wieder herauszufiltern, durchläuft er Kieselgur-, Zellulose- und Asbestschichten. Der für die Herstellung von Filtermaterial verwendete Asbest ist toxikologisch höchst bedenklich. Wenn die Filter nicht richtig gewässert werden, erhält der Wein zudem eben „Asbestgeschmack“, der sich nur wieder durch andere Chemikalien übertönen läßt. In Japan wurden Krebsfälle im Magen-Darm-Trakt mit Asbest in Verbindung gebracht. In den Vereinigten Staaten steht asbestgefilterter Wein auf dem Index. Das Berliner Bundesgesundheitsamt befürchtet indes „keine Gesundheitsgefährdung durch Asbest“.

Konserviert und geschönt wurde schon immer – früher aber mit Mitteln aus Feld und Flur. Im antiken Rom wurde Wein mit Mehl, Käse und Honig stabilisiert – dennoch soll er wie Essig geschmeckt haben. Kellermeister der Barockzeit mixten unter anderem grobgestoßenen Marmor, gebrannte Kreide, Rote Bete, Rübenhäcksel, Hobelspäne (möglichst von Zypressenholz) oder Rosenwasser in den Wein.

Keines der verschwiegenen Mittelchen der Weinzubereitung vermochte allerdings je die Zunft so sehr in Verruf zu bringen wie die österreichische Glykol-Affäre. Nun sorgt sich die deutsche Weinwirtschaft um ihren Absatz; in Österreich steht sie gar „vor dem Nichts“. „Dies ist nicht die Stunde Null“, heißt es im Nachbarland, „denn damals hatten wir noch keinen Ruf zu verlieren.“

Übrig bleibt nur der verseuchte Wein – jeweils fünf Millionen Liter in der Bundesrepublik und in Österreich. Anscheinend ist er nicht mehr loszuwerden. Großimporteure wie der Schwabe Ingo Mack, fühlen sich „von den Behörden im Stich gelassen“. Bislang drückten sich die Politiker kleinlaut um eine Entscheidung, wie der Weinsee wieder aus der Welt zu schaffen sei. Einer der Aufdecker des Skandals, Paul Jägerhuber vom baden-württembergischen Gesundheitsministerium, denkt schon an eine Großaktion zur „Sondermüll-Vernichtung“.

Deutsche Weinhändler haben vorläufig zwei Möglichkeiten: Den Glykol-Wein zu Industriealkohol verarbeiten zu lassen (Erlös: sieben Pfennig pro Liter) oder ihn nach Österreich zu retournieren (dabei würden ihnen zumindest die rund 30 Pfennig Zoll pro Liter zurückerstattet).

Die Österreicher spekulieren derweil mit einer reichlich kühnen Variante: Sie tüfteln, ob sich ihr Diethylenglykol beim Destillationsprozeß verflüchtigt und aus den süffigen Giftauslesen womöglich scharfer Trinkbranntwein gewonnen werden kann. •