Von Hermann Vinke

Im winzigen Wohnzimmer der Japanerin Hanako Ishii stehen zwei Büsten von Richard Sorge. Die eine modellierte ein japanischer Künstler, die andere Hanako Ishii selbst. „Der Richard Sorge, den ich kannte, hatte menschlichere Züge“, sagt die 74jährige über ihren Geliebten, der 1944 als Meisterspion in Tokio hingerichtet wurde, nachdem er seine Doppelrolle als Korrespondent der Frankfurter Zeitung und Sowjetagent ausgespielt hatte.

Seit Kriegsende bewohnt Hanako Ishii ein kleines Holzhäuschen in Mitaka, einer Vorstadt von Tokio. Die alte Dame lebt von einer bescheidenen Rente, die sie dadurch aufbessert, daß sie an Schüler und Studenten untervermietet.

Andenken an ihren berühmten Lebensgefährten besitzt sie nur noch wenige: Eine Brille, eine Gürtelschnalle, einen goldenen Fingerring und Photos. Einige Aufnahmen hängen im Wohnzimmer – Bilder, die ein Gesicht zeigen, über das der Publizist Friedrich Sieburg schrieb, er habe selten so ausdrucksvolle und lebendige Züge gesehen. In einem Album bewahrt Hanako Ishii außerdem noch einige Photos aus dem „Rheingold“ auf, dem deutschen Restaurant an der Ginza in Tokio, wo sie Richard Sorge am 4. Oktober 1935 kennenlernte, „an seinem 40. Geburtstag“, wie sie später erfuhr. Ein Bild zeigt die Theke mit der Aufschrift: „Fröhlich-Feuchte Grüße aus dem Rheingold Tokyo“. Das Lokal existiert noch, wenngleich unter einem anderen Namen. „Manchmal besuche ich es“, berichtet Hanako Ishii, „aber nicht zu oft.“

Im „Rheingold“ wurde sie „Agnes“ gerufen. Der Wirt gab seinen Kellnerinnen deutsche Vornamen in der Reihenfolge des Alphabets. Sorge nannte sie „Miyake“, das ist der Familienname ihrer Mutter, den sie lieber mochte als Hanako oder Ishii.

Trotz der Erinnerungsstücke ist das Wohnzimmer kein Museum, und Hanako Ishii, im weißen Strickpulli mit grüngeblümtem Rock, spielt nicht die trauernde Hinterbliebene. Ihre 74 Lebensjahre vergißt man sofort wieder. Sie ist ein Energiebündel, unablässig sprudelt es aus ihr heraus, Geschichten und Ansichten über Richard Sorge. Sie hat alles gelesen, was über den Agenten geschrieben wurde, auch die im vergangenen Jahr erschienene, bislang umfangreichste Biographie des amerikanischen Autors Gordon W. Prange mit dem Titel: „Target Tokyo – The Story Of The Sorge Spy Ring“.

Das Buch sei gründlich recherchiert, meint Hanako Ishii, aber es enthalte dennoch einige Fehler. So sei das Alter der Frauen, mit denen Sorge zu tun gehabt habe, nicht richtig angegeben worden. Auch die 17teilige Spiegel- Serie „Herr Sorge saß mit zu Tisch – Porträt eines Spions“ aus dem Jahre 1951 hat sie sich übersetzen lassen. Ihre Kritik: Das Ganze sei zu sehr auf Frauen- und Saufgeschichten abgestellt gewesen.