Rechtzeitig zur nachrichtenarmen Sommerpause vermeldete die Münchener Medizinische Wochenschrift, daß die Pille "für den Morgen danach" noch in diesem Herbst auf den Markt kommen soll. Diese Pille ist freilich eine alte Bekannte in neuen Kleidern (siehe auch ZEIT Nr. 10/85). Ihre Zulassung durch das Bundesgesundheitsamt (BGA) ist lediglich die amtliche Bestätigung einer von Ärzten seit Jahren geübten Praxis. Die "Pille danach", eine Kombination verschiedener Hormonpräparate, ist allerdings keine Alternative zur Empfängnisverhütung – ein Eindruck, der nach Aussage von Ärzten bei vielen Frauen entstanden ist.

Die Neueinführung ist von der Zusammensetzung her identisch mit einer Antibabypille, die bereits seit vielen Jahren zur üblichen Schwangerschaftsverhütung eingesetzt wird und dafür vom BGA auch zugelassen ist. Ärzte setzten jedoch bisher schon vier Tabletten dieses Präparates als Hormonstoß ein (das sichert ihnen die Therapiefreiheit zu), um die Einnistung eines möglicherweise befruchteten Eies in die Gebärmutter zu verhindern. Diese Indikation hatte der Hersteller jedoch nicht beantragt, wodurch die juristische Verantwortung für die Folgen dieser Maßnahme beim Arzt lag.

Jahrelange Studien der Deutschen Gesellschaft für Sexualberatung und Familienplanung – Pro Familia – zeigen, daß die neue Art der Pillenanwendung ebenso erfolgreich ist wie die früher eingesetzten mit hohen Hormondosen, aber weniger Nebenwirkungen hatte. Auf Drängen der Ärzte erwirkte der Berliner Pillenproduzent Schering jetzt eine Zulassung der verschreibungspflichtigen Hormonkombination – allerdings unter anderem Namen – für "die Verhütung einer Schwangerschaft innerhalb von 48 Stunden nach ungeschütztem Geschlechtsverkehr". Damit übernahm Schering die Verantwortung für die neue Indikation.

Ärzte und der Hersteller sehen aber auch das Risiko dieser Methode: "Frauen können dazu verleitet werden, keine Verhütungsmittel mehr zu nehmen und sich auf die hormonelle Notbremse zu verlassen", befürchtet die Ärztin Ursula Lämmermann von Pro Familia München. Die Notfall-Maßnahme bringt noch immer eine starke Hormonbelastung mit sich, die den weiblichen Zyklus durcheinanderbringen und auch Nebenwirkungen wie Übelkeit und Erbrechen auslösen kann. "Ebenso ist sicher", so eine Firmensprecherin von Schering, "daß ein solches Präparat wirkungslos bleibt, wenn sich das Ei bereits eingenistet hat. Nur die Einnahme innerhalb von 48 Stunden kann die Einnistung verhindern."

Die Frauen müssen also auf Verdacht zur Pille danach greifen, auch dann, wenn eine Befruchtung nicht stattgefunden hat. Dem hormonellen Schuß ins Blaue werden sich, so hoffen jedenfalls die Ärzte, die Frauen nicht jeden Monat aussetzen wollen und damit den Notfall zum Regelfall machen. "Zwar ist es wichtig, daß Ärzte und Öffentlichkeit über diese Möglichkeit informiert werden", schließt sich Karl Heinz Kimbel von der Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft der Meinung von Pro Familia an. "Aber nur unter dem Aspekt, daß diese Pillen keine übliche Methode der Empfängnisverhütung, wohl aber eine Methode zur Verhütung von Abtreibungen ist." Barbara Hochberg