Dürrenmatt: Nicht eigentlich einen Moment, sondern einen Zustand. Ich hab’ immer das Gefühl, „falsch“ berühmt zu sein. Durch den „Richter und sein Henker“, durch „Die alte Dame“, durch „Die Physiker“, daß, was ich sonst noch geschrieben habe, nicht zählt, und darunter gibt es Stücke und Prosa, die ich für wichtiger und besser halte als meine Evergreens. Ich fühle mich nicht auf dem Sockel, man glaubt, ich sei auf dem Sockel, und mit einem Monument gibt man sich nicht mehr ab. Man bewundert es, statt sich mit ihm zu beschäftigen, oder man erklärt es für „tot“, so wie viele Kunstmodeschöpfer es mit Brecht tun. Ich hätte sehr gern einmal wieder die frühen oder die ganz späten Stücke auf einer großen Bühne. Die erlebe ich dann nur noch im Ausland. Als ich vor vielen Jahren in den Kammerspielen noch zu Hause war, saß Schweikart in einem schäbigen Büro und hatte einen Dramaturgen, heute haust dort ein Heer von Dramaturgen – keine Ahnung, was die so treiben. Den Dorn traf ich neulich zufällig auf einer Gesellschaft. Ich kannte den gar nicht. Er hatte einen Schreck, den lebenden Dürrenmatt zu treffen. Er erstarrte wie Don Juan bei Erscheinen des steinernen Gastes. Ich habe 19 Stücke geschrieben. Langsam frage ich mich, soll ich das zwanzigste Stück noch schreiben.

F.J.R.: Bei einem Stück erwachen die Figuren erst durch eine Rolle, durch eine Interpretation zum Leben. Die Schauspieler spielen vor fremden Leuten. Ist das Publikum für Sie eine Kategorie?

Dürrenmatt: Ich bin selbst mein Publikum. Ich schreibe für mich. Ich fange an, daß ich mir die Bühne überlege. Ich führe beim Schreiben eine Art Rohregie, dann kommen die Proben, die Arbeit mit den Schauspielern, die Diskussionen, die Engpässe, die Striche, die Textänderungen: Das meiste während der Proben. Ein Stück entsteht mit den Schauspielern. Ich bin früher bei allen Proben dabeigewesen, griff im Schauspielhaus Zürich immer unmittelbar ein, führte oft selber Regie. Dann jedesmal der Schock der Generalprobe. Plötzlich kommen Zuschauer. Als ob plötzlich im Schlafzimmer fremde Leute wären. Mit der Generalprobe hört für mich die Theaterarbeit auf. Die Premieren zählen nicht mehr dazu. Die finden vor dem Publikum statt. Aber das Premierenpublikum ist nicht das Publikum. Zuviel Schickeria und vor allem – Verzeihung – zu viel Kritiker. Der Kritiker ist der schlechteste Zuschauer, sonst wäre er nicht Kritiker. Eine Aufführung ist ein Ereignis. Ein Ereignis erlebt man, strenggenommen ist es unmöglich, gleichzeitig zu erleben und kritisch zu sein. Nach der Premiere kommt dann das eigentliche Publikum. Das kann aus jedermann bestehen. Weder für das Premierenpublikum noch für jedermann kann man schreiben. Was ist also Publikum? Ich weiß es nicht.

F.J.R.: Das Ihre ist in erster Linie deutsches Publikum. Eigentlich sind Sie so eine Art Gastarbeiter.

Dürrenmatt: Ja, ich bin Gastarbeiter.

F.J.R.: Hat das für Sie je eine Rolle gespielt, daß Sie eigentlich in erster Linie für ein Ausland schreiben? Das gibt es ja für keinen Arthur Miller, für keinen Günter Grass und für keinen Sartre. Die schreiben ja erst einmal innerhalb ihrer Nation.

Dürrenmatt: Ich empfinde Deutschland nicht als Ausland. Komischerweise nicht. Ich habe mich immer innerhalb der deutschen Kultur bewegt. Ich fühle mich in Frankreich im Ausland. Ich fühle mich auch in Italien als Ausländer, aber in Deutschland und Österreich nicht. Ich fühle mich in der Sprache zu Hause. Schweizerdeutsch ist Mittelhochdeutsch, eine ältere Form des Hochdeutschen.