In Mainz stand der ehemalige Präsident des deutschen Weinbauernverbandes wegen Panscherei vor Gericht

Von Irene Mayer-List

Es war eher ein Zufall: Auf einer Weinversteigerung im Herbst 1978 probierte eine amtliche Weinprüferin aus Trier zum Spaß eine Beerenauslese vom Gut des damaligen deutschen Weinbaupräsidenten Werner Tyrell. Als Spitzenwein wurde der Tropfen im Katalog vorgestellt. Schätzpreis: 140 Mark die Flasche. „Ziemlich dünn“, rümpfte Brigitte Holbach beim Probieren die Nase, „sehr kleiner Wein für das, was er sein soll.“

Irgend etwas schien faul. Ein paar Monate später schickte sie deshalb die Weinkontrolleure zum Gut des Präsidenten am Moselnebenfluß Ruwer. Sie sollten einmal von besagtem Wein Proben für die chemische Untersuchung ziehen.

Tyrells Kellermeister Nikolaus Burscheid machte, wie er sagt, „runde Augen“. Weinkontrolleure, die beim deutschen Weinbaupräsidenten wie bei einem ganz gewöhnlichen Winzer Stichproben zu nehmen wagten und in die Bücher schauten, waren für ihn ein Novum. Hatte nicht der Chef noch kürzlich seinen etwas ängstlichen Kellermeister abgekanzelt: „Ich bestimme, was in die Bücher kommt. Haben Sie schon einmal erlebt, daß Kellerbücher kontrolliert werden?“

Am Montag dieser Woche stehen die roten Kellerbücher dennoch in einem kleinen Weinkarton – Aufschrift: deutscher Wein frostgeschützt – vor dem Richter im Saal 201 des Mainzer Landgerichts. Nikolaus Burscheid gesteht verzagt, er habe besagte Beerenauslese auf Geheiß des Chefs mit Kristallzucker „manipuliert“. Mißbilligend schaut der Chef, der ebenfalls auf der Anklagebank sitzt, seinen wichtigsten Mitarbeiter – monatliche Einkünfte 3170 Mark brutto – an. „Möglicherweise habe ich das angeordnet“, räumt er ein und setzt dann nach dem Appell des Staatsanwaltes an seine Offiziersehre widerwillig hinzu: „Gut, ich gebe es zu.“

Orden für den Präsidenten

In den Sälen des Mainzer Landgerichts und der benachbarten Staatsanwaltschaft wird derzeit der Ruf des deutschen Weinbaus besiegelt: Beinahe alle der 2600 Winzer und Händler, die in den siebziger Jahren ihre Ware mit italienischen Tropfen oder Rübenzucker – Favorit: Marke Tropengold – veredelt hatten, wurden hier verurteilt: Zwei große Verfahren stehen noch aus. Und sieben Ermittlungsverfahren laufen bereits gegen Kellereien, die deutsche Tropfen mit burgenländischem Glykolwein versüßt haben sollen. Mit dem Fall Tyrell fiel nun auch die letzte Bastion, mit der sich der deutsche Weinbau noch vor den Vorwürfen seiner Kunden retten konnte: Der Rat, zur Sicherheit teure Weine bei renommierten Gütern zu kaufen. Denn Tyrell, bis 1980 sechzehn Jahre lang Weinbaupräsident, gestand nicht nur, seine Beerenauslese mit Zucker zu höheren Weihen – und Werten – gewürzt zu haben, sondern auch mehrere Dutzend anderer Weine?

Sein Betrieb, der Karthäuserhof bei Trier, in den er nach dem Krieg eingeheiratet hatte, gehörte zu dem kleinen Zirkel deutscher Prädikatsweingüter, der crème de la crème im deutschen Weinbau, die auf Reinheit ihrer Produkte besonders pocht. Noch 1980 wurde ihm „für seine Verdienste um den deutschen Wein“ das Große Bundesverdienstkreuz verliehen. Allerdings waren die Mainzer Beamten damals schon unsicher: Mehrmals fragten sie bei den Trierer Weinlaboratorien und bei Brigitte Holbach nach, ob sie im Tyrell’schen Tropfen denn nun Zucker gefunden hätten. Doch da die Ergebnisse 1980 noch nicht eindeutig vorlagen, bekam der Weinpräsident seinen Orden. Ob er sich damals nicht geschämt habe, will der Staatsanwalt wissen. „Ich lege auf Ehrungen keinen besonders großen Wert“, ist die ausweichende Antwort.

Auf die Frage nach dem Lebenslauf rattert er nicht ohne Arroganz herunter: „Drittes Preußisches Artillerieregiment, Frankfurt an der Oder, Polen: verwundet, Frankreich: Granatsplitter, von Stalingrad zurückbeordert, 44: Hauptmann im Generalstab.“ Die Moselwinzer lästerten schon immer: Am liebsten würde der Tyrell mit einem Pferd aus der eigenen Trakehnerzucht in die Bauernversammlungen reiten.

Viele haßten den preußischen Gutsherrn: Vor allem Winzer, die nicht wie er zwanzig Hektar bekanntester Rebhänge in Süd- und Südwestlagen bewirtschafteten, sondern nur die Normalgröße der Gegend von anderthalb Hektar unbedeutender Qualität. Seine Auftritte wurden mit Pfeifkonzerten begleitet, einmal bekam er sogar Prügel.

Doch nicht etwa, weil man ihn für einen Schlawiner hielt. Im Gegenteil: Der zackige Offizier galt als zu ehrenhaft. Das strenge Weingesetz von 1971, bei dem er die Maßstäbe mitsetzte, verziehen ihm die kleinen Moselwinzer nie. Denn dank dieser Gesetze konnten sie – ebensowenig wie er – nicht mehr wie bis dahin, in schlechten Jahren legal ihre Tropfen mit Zuckerwasser und fremden Weinen zu den von den Kunden ach so geliebten Spätlesen aufbessern. Sie blieben auf ihrer Ware sitzen oder bekamen in Regenjahren klägliche Preise. An Mosel-Saar-Ruwer und Ahr, den nördlichsten deutschen Weinregionen, die auf der Höhe von Neufundland liegen, lacht die Sonne eben nicht jedes Jahr so gleichmäßig freundlich wie in Rheinnessen und der Pfalz.

Dafür sind die Kosten für die Bewirtschaftung der steilen Rebhänge – oft hilft nur eine Seilwinde – um so höher: genau doppelt so hoch wie zum Beispiel in der flachen Pfalz. Für die Moselwinzer, die erst vor einer Woche wieder vor dem Mainzer Dom für mehr Unterstützung demonstrierten, waren die strengen Paragraphen des Weingesetzes, die allein nach dem Zuckergehalt der gelesenen Trauben die Qualität eines Weines bewerten, deshalb ein Problem. Und Tyrell war daran schuld: Nur ein großes Weingut wie das seine konnte, so dachten sie, regnerische Jahre leicht ohne Schulden überstehen. Die Preise für die edlen Tropfen aus guten Jahrgängen machten die Ausfälle mehr als wieder wett.

Schließlich mahnte sie der Verbandspräsident zu ihrem Ärger immer wieder. Sie sollten nicht aus „Profilierungssucht und Eigennutz“ ihre Weine „mit einem Händchen voll Zucker zu einer wesentlich besser bezahlten Spätlese hinaufmanipulieren“, schrieb er im Verbandsblatt Der Deutsche Weinbau.

Billiger Zucker für teuren Wein

Jetzt hört er mit eisigem Gesichtsausdruck dem Oberstaatsanwalt zu. Auch sein Anwalt Egon Müller aus Saarbrücken, der auch Otto Graf Lambsdorff verteidigt, hat während des Verfahrens kaum Einwände. Oberstaatsanwalt Waldemar Bohr verliest die Anklage: Kellermeister Burscheid habe „unter Verwendung von Kristallzucker insgesamt 1758 Liter angeblicher Beerenauslese der Jahrgänge 1971 und 1976“ panschen müssen. Auch 65 705 Liter teurer Auslesen der „Jahre 1973, 1975, 1976, 1979, 1981 und 1982 wurden mit Kristallzucker anstatt Süßreserve gesüßt und nachgesüßt“, ebenso 40 000 Liter Spätlesen und Kabinettsweine. Der billige Zucker wäre zwar bei einem einfachen Tafel- oder Qualitätswein durchaus erlaubt gewesen. Die edlen und teuren Prädikatsweine hingegen, so will es das deutsche Weingesetz, dürfen nur mit unvergorenem Traubensaft – der Süßreserve – verbessert werden. Der Verkaufserlös aus den gepanschten Weinen, so schätzt der Oberstaatsanwalt, hätte bei 950 000 Mark gelegen – knapp ein Jahresumsatz des Karthäuserhofs.

Die Kunden des Präsidenten – unter ihnen die Kellermeister der Chemiekonzerne Bayer und BASF – haben ihre Weine längst auf Anraten der Staatsanwaltschaft zurückgegeben. Selbst hatten sie nie Verdacht geschöpft. Denn an den Hängen des Karthäuserhofberges, auf dem bis zur Säkularisierung durch Napoleon schon fünfhundert Jahre lang Mönche gute Trauben ernteten, reiften wirklich außergewöhnliche Rieslinge. So fiel denn auch niemandem auf, wenn Tyrell seine guten Jahrgänge mit Hilfe von Zucker etwas reichlicher ausfallen ließ, solange er sich bei bekannt schlechten Jahren zurückhielt. Und wurde die Nachfrage dann einmal wirklich zu stürmisch, so mußte Kellermeister Burscheid flugs noch ein paar „Verwandtschaftsweine“ – unkontrollierte Weinreserven aus diversen Jahren – abfüllen. Und mit Lagennamen und der amtlichen Prüfnummer der gerade ausgegangenen Partie versehen. Solange der Name des Weinbaupräsidenten auf dem Etikett prangte, schien den Kunden alles zu schmecken.

Müssen sie sich jetzt nicht wundern, daß bei Tyrell niemals amtliche Kontrolleure die Fässer überprüften? Daß die Buchführung in seinen Kellern mehr als dubios war und ein vorgeschriebenes Zuckerbuch sogar ganz fehlte? Es wäre für die Beamten Pflicht gewesen, sich jedes Jahr danach zu erkundigen. Muß man sich nicht wundern, daß sich die Ermittlungen zum Fall Tyrell über fünf Jahre hinschleppten? Daß die Trierer Weinprüferin Brigitte Holbach während ihrer chemischen Untersuchung sogar einmal gemahnt wurde, sie sei zu streng und würde der deutschen Weinwirtschaft schaden? Der Prozeß des ehemaligen Weinbaupräsidenten wirft nicht nur ein schlechtes Licht auf ihn, sondern auch auf die Kontrollbehörden in Trier. Und schließlich wird sich auch das Finanzamt für die Kellerbücher des Herrn Tyrell wahrscheinlich bald interessieren.