Von Ulrich Greiner

Brandung“, Martin Walsers neuer Roman, ist eine Liebesgeschichte. Aber eigentlich handelt sie vom Altwerden und vom Tod. „Brandung“ ist der Roman eines Aufbruchs in die Fremde, wo man plötzlich ein Anderer sein, sich ungeahnten schönen Möglichkeiten öffnen könnte. Aber eigentlich handelt er davon, daß Weggehen nicht möglich, daß Aufbruch ein Irrtum ist.

„Wie reich wird man durch Auswanderung! Durch Fortsein!“ heißt es einmal. Aber am Ende bleibt nur das kümmerliche Glück im Winkel. So legt man das Buch, nachdem man Walsers begeisterungswilligem und enttäuschungssüchtigem Helden über dreihundert Seiten gefolgt ist, mißmutig und traurig aus der Hand. Das kann doch nicht alles gewesen sein. Und es regt sich ein kindlicher Zorn gegen den Autor, daß er uns erst mit seinem Enthusiasmus verführt, daß er uns allerlei schöne Aussichten vorgegaukelt hat und uns dann einfach sitzen läßt mit der bescheidenen Erkenntnis: Bescheidung kann Glück und Entsagung eine Tugend sein.

Nein, „Brandung“ beschert keinen Lesegenuß eindeutiger Art. Die Geschichte beutelt den Leser, wie sie ihren Helden beutelt, bis dieser wörtlich mit einem blauen Auge davonkommt, während der blauäugige Leser am Ende ein bißchen trübe und betrübt dem Liegestuhl entsteigt. Aber: Ganz schlecht kann das ja nicht sein, was einem so nahegeht.

Ein Mann an der Schwelle seines Alters. Wann ist man alt? Der liebe Volksmund sagt: Wenn man sich alt fühlt. Ja, manchmal sieht man alt aus. Die Jahre schleppen sich ins Land. Nichts scheint es mehr zu geben, was man zum erstenmal tun könnte. Das Einerlei legt sich wie ein grauer Staub über die Empfindungen. Ein Herkules, wer morgens aufsteht.

Da klingelt das Telephon. Wer ruft so früh an? Rainer, ein alter, halbvergessener Freund, nunmehr Professor an der Washington University in Oakland. Ein Lehrauftrag in Kalifornien? Helmut Halm, der sich eben noch „mit einer Mischung aus Mißgunst und Genuß“ im Badezimmerspiegel betrachtete, Halm, seines Zeichens Studienrat in Stuttgart, Vater zweier erwachsener Töchter, verstrickt in häusliche und schulische Langweiligkeiten, sagt zu. Mit seiner Frau Sabine bricht er euphorisch auf nach Kalifornien. „Sie wollten fort aus dieser verwirkten deutschen Gegend!“

Und siehe da: In Kalifornien ist alles anders. Überall neues Leben, neue Lust, neue Leute, „diese Sphäre vollkommener Billigung“, und dann das helle Licht, der blaue Himmel. Hier geht vieles, was in Deutschland nicht mehr ging. „Dieses Land war eine Einladung zum Großleben, Großtun, Maulaufmachen.“ Und der hinreißbare Halm läßt sich hinreißen, schwadroniert glücklich auf den Partys umher, schaut selig auf die Sonnenuntergänge hinter der Golden-Gate-Brücke, fühlt neue Kraft, gibt sogar das Rauchen und Trinken auf, nimmt gesunde Nahrung zu sich, fängt zu Joggen an.

Aber in Kalifornien ist nicht alles anders. Denn Halm ist derselbe geblieben, schwankend zwischen Lebensgier und Lebensangst. Er verliebt sich. Und vorbei ist es mit jener abgeklärten Altersweisheit, in die er sich schon eingeübt hatte. Die dreißig Jahre jüngere Studentin Fran, eine kalifornisch blonde und gebräunte Erscheinung, taucht scheu und hartnäckig immer wieder in seiner Sprechstunde auf. Als Halm spürt, daß sich da etwas tut, dem er nicht gewachsen ist, stellt er fest: „Diese vier Wochen hatten ihn verändert. Aber er konnte sich Veränderung nicht mehr leisten. Wenn’s noch Veränderung wäre. Ins Rutschen war er geraten. Und bevor das unabsehbar wurde, mußte er Halt rufen. Schluß. Es ist alles gut, wie es ist. Es könnte nicht besser sein. Das ist wahrscheinlich das Schwerste, sich so glücklich zu fühlen, wie man ist, wie man sein müßte.“

Es ist nicht gut, wie es ist. Denn was verbindet ihn mit Sabine? Gewohnheit, Angst vor Veränderung, oder Kameradschaft, gar Liebe? Wenn sie miteinander schlafen, was selten vorkommt, ist es erbärmlich. „Sabine ertrug die unschöne Verrichtung mit einem vernichtenden Gleichmut.“ Sie will nicht mehr, und daß er manchmal, wider besseren Wissens, noch will, ist das Problem. „Er wollte wohl demonstrieren, daß Sabine und er sogar so etwas Furchtbares wie diesen Geschlechtsverkehr hinter sich bringen konnten, ohne einander danach zu ermorden.“

Also: Besser könnte es durchaus sein. Und nun diese Liebesaffäre, die eigentlich gar keine ist, denn es findet ja nichts wirklich statt, nur Eingebildetes, Verbales. Das Mädchen bittet ihn, ihr bei einem Aufsatz über Shakespeare behilflich zu sein. Sie liest das Sonett auf englisch, er übersetzt es. Sie: Th’expense of spirit in a waste of shame is lust in action. Er: Geistverlust in Schamverschleiß ist Lust, die loslegt. „Sie las jede Zeile, weil er mit seiner Zeile jedesmal so fest dazwischenging, noch lauter. Zum Schluß schrien beide. Er sagte: Sofort noch einmal!! Er kam beim zweitenmal noch genauer zwischen ihre Zeilen als beim erstenmal.“

Eine groteske, hochnotpeinliche, schamlose Situation, ein verbal geglückter Koitus, der dem kurz zuvor real mißglückten mit Sabine folgt, und Walser malt das aus, zornig und peinlich genau. Subtile Andeutungen sind seine Sache nicht, immerzu geht er ins Volle, er weiß immerzu alles und sagt es, wortreich,’ ausufernd. Es genügt ihm nicht, einfach zu sagen: „Ihm war seelisch schlecht.“ Das wäre ja nur eine gute Formulierung. Er fügt doppelnd hinzu: „Unter einer geistigen Übelkeit litt er.“ Und setzt noch eins drauf: „Spirituell erbrechen – danach war ihm.“

Diese Überdeutlichkeit, diese sprachliche Üppigkeit, diese manchmal prahlerische, gefallsüchtige Prächtigkeit, dieses Rankenwerk aus Sätzen, Einfällen, Anekdoten, Haupt- und Nebengeschichten, dieses schamlose Alles-Benennen, dieser metaphernreiche, überintelligente und stets sinnfällige Psychologismus Walsers: Ist das nun Kunst oder bloß Imponierprosa? Stößt einen das ab oder zieht einen das an?

Beides zugleich. Und in diesem Fall hat die in ihrer Überformuliertheit, Überinstrumentiertheit ständig leicht unangemessen wirkende Sprache alles in allem doch etwas Angemessenes. Denn die eigentliche Geschichte: Älterer Studienrat verliebt sich, kehrt aber zu seiner Ehefrau zurück, ist ja sehr schlicht. Monströs wird sie nur durch das, was in Halms Kopf vorgeht, dieses immer schneller sich drehende Karussell der Empfindungen und Selbstunterdrückungen und Miniaturexplosionen, was dann in dem plötzlichen bösen Wunsch gipfelt, diesem Mädchen den Hals zuzudrücken.

Aber es passiert ja nichts. Und das ist doch sehr bedrückend: Daß all dies, was da formuliert und gedacht wird, nur Lebensersatz ist, daß dem Gedankenwirbel nichts Reales entspricht. Kunst statt Wirklichkeit, Sätze anstelle von Leben. Da ist einerseits das helle, tremolierende Dur der Sprache, die sich nicht genug tun kann mit Pointen und Ausschmückungen, andererseits das dunkle, manchmal sentimentale Moll jener ziemlich schlichten, reduktionistischen Resignation, wie sie abends beim Bier am Tresen erklingt. Ja, ja, das Leben.

Es ist nicht eigentlich ein Abgrund, an dem Walser seinen Halm entlangführt und fröhliche Lieder pfeifen läßt, sondern der Abgrund ist jene verschlissene Sitzgruppe in seinem Stuttgarter Einfamilienhaus, in die Halm am Ende trübsinnig versinkt, auf einen Brief aus Kalifornien wartend. Tatsächlich kommt der Brief und teilt mit, Fran sei in einem Unfall ums Leben gekommen. Zu allem Überfluß stirbt Otto, jener inzwischen altersschwache Spaniel, dem Walser-Leser schon in der Novelle „Ein fliehendes Pferd“ begegnet waren. Otto tot, Fran tot, zuvor hatte Rainer Selbstmord begangen, waren Schwiegermutter und Schwiegervater (sie am Anfang, er am Ende des Romans) am Krebs (sie Darm, er Blase) dahingeschieden.

Es wird viel gestorben in der „Brandung“. Nur Helmut und Sabine bleiben zurück, jenes kümmerlich in den Hafen des Alters einlaufende Paar, das im „Fliehenden Pferd“ noch in den besten Jahren stand. Damals widersagte Halm standhaft und aggressiv jenem törichten Jugendlichkeitskult, den Klaus Buch verkörperte. Jetzt aber, älter und schlaffer geworden, erliegt er ihm und kehrt geschwächt ins Ehebett zurück, wo er auf der letzten Seite Sabine alles beichtet.

Ein Ende wie im „Fliehenden Pferd“. Auch hier beichtet Halm. Inhalt dieser Beichten sind aber immer nur Gedanken, selten Taten. Darin äußert sich ein sehr katholisches Verhältnis zur Welt. Denn der Beichtspiegel fordert, man müsse gestehen, was man „in Gedanken, Worten und Taten“ begangen habe. Also auch das Gedachte ist Sünde. Und Halm denkt viel. „Wenn er etwas empfand, was Sabine, wüßte sie’s, verletzte, dann mußte er dagegen sein, daß er’s empfand. Er empfand es trotzdem. Aber er war wenigstens dagegen.“ So ist Halm, dieser am Leben Hängende, zum Leben Drängende, ein wahrer Selbstverhinderungskünstler. „Man muß sich hindern an dem, was man will. Man muß betreiben, was man nicht will. Hohe, herbe Friktion.“

Halms Leben ist gespickt mit Kautelen und Konjunktiven. Er ist ein Möglichkeitsfanatiker, dem nichts Schlimmeres drohen kann als die Gefahr, das Mögliche könne wirklich werden. So vereitelt er alles, was die Möglichkeitsform sprengen könnte. Seine Begegnungen mit dem Mädchen beschränken sich auf jene Gespräche über ihre literarischen Aufsätze. Und die Liebe der beiden zueinander vermittelt sich auf eine so komplizierte und von Walser meisterhaft konstruierte Weise über literarische Themen, daß Halm sich erst ganz spät eingesteht, „daß er jenes Mädchen Fran wahrscheinlich, ja, wie sollte er das sagen, daß er die wohl doch liebte“.

Diese Liebe bringt ihn heftig ins Schlingern, aber nicht aus der Bahn. Zu Hause in Stuttgart grübelt er immer und immer wieder darüber nach, was das für eine Liebe war; ob er es sich hätte wünschen sollen, aus der Bahn geworfen zu werden; was das für eine Bahn ist, auf der er die fünfundfünfzig Jahre seines Lebens verbracht hat. Am Ende beruhigt er sich: „Du hast nämlich dieses Mädchen keine Sekunde lang gebraucht. Du hast gespielt. Ein Hauch von Unausweichlichkeit dürfte nicht fehlen. Liebe ist es ja nur, wenn du keine Wahl hast. Liebe ist jene höchstgeschätzte Krankheit, die man am Symptom Dukannstnichtanders erkennt.“

Aber auch das ist nicht wahr, denn natürlich hat Halm das Mädchen geliebt. Auch das ist nur eine der vielen Selbstinterpretationen und Selbsttäuschungen des Sublimationsspezialisten Halm. Walser stattet ihn auf jede erdenkliche Weise mit der Fähigkeit zur Analyse aus, zur Analyse seiner selber und anderer Leute. Und jeder Schluß, den der Leser aus dem Buch ziehen kann, ist von Halm schon vorformuliert. Er weiß alles und kann alles ausdrücken. Nur das eine kann er nicht: leben. „Das ist deine Aufgabe: diese Gegenwart hinter dich zu bringen, jede Sekunde, sobald sie da ist, sofort in möglichst tiefe Vergangenheit zu verwandeln.“ Und so hat denn diese stupende Analysierlust auch nichts mit wirklicher Analyse zu tun, sie ist viel eher ein riesiges, bis über die Wolken sich erhebendes Gedankenbabylon, ohne Grund und Boden, ein Wirklichkeitssurrogat.

Im finstersten Augenblick der Verwirrung reduziert Halm seine Verliebtheit auf ein körperliches Paarungsbedürfnis. Insofern habe das „Anmachebrimborium“ einen Sinn: es diene der Verklärung, täusche über den eigentlichen Zweck, sei also Schein. Da aber der Zweck, nämlich die pure Sexualität, längst um den eigentlichen Sinn, die Fortpflanzung nämlich, betrogen, also selber Schein sei, handele es sich bei seiner Liebe, so schließt er messerscharf, um „Scheinschein“.

Je weiter, je hartnäckiger Walser-Halm diese wahrhaft katholische Kasuistik vorantreibt, um so realitätsferner, lebensfeindlicher wird sie. Und das Beängstigende an diesem Roman ist dieses umgekehrt proportionale Verhältnis zwischen sprachlich-gedanklichem Aufwand und wirklichem Leben. Beim Bad im Pazifik stürzt sich Halm verwegen der Brandung entgegen. Eine Welle schmettert ihn auf den Strand zurück und verrenkt ihm schmerzhaft die Glieder. Wer sich zu weit vorwagt, kriegt eins auf die Schnauze. Und der Roman zeigt, wie Halm sich zu weit vorwagt. Er humpelt nach Hause und übt sich in Entsagung. Ist das nun eine düstere Erkenntnis, eine bittere Einsicht? Oder schmerzlich-heiteres Sich-Fügen ins Unvermeidliche?

Der Roman, und das eben hinterläßt ein zwiespältiges Gefühl, ist gespalten. Gespalten zwischen der Liebe und der Unfähigkeit zum Leben, zwischen lebensklugem Verzicht und feiger Lebensflucht. Im Wasserglas eines einzelnen Schicksals, das jedem von uns blüht oder blühen könnte, entfacht Walser eine mächtige Sprach-Brandung, die uns am Ende mit der nicht erhebenden, aber vielleicht immer wieder notwendigen Einsicht zurückläßt: Was ist das bloß für ein Leben, das so viele Worte braucht. Aber hätten wir die Worte nicht, was hätten wir dann? Bloß das Leben.

Martin Walser: „Brandung“, Roman, Suhrkamp Verlag, Frankfurt 1985,319 S., 34,– DM.