Ein neuer Skandal für die Regierung Kohl / Ein ZEIT-Report

Geschrieben und recherchiert von Erwin Brunner, Karl-Heinz Janßen, Joachim Nawrocki, Joachim Riedl und Dietrich Strothmann

Einer der schwersten Spionageskandale in der Geschichte der Bundesrepublik stürzte die Bundeshauptstadt von Freitag bis Dienstag in hektische Unruhe. Die Desertion eines hohen Verfassungsschutz-Beamten in die DDR verlangte nach Sühne. Zum Opferlamm ausersehen wurde Heribert Hellenbroich, der Präsident des Bundesnachrichtendienstes und ehemalige Chef des Bundesverfassungsschutzes – zwar ein anerkannter Fachmann, aber in seiner kurzen Amtszeit ohne Fortüne.

Lähmendes Entsetzen hatte sich in den Bonner Ämtern und Ministerien und in den Landesverfassungsschutzämtern ausgebreitet, als ADN, die amtliche Nachrichtenagentur der DDR, am vorigen Freitag um 10.25 Uhr eine dürre Fünfzeilenmeldung verbreitete: "Der langjährig im Bundesverfassungsschutz der BRD für die Spionageabwehr verantwortliche Regierungsdirektor Hans Joachim Tiedge ist in die DDR übergetreten und hat um Asyl ersucht. Das Ersuchen wird von den zuständigen Organen der DDR geprüft." Wenig später jagte dpa die Hiobspost über die Fernschreiber.

Tiedges ehemaligen Kollegen im Kölner Bundesamt verschlug es die Sprache. Morgens noch hatten sie sich an die verzweifelte Hoffnung geklammert, der seit Montag vermißte Gruppenleiter in der Abteilung IV (Spionageabwehr) könne in einer depressiven Anwandlung Selbstmord begangen haben. Auch der Generalbundesanwalt sah am Freitagmorgen noch keinen ausreichenden Anfangsverdacht, um Ermittlungen anzuordnen. Bis zum Mittwoch hatte noch, nicht einmal das Innenministerium, die vorgesetzte Dienstbehörde des Verfassungsschutzamtes, etwas über den Fall Tiedge erfahren. Freilich schwante einigen Beamten Böses, als sie am Donnerstagabend aus dem Ersten Deutschen Fernsehen erfuhren, daß der Kölner Spionenjäger Alkoholiker war und in chaotischen Verhaltnissen gelebt hatte. Derart bloßgestellt, blieb ihm eigentlich nur noch der Strick oder der Grenzübertritt.

Wäre nicht der neue Staatssekretär im Bundesinnenministerium, der erfahrene und bedächtige Hans Neusel, zur Stelle gewesen, das amtliche Bonn hätte wohl nicht so schnell die Sprache wiedergefunden. Bundeskanzler Kohl war unterwegs an die Côte d’Azur, wo er sich mit dem französischen Staatspräsidenten Mitterrand treffen wollte, und Innenminister Zimmermann befand sich noch im Urlaub. Neusel setzte mittags in der Bundespressekonferenz gleich die richtigen Maßstäbe für die Bewertung dieses Skandals: "Ein starker Schlag gegen die Sicherheitsbelange der Bundesrepublik." Noch deutlicher äußerte sich Tiedges ehemalige Amtsleiter Heribert Hellenbroich: "Eine verheerende Panne." Sein Vorgänger Richard Meier: "Eine Katastrophe." Und aus den mitbetroffenen Landesämtern tönte es: "Wir sind völlig geschafft."

Schlimmer als der Fall Guillaume