Ein neuer Skandal für die Regierung Kohl / Ein ZEIT-Report

Geschrieben und recherchiert von Erwin Brunner, Karl-Heinz Janßen, Joachim Nawrocki, Joachim Riedl und Dietrich Strothmann

Einer der schwersten Spionageskandale in der Geschichte der Bundesrepublik stürzte die Bundeshauptstadt von Freitag bis Dienstag in hektische Unruhe. Die Desertion eines hohen Verfassungsschutz-Beamten in die DDR verlangte nach Sühne. Zum Opferlamm ausersehen wurde Heribert Hellenbroich, der Präsident des Bundesnachrichtendienstes und ehemalige Chef des Bundesverfassungsschutzes – zwar ein anerkannter Fachmann, aber in seiner kurzen Amtszeit ohne Fortüne.

Lähmendes Entsetzen hatte sich in den Bonner Ämtern und Ministerien und in den Landesverfassungsschutzämtern ausgebreitet, als ADN, die amtliche Nachrichtenagentur der DDR, am vorigen Freitag um 10.25 Uhr eine dürre Fünfzeilenmeldung verbreitete: „Der langjährig im Bundesverfassungsschutz der BRD für die Spionageabwehr verantwortliche Regierungsdirektor Hans Joachim Tiedge ist in die DDR übergetreten und hat um Asyl ersucht. Das Ersuchen wird von den zuständigen Organen der DDR geprüft.“ Wenig später jagte dpa die Hiobspost über die Fernschreiber.

Tiedges ehemaligen Kollegen im Kölner Bundesamt verschlug es die Sprache. Morgens noch hatten sie sich an die verzweifelte Hoffnung geklammert, der seit Montag vermißte Gruppenleiter in der Abteilung IV (Spionageabwehr) könne in einer depressiven Anwandlung Selbstmord begangen haben. Auch der Generalbundesanwalt sah am Freitagmorgen noch keinen ausreichenden Anfangsverdacht, um Ermittlungen anzuordnen. Bis zum Mittwoch hatte noch, nicht einmal das Innenministerium, die vorgesetzte Dienstbehörde des Verfassungsschutzamtes, etwas über den Fall Tiedge erfahren. Freilich schwante einigen Beamten Böses, als sie am Donnerstagabend aus dem Ersten Deutschen Fernsehen erfuhren, daß der Kölner Spionenjäger Alkoholiker war und in chaotischen Verhaltnissen gelebt hatte. Derart bloßgestellt, blieb ihm eigentlich nur noch der Strick oder der Grenzübertritt.

Wäre nicht der neue Staatssekretär im Bundesinnenministerium, der erfahrene und bedächtige Hans Neusel, zur Stelle gewesen, das amtliche Bonn hätte wohl nicht so schnell die Sprache wiedergefunden. Bundeskanzler Kohl war unterwegs an die Côte d’Azur, wo er sich mit dem französischen Staatspräsidenten Mitterrand treffen wollte, und Innenminister Zimmermann befand sich noch im Urlaub. Neusel setzte mittags in der Bundespressekonferenz gleich die richtigen Maßstäbe für die Bewertung dieses Skandals: „Ein starker Schlag gegen die Sicherheitsbelange der Bundesrepublik.“ Noch deutlicher äußerte sich Tiedges ehemalige Amtsleiter Heribert Hellenbroich: „Eine verheerende Panne.“ Sein Vorgänger Richard Meier: „Eine Katastrophe.“ Und aus den mitbetroffenen Landesämtern tönte es: „Wir sind völlig geschafft.“

Schlimmer als der Fall Guillaume

Zweifelsohne war die Flucht Tiedges eine der schwersten Schlappen der Bundesrepublik im Kalten Krieg der Geheimdienste, schlimmer als der Fall des Kanzleramtsspions Günter Guillaume, über den 1974 Bundeskanzler Willy Brandt zu Fall kam, und vergleichbar nur den Fällen John und Felfe:

  • Im Juli 1954 war der erste Präsident des Bundesverfassungsschutzes, Otto John, plötzlich in der DDR aufgetaucht. Bis heute ist ungeklärt, ob er entführt wurde oder freiwillig übergewechselt war. Doch wußte er nichts über operative Einzelheiten und gab so gut wie keine Namen preis. Zwei Jahre später, 1956, kehrte er in den Westen zurück; der Bundesgerichtshof verurteilte ihn zu vier Jahren Zuchthaus;
  • Ende 1961 wurde Heinz Felfe, Leiter des Referats „Gegenspionage Sowjetunion“ im Bundesnachrichtendienst (BND) als sowjetischer Agent entlarvt. Der ehemalige SS-Offizier hatte seit 1951 alle Geheimnisse des Gehlenschen Geheimdienstes verraten. Er wurde 1953 zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt und später ausgetauscht; heute lehrt er als Professor in der DDR.

„Tiedge fiel dem MfS (Ministerium für Staatssicherheit in Ost-Berlin) wie ein Geschenk in den Schoß“, sagte ein westdeutscher Geheimdienstexperte. „Das ist doch die Krönung einer nachrichtendienstlichen Arbeit. Mein Gott, den gegnerischen Abwehrchef rauszulösen, davon träumen doch alle.“ Noch läßt sich gar nicht absehen, wie groß der Schaden ist, den der Überläufer Tiedge angerichtet hat. Dazu sind noch langwierige Untersuchungen nötig. Bis zur Wochenmitte stand folgendes fest:

Alle laufenden Operationen der Gegenspionage in der DDR müssen gestoppt werden, da Tiedge, der ein ausgezeichnetes Gedächtnis hat, die Namen der CM-Agenten (Counter Men) preisgeben kann. Dabei handelt es sich um Bundesbürger, die vom Staatssicherheitsdienst der DDR angeworben und später vom Verfassungsschutz umgedreht wurden. Mit Hilfe dieser CMs lassen sich die Methoden des Stasi, die Reisewege und Treffpunkte der DDR-Agenten und deren Aufträge ausspionieren. Alle „Fall-Führer“ in den Landesämtern, also jene Beamte, welche die CMs führen, müssen ausgewechselt werden. Es wird mindestens zwei Jahre dauern, bis ein neues CM-Agentennetz aufgebaut ist.

Damit nicht genug: Tiedge kennt alle Methoden der Fahndung gegen illegale Residenten östlicher Nachrichtendienste. Er weiß auch, gegen wen der Generalbundesanwalt wegen landesverräterischer Beziehungen ermittelt. Und was für die Ostberliner Spionagezentrale ebenso wichtig ist: Tiedge kann die Stärken und Schwächen der westdeutschen Spionageabwehr offenlegen, zugleich aber die Schwächen der anderen Seite, auch deren Stärken, über die das MfS vielleicht selber gar nichts weiß.

Natürlich vermag Tiedge auch allerhand über die Zusammenarbeit des Verfassungsschutzes mit den anderen Geheimdiensten – Militärischer Abschirmdienst (MAD) und Bundesnachrichtendienst – auszupacken. Allerdings, so versichern die Verfassungsschützer, kennt er wegen der Abschottung zwischen den Diensten nicht das BND-Agentennetz, allenfalls die Decknamen einiger Agenten. Sorgen macht man sich auch im Bundeskriminalamt, das beim Staatsschutz und in der Terrorismusbekämpfung mit dem Bundesamt in Köln zusammenarbeitet.

Einen sehr unangenehmen Nebeneffekt der Affäre hat die Opposition herausgestellt. „Das Vertrauen in unsere Nachrichtendienste hat im Ausland schweren Schaden erlitten“, behauptet Alfred Emmerlich, SPD-Vertreter in der Parlamentarischen Kontrollkommission für die Geheimdienste. Die Regierung bestreitet dies: Tiedge sei schließlich nicht allwissend gewesen, befreundete Dienste könnten unbesorgt sein. Während die Nato-Regierungen schweigen, macht sich die Sorge um so mehr in der Presse breit. Die Londoner Financial Times bezeichnete die Bundesrepublik als das „löcherige Sieb der Nato“. Beide großen amerikanischen Nachrichtenmagazine – Time und Newsweek – widmeten ihre Titelgeschichten den Bonner Spionagefällen. Der ehemalige CIA-Chef Stansfield Turner erklärte im CBS-Fernsehen, die Affäre Tiedge dämpfe den Informationsaustausch zwischen den Nato-Diensten. In Washington, so heißt es, zögere man jetzt, der Bundesrepublik vollen Einblick in die Star Wars-Pläne zu gewähren. Der Züricher Sonntags Blick will wissen, sogar die Schweiz habe vorsorglich ihre Agenten aus der DDR zurückbeordert.

So groß auch der mögliche Verrat des Überläufers Tiedge sein mag, so übertrieben scheint es nach dem gegenwärtigen Stand der Ermittlungen, ihn zu einem Meisterspion zu stempeln, der James Bond weit in den Schatten stelle. Der 48 Jahre alte Hans Joachim Tiedge, ein gebürtiger Berliner, paßte schon von seinem Äußeren und seinem Habitus her nicht ins Klischee der Spionagefilme. Ein MfS-Agent, der Abend für Abend durch die Kneipen zieht, den großen „Macker“ spielt, eine Runde nach der anderen schmeißt, bis er Hab und Gut versoffen hat (220 000 Mark Hypothek auf dem Eigenheim, 35 000 Mark unbezahlte Rechnungen, 1100 Mark Zechschulden). „Nein, so weit hätte wohl kein Geheimdienst seinen Topagenten herunterkommen lassen“, meint ein Insider. „Dem hätte ich mit dem Blasröhr Geld in den Hintern gestoßen, ohne daß es jemand gemerkt hätte.“

Weder für Kleider noch für Reisen oder irgendein Hobby gab Tiedge sein Geld aus, sondern nur für Essen und Trinken. Er war anscheinend ein „Pegeltrinker“, der Unmengen an Bier und Korn verdrücken kann und trotzdem immer noch nüchtern wirkt. Vielleicht haben darum seine Amtsleiter ihn niemals betrunken am Dienstplatz angetroffen. Nun ist Alkoholismus in vielen Behörden und Unternehmen ein großes Problem. Dem zucker- und kreislaufkranken Trinker Tiedge hat man seine Eskapaden – wegen Führerscheinentzugs fuhr er zuletzt nur noch mit dem Taxi – immer wieder nachgesehen, weil er ein qualifizierter Beamter war.

Richard Meier, damals Abteilungsleiter im Kölner Bundesamt, hatte Mitte der sechziger Jahre junge Assessoren in den Dienst geholt, um jene ehemaligen Abwehroffiziere und SS-Männer zu ersetzen, die dem Prestige des Verfassungsschutzes allmählich abträglich wurden. Einer der Neuen war Tiedge, der sich langsam empordiente. „Er war sehr eifrig, sehr fleißig, sehr schnell und konnte rasch präzise formulieren“, so das Urteil seines ehemaligen Chefs Meier, das um so bemerkenswerter ist, als gerade „das schlampige. Äußere Tiedges“ dem korrekten und peniblen Präsidenten zuwider gewesen sein muß.

Von 1971 bis 1976 arbeitete Tiedge in der Spionageabwehr für die Bereiche Sowjetunion und Satelliten; dann wurde er von Meier in die Abteilung Geheimschutz (Sicherheitsprüfung) versetzt. Dort fühlte er sich todunglücklich, denn er war von Haus aus „ein typischer Beschaffer, der nicht lange am Schreibtisch sitzen konnte“. So beschreibt ihn einer, der oft mit ihm zusammengearbeitet hat.

Also kam Tiedge in die Spionageabwehr zurück, als einer von mehreren Gruppenleitern. Meiers Nachfolger Hellenbroich, der selber die Gegenspionage für die wichtigste Tätigkeit seines Amtes hielt (obschon es noch andere, gleichgewichtige, wenn nicht noch bedeutendere Schutzaufgaben zu leisten hatte), rühmt noch heute die „großartigen Erfolge“ seines Gruppenleiters. Freilich war Tiedge alles andere als ein Intellektueller. Berichte und Analysen zu schreiben, war nicht seine Sache. Deswegen und wegen seines unermüdlichen Einsatzes wäre niemand auf die Idee gekommen, er könnte ein Spion sein.

Hellenbroich nennt ihn zu Recht einen „Workaholic“, ein Arbeitstier. Ein anderer Verfassungsschützer schildert Tiedge so: „Er war ein Einzelkämpfer. Er war immer draußen, immer an der Spitze des Zuges, selbst abends und an den Wochenenden, immer erreichbar, immer einsetzbar.“ Christian Lochte, Leiter des Hamburger Landesamtes für Verfassungsschutz, hat noch in den Ohren, wie Tiedge, am Telephon um Mithilfe gebeten, stets zurückrief: „Bin schon im Auto!“

Seit 1982 ging es dann mit Tiedge bergab. Der Bruch in seiner Persönlichkeit datiert von jenem 27. Juni 1982, an dem sich seine Frau, Ute Tiedge, eine ehemalige Lehrerin, angeblich bei einem Sturz im Badezimmer eine Kopfverletzung zuzog, an der sie drei Wochen später starb. Diesen Tod hat der Verfassungsschützer nie verwinden können. Noch vor seiner Flucht ließ er sich an das Grab seiner Frau fahren. Inzwischen ermittelt die Staatsanwaltschaft Köln, ob bei dem Unfall ein Fremdverschulden vorliege.

Schwere Entscheidung

Tiedge kam auch mit seinen drei heranwachsenden Töchtern nicht mehr zurecht, verfiel in Depressionen, torkelte betrunken durch die Gegend – unter den Augen der indignierten Nachbarn. Einer, ein ehemaliger Bundeswehroberst, macht das Bundesamt zweimal auf das „Sicherheitsrisiko“ aufmerksam: Im Kölner Kollwitzweg war es kein Geheimnis, wo der 250-Pfund-Mann arbeitete.

In der Amtsspitze hatte man längst selber Bedenken bekommen. Denn jeder Offizier in der Bundeswehr, jeder kleine Beamte im Sicherheitsbereich lernt das kleine Einmaleins der Geheimdienste: Alkohol, Frauen, Schulden machen einen Geheimnisträger zum Objekt des gegnerischen Nachrichtendienstes. Amtspräsident Hellenbroich und sein Stellvertreter Stefan Pelny standen vor einer schweren Entscheidung. Tiedge verkörperte in der Spionageabwehr gegen die DDR Kontinuität, er hatte das „längste Wissen“ und ein hervorragendes Gedächtnis. Durfte man ihm bei seiner labilen Verfassung eine Versetzung, vielleicht sogar eine frühzeitige Pensionierung zumuten, einem Manne, der so leidenschaftlich mit seiner Arbeit verheiratet war? Würde er da nicht erst recht „durchdrehen“, erst recht zum Sicherheitsrisiko werden? Oder, wie er öfters drohte, sich das Leben nehmen?

Hellenbroich, ein netter, nachsichtiger Chef – er hatte zusammen mit Tiedge an der Frankfurter Universität studiert und war etwa zur gleichen Zeit mit ihm ins Amt gekommen – hielt es für seine menschliche Pflicht, Tiedge zu helfen. Mehrere Kollegen des Amtes betätigten sich als Betreuer, redeten mit Tiedge, luden ihn zu sich nach Hause ein, verhalfen ihm zu einer Abmagerungskur und brachten seine reiche Erbtante dazu, ihn mit 150 000 Mark zu entschulden.

Hellenbroich ist für diese Entscheidung öffentlich und intern schwer gerügt worden, besonders hart vom Bundeskanzler, dem sie völlig unverständlich ist. Ein alter Hase des Dienstes meinte: „Unser Gewerbe ist doch kein Samariterverein!“ Hellenbroichs Vorgänger Meier ist sich ganz sicher: „Ich hätte Tiedge bestimmt nicht an dieser Stelle belassen.“ Schon in seiner BND-Zeit habe er einen Abteilungsleiter gefeuert, der betrunken zum Dienst gekommen sei. Hans Josef Horchern, der ehemalige Chef des Hamburger Verfassungsschutzes, hat zwar viel Verständnis für die fürsorgliche Art Hellenbroichs („Sie können nur einen Teamgeist erzeugen, wenn sie sich um die Leute kümmern“), aber er selber würde dem Alkoholiker Tiedge einen Arzt als Begleiter gegeben oder wegen Krankheit aus dem Amt entfernt haben. Ein origineller Vorschlag fiel einem anderen Geheimdienstexperten ein: „Man hätte ihn ja in die Abteilung Rechtsradikalismus stecken können. Dort wäre er vielleicht nicht so glücklich gewesen, aber wahrscheinlich auch nicht in die DDR abgehauen.“

Ganz anders beurteilt Professor Theodor Eschenburg den Fall. Eschenburg, der als Vorsitzender einer Kommission nach der Affäre Guillaume die Geheimdienste durchleuchtete, sieht eine unüberbrückbare Kluft, wenn nicht sogar einen naturgegebenen Konflikt zwischen den Prinzipien des Rechtsstaates und den Sicherheitsbedürfnissen. Man könne hierzulande nicht, wie in totalitären Staaten, solche Fälle durch die Psychiatrie erledigen. „Gegen einen Kurzschluß eines Beamten ist man relativ wehrlos.“ Man könne einen Mann wie Tiedge weder einfach krankschreiben lassen noch ohne weiteres eine Hausdurchsuchung gegen ihn erwirken. Die Güterabwägung spreche für Hellenbroich, der sich seine Entscheidung „ernsthaft und gut“ überlegt habe.

„Seine letzte Chance“

Der ehemalige Amtspräsident steht denn auch nach wie vor dazu, zumal sie von seinem Stellvertreter mitgetragen wurde. Immerhin hat er in seiner Amtszeit einiges getan, um das Sicherheitsrisiko, das seiner Meinung nach so oder so gegeben war, einzugrenzen. Er verhängte einen Beförderuhgsstopp und sorgte dafür, daß die von Tiedge geleiteten Operationen allmählich ausliefen.

Am 1. August verlor Tiedge seinen „Patron“. Hellenbroich zog als BND-Chef nach Pullach, und als Nachfolger setzte sich Ludwig-Holger Pfahls, ein Beamter aus der bayerischen Staatkanzlei, auf seinen Stuhl. Am Freitag, dem 16. August, – Tiedge hatte gerade an diesem Tag Urlaub genommen – kamen kurz vor Dienstschluß Präsident Pfahls und Vizepräsident Pelny mit dem neuen Geheimschutzreferenten des Amtes zu einer Besprechung zusammen. Dieser trug so starke Bedenken gegen Tiedge vor, daß man entschied, eine neue Sicherheitsüberprüfung anzuordnen. Sie hätte mit Sicherheit zum Ausscheiden Tiedges geführt, aber zum Vollzug kam es nicht mehr, weil der Gruppenleiter sich nicht mehr blicken ließ.

Einer, der in der letzten Woche die Motive für Tiedges plötzliche Flucht zu ergründen suchte, meint: „Der Bursche hat gewußt, das ist seine letzte Chance. Hohe Schulden, keine Beförderung, Telephon gesperrt, Führerschein weg, Pfändungen, Gläubigerbriefe ans Amt – sogar seine Tochter muß er von der Real- auf die Volksschule zurücknehmen – da sah er nur noch einen Ausweg vor sich.“ Am Sonntag kreuzte Tiedge noch einmal in seiner Stammkneipe auf. Obwohl er dort schon mit 1000 Mark in der Kreide stand, borgte er sich beim Wirt 200 Mark – das Fluchtgeld.

Noch neigen die Sicherheitsbehörden zu der Annahme, Tiedge sei aus einer Kurzschlußreaktion heraus in den Osten übergewechselt. Originalakten hat er nicht mitgenommen; ob er Kopien oder Filme über die Grenze brachte, weiß man nicht. Ebensowenig ist der Fluchtweg bekannt – seinen Dienstwagen ließ er in der Garage. Vielleicht benutzte er den Luftweg in ein benachbartes Land, aus dem er sich abholen ließ.

Es spricht einiges dafür, daß Tiedge seinen Ostberliner Gastgebern ein wichtiges Mitbringsel präsentieren konnte: die Agentenführerin Ursula Richter, die sich jahrelang als Buchhalterin beim „Bund der Vertriebenen“ in Bonn getarnt hatte. Am Samstag, dem 18. August, war sie spurlos verschwunden. Frau Richter wurde seit Anfang dieses Jahres vom Verfassungsschutz beschattet – man wollte ihre Verbindungsleute kennenlernen. Tiedge war für die Operation verantwortlich. An eben jenem Samstag wurde ihm in seiner Stammkneipe telephonisch mitgeteilt: „Es geht los!“ Das heißt, man wollte die mutmaßliche Spionin jetzt Tag und Nacht observieren. Tiedge aber zeigte kein Interesse mehr. Früher wäre er aufgesprungen und hätte sein Bier stehengelassen. Am Montag ließ er dann seine Sekretärin wissen, er sei krank.

Er war ein Profi

Wenn Tiedge Frau Richter gewarnt hat, so muß er deshalb noch lange kein „Maulwurf“ gewesen sein, also ein in den Geheimdienstapparat eingeschleusten Agent des Gegners, etwa nach dem Muster des berühmten sowjetischen Agentenquartetts im britischen Intelligence Service: Kim Philby, Burgess, McLean und Blunt. Zwar sind in den letzten Jahren etliche Agenten des Verfassungsschutzes „verlorengegangen“, so daß in einigen Landesämtern der Verdacht aufkam, im Kölner Bundesamt müsse ein Loch sein. Aber die Operationen des Bundesamts haben bis zu diesem Jahr immer geklappt, obwohl Tiedge sie hätte verraten können (freilich hätte er größere Unternehmungen verhindern können).

Noch Ostern 1981 hatte Tiedge in enger Zusammenarbeit mit dem Hamburger Verfassungsschutz das MfS und den sowjetischen KGB hereingelegt. Damals hatte ein .deutscher KGB-Agent einen Mitarbeiter des Hamburger Landesamts gezielt angesprochen und anzuwerben versucht. Zum Schein ging man auf das Angebot ein, doch da man nicht wußte, ob im Amte ein „Maulwurf“ saß, durfte man bei der Observierung des Agententreffs nicht mit eigenen Leuten arbeiten, sondern brauchte die Hufe Tiedges. Zweimal trafen sich der KGB-Agent „Felix“ und der Hamburger Mitarbeiter in Wien. Dann ließ man den deutschen „Kontaktanbahner“ in die Bundesrepublik kommen, wo er im Oktober 1981 verhaftet wurde. Amtschef Christian Lochte: „Bis zur Festnahme war Tiedge über alle Einzelheiten der Aktion informiert. Er hat profihaft, schnell, zügig und zuverlässig gearbeitet.“

Eingedenk solcher Verdienste Tiedges bemühte sich die Bundesregierung in Ost-Berlin – auf dem Umweg über Rechtsanwalt Vogel, der viele „Freikäufe“ von Häftlingen aus der DDR vermittelt hat – um ein Gespräch mit dem Überläufer. Schließlich, so Regierungssprecher Friedhelm Ost vor der amüsierten Bundespressekonferenz, habe man noch eine Fürsorgepflicht gegenüber dem Bundesbeamten, der auch weiterhin seine Bezüge erhalte. Tatsächlich hoffte man, Tiedge zur Rückkehr überreden zu können – gab es da doch den Präzedenzfall Rauschenbach. Im Juni 1981 war Klaus-Dieter Rauschenbach, ein Oberstleutnant der DDR-Grenztruppen, in die Bundesrepublik geflüchtet. Er wurde nach Pullach gebracht, wo ihn der BND verhörte. Doch nach zwei Tagen schaltete sich die Ständige Vertretung der DDR in Bonn ein; ihr Vertreter sicherte Rauschenbach Straffreiheit zu, und der Offizier kehrte in die DDR zurück.

Aber als Geheimnisträger ist Tiedge mit seinem „Herrschaftswissen“ denn doch ein anderes Kaliber. Einen solchen Mann läßt man nicht so schnell wieder ziehen. Was jetzt in der DDR mit ihm geschieht, das kann sich ein ehemaliger „Kundschafter“ von drüben, der in der Bundesrepublik lebt, gut vorstellen: „Man wird ihn wie einen Staatsgast, einen VIP behandeln, in luxuriöser Umgebung unterbringen, belohnt und verhätschelt, keineswegs unter Druck setzen. Die Befragungen laufen meistens so, daß man dem Überläufer sagt, man wolle ihn keineswegs aushorchen, da man ohnehin fast alles schon wisse. Man wolle lediglich bestimmte Angaben überprüfen und von ihm bestätigt haben. Man hält ihm Papiere und Informationen vor, er solle sie bloß verifizieren. So kann man auf subtile Weise herausfragen, was für den Stasi neu ist.“ Der Ex-Kundschafter ist überzeugt, daß das MfS – anders als zu Zeiten Otto Johns, der noch von den Russen verhört wurde – diese Vernehmungen in eigener Regie führt und das KGB erst später über das Ergebnis informiert.

Diese Aussage deckt sich mit den Ansichten westdeutscher Geheimdienstkreise. „Das MfS hat jetzt sehr viel Zeit. Erst werden sie ihn in aller Ruhe aufbauen, und dann schöpfen sie ihn ab, zwei, drei Jahre lang – so wie wir den Stiller.“ Gemeint ist der ehemalige MfS-Offizier Werner Stiller, der 1979 in die Bundesrepublik überlief und gleich einen Packen Geheimmaterial samt Agentenlisten mitbrachte.

Bonn brauchte ein paar Tage, um sich von der Revanche für Stiller zu erholen. Von Katastrophe und Krise sprach die Regierung nun nicht mehr, nur noch von „Schadensbegrenzung“. Diese bestand zunächst nur darin, den Schaden überhaupt erst einmal festzustellen, sodann das Ansehen der ohnehin durch Skandale arg gebeutelten Regierung Kohl aufzumöbeln.

Hatte es zunächst geheißen, für eine Spionagetätigkeit Tiedges spreche die Tatsache, daß der bundesdeutschen Spionageabwehr seit einigen Jahren keine großartigen Erfolge gegen die Späher aus der DDR gelungen seien, so wurde diese Vermutung am Montag von der Regierung selber wieder abgeschwächt. Immerhin, so rechnete das Innenministerium vor, seien in den Jahren 1980 bis 1984 Haftbefehle gegen 125 mutmaßliche DDR-Spione erlassen worden, die Zahl der Festnahmen liege sogar noch höher. Diese Zahlen unterschieden sich nicht von jenen früherer Jahre. Merkwürdig nur, daß die Bild- Zeitung am Dienstag diese Erfolgsnachricht mit der Schreckensmeldung konterte, bis zu 25 000 DDR-Agenten spionierten in der Bundesrepublik. Verfassungsschützer Lochte ist denn wohl doch realistischer mit seiner Schätzung, daß hierzulande etwa 3000 Agenten des Ostblocks eingesetzt sind, von denen etwa zwei Drittel in Diensten der DDR stehen.

Einige von ihnen sind in diesem August aufgeflogen, neben Frau „Richter“ mit ihrem Freund, Lorenz Betzing, einem Boten beim Bundeswehrverwaltungsamt, vor allem „Sonja Lüneburg“, die langjährige Sekretärin des Bundeswirtschaftsministers und FDP-Vorsitzenden Bangemann. Auch bei ihr gibt es keinen Zweifel mehr, daß sie sich eine falsche Identität zugelegt hatte und aus dem westlichen Ausland eingereist war, also auf dem für viele eingeschleusten DDR-Agenten üblichen Wege. Die Papiere der in den sechziger Jahren aus West-Berlin (vermutlich in die DDR) verzogenen Friseuse Sonja Lüneburg wurden für die neue Inhaberin eigens frisiert – ergänzt mit einem total gefälschten Abiturzeugnis. Einer Friseuse mit Abitur mochte bei der FDP in Bonn niemand widerstehen.

Den dicksten Fisch aber konnten die westdeutschen Spionagejäger am Wochenende gerade noch erwischen, ehe auch er sich in den Osten absetzte. Unmittelbar nach dem Grenzübertritt Tiedges wurde die Sekretärin Margarete Höke aus dem Bundespräsidialamt verhaftet. Die 50jährige Frau, die bisher alle Vorwürfe bestritten hat, soll sich vor drei Wochen in Kopenhagen mit einem DDR-Agenten getroffen und von ihm über 4000 Mark empfangen haben. Sie wurde schon längere Zeit vom Verfassungsschutz beobachtet. Frau Höke arbeitete zuletzt an einer Stelle, wo sie Einblick in diplomatische Depeschen, in Papiere des Bundessicherheitsrates und andere wichtige Kabinettssachen nehmen konnte.

Aber dieser neue Spionagefall und seine geglückte Aufdeckung gingen unter im Getöse des Parteienstreits, der sich am Tiedge-Skandal unvermeidbar entzündete. Bundeskanzler Kohl, der sich nach dem Treffen mit Mitterrand in Südfrankreich noch mit dem Urlauber Franz Josef Strauß zusammengesetzt hatte, um über das Spionagedebakel zu beraten, und Bundesinnenminister Zimmermann wollten nach ihrer Rückkehr aus dem Urlaub Handlungsstärke demonstrieren und so rasch wie möglich einen Sündenbock opfern. Dabei gerieten nun freilich die Dienste in die Gefahr, wieder einmal in die Auseinandersetzungen der Parteien hineingezogen zu werden.

Als der von Bundeskanzler Helmut Schmidt berufene Präsident des Bundesverfassungsschutzamtes, der parteilose Richard Meier, nach einem Autounfall, bei dem seine Begleiterin ums Leben kam, aus dem Amt schied, war sein Stellvertreter Hellenbroich, ein CDU-Mann, an die Spitze nachgerückt. Zum Vizepräsidenten wurde der SPD-Mann Stefan Pelny berufen. Die CDU, damals noch in der Opposition, akzeptierte dies anstandslos, mehr noch: Vertreter der jeweiligen Opposition auf hohe Posten in den Sicherheitsdiensten zu setzen, sollte zu einer Art Modell werden. Das Beispiel Verfassungsschutz blieb bislang aber die einzige Lösung dieser Art. So steht im SPD-regierten Hamburg ein CDU-Mann, im CDU-regierten Niedersachsen ein SPD-Mann an der Spitze.

Besonderes Interesse, einen oder mehrere der Nachrichtendienste mit eigenen Leuten zu besetzen, zeigte jedoch immer wieder die CSU. Nach der Ablösung von Klaus Kinkel (einem FDP-Mann des Genscher-Flügels) als Präsident des Bundesnachrichtendienstes scheiterten die Ambitionen der CSU auf dieses Amt nur am Widerstand von Kohl. Da man aber bereits damals wußte, daß Hellenbroich bald BND-Chef werden würde, gab sich die CSU damit zufrieden, wenigstens das Amt für Verfassungsschutz mit einem Parteimann besetzen zu können. Anfang August trat Pfahls die Nachfolge von Hellenbroich an. Pfahls ist nun freilich ein Außenseiter, dem Vorgänger Meier öffentlich bescheinigte, vom Geheimdienst-Geschäft keine Ahnung zu haben. Noch andere Angehörige der CSU-Seilschaft hat man im Kölner Bundesamt ausgemacht, so den derzeitigen Leiter der Abteilung Spionageabwehr, Engelbert Rombach, von dem man nach dem Verschwinden Tiedges hörte, er habe schon immer gegen dessen Verbleib opponiert.

Dem BND-Chef Hellenbroich, der sich am Dienstag vor der Parlamentarischen Kontrollkommission seiner Haut wehren mußte – er soll eine gute Figur gemacht haben erschien am Vorabend das Verhalten seiner CDU-Parteifreunde seltsam: „Beistand finde ich jetzt am ehesten bei der Opposition“, während vor allem die CSU „das Messer wetzt“: „Ich vermute, es sollen auch personelle Vorstellungen bei der Besetzung der Leitung der Dienste durchgezogen werden – im Sinne der CSU.“ Indes verlangte auch die FDP seinen Rücktritt.

Um Zimmermanns Kopf

Die Sozialdemokraten zielten von Anfang an höher. Sie wollten den Kopf Bundesinnenminister Zimmermanns, der die politische Verantwortung für die Panne im Kölner Bundesamt zu tragen habe. SPD-Vorsitzender Vogel erinnerte an das Vorbild Bundeskanzler Willy Brandts, der 1974 wegen „persönlicher und politischer Verantwortung für Fahrlässigkeiten“ im Zusammenhang mit dem Fall Guillaume zurückgetreten war, an Bundesverteidigungsminister Georg Leber und Bundesinnenminister Werner Maihofer, die beide 1978 ihren Rücktritt erklärt hatten, weil ihnen nachgeordnete Organe versagt hatten.

Doch Zimmermann fühlte sich nicht betroffen. Hellenbroich hatte ihn und das Ministerium nämlich nicht über die Schwierigkeiten mit Tiedge informiert. Und der Minister bestreitet auch entschieden den Vorwurf der Opposition, er habe seiner Dienstaufsichtspflicht nicht genügt. Darüber wird man sich nun wohl nächste Woche im Bundestag weiter unterhalten. Des Weiteren wird man dann wohl einen Parlamentarischen Untersuchungsausschuß einsetzen, wie bei früheren Spionageskandalen auch. Spy business as usual...