Zweifelsohne war die Flucht Tiedges eine der schwersten Schlappen der Bundesrepublik im Kalten Krieg der Geheimdienste, schlimmer als der Fall des Kanzleramtsspions Günter Guillaume, über den 1974 Bundeskanzler Willy Brandt zu Fall kam, und vergleichbar nur den Fällen John und Felfe:

  • Im Juli 1954 war der erste Präsident des Bundesverfassungsschutzes, Otto John, plötzlich in der DDR aufgetaucht. Bis heute ist ungeklärt, ob er entführt wurde oder freiwillig übergewechselt war. Doch wußte er nichts über operative Einzelheiten und gab so gut wie keine Namen preis. Zwei Jahre später, 1956, kehrte er in den Westen zurück; der Bundesgerichtshof verurteilte ihn zu vier Jahren Zuchthaus;
  • Ende 1961 wurde Heinz Felfe, Leiter des Referats "Gegenspionage Sowjetunion" im Bundesnachrichtendienst (BND) als sowjetischer Agent entlarvt. Der ehemalige SS-Offizier hatte seit 1951 alle Geheimnisse des Gehlenschen Geheimdienstes verraten. Er wurde 1953 zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt und später ausgetauscht; heute lehrt er als Professor in der DDR.

"Tiedge fiel dem MfS (Ministerium für Staatssicherheit in Ost-Berlin) wie ein Geschenk in den Schoß", sagte ein westdeutscher Geheimdienstexperte. "Das ist doch die Krönung einer nachrichtendienstlichen Arbeit. Mein Gott, den gegnerischen Abwehrchef rauszulösen, davon träumen doch alle." Noch läßt sich gar nicht absehen, wie groß der Schaden ist, den der Überläufer Tiedge angerichtet hat. Dazu sind noch langwierige Untersuchungen nötig. Bis zur Wochenmitte stand folgendes fest:

Alle laufenden Operationen der Gegenspionage in der DDR müssen gestoppt werden, da Tiedge, der ein ausgezeichnetes Gedächtnis hat, die Namen der CM-Agenten (Counter Men) preisgeben kann. Dabei handelt es sich um Bundesbürger, die vom Staatssicherheitsdienst der DDR angeworben und später vom Verfassungsschutz umgedreht wurden. Mit Hilfe dieser CMs lassen sich die Methoden des Stasi, die Reisewege und Treffpunkte der DDR-Agenten und deren Aufträge ausspionieren. Alle "Fall-Führer" in den Landesämtern, also jene Beamte, welche die CMs führen, müssen ausgewechselt werden. Es wird mindestens zwei Jahre dauern, bis ein neues CM-Agentennetz aufgebaut ist.

Damit nicht genug: Tiedge kennt alle Methoden der Fahndung gegen illegale Residenten östlicher Nachrichtendienste. Er weiß auch, gegen wen der Generalbundesanwalt wegen landesverräterischer Beziehungen ermittelt. Und was für die Ostberliner Spionagezentrale ebenso wichtig ist: Tiedge kann die Stärken und Schwächen der westdeutschen Spionageabwehr offenlegen, zugleich aber die Schwächen der anderen Seite, auch deren Stärken, über die das MfS vielleicht selber gar nichts weiß.

Natürlich vermag Tiedge auch allerhand über die Zusammenarbeit des Verfassungsschutzes mit den anderen Geheimdiensten – Militärischer Abschirmdienst (MAD) und Bundesnachrichtendienst – auszupacken. Allerdings, so versichern die Verfassungsschützer, kennt er wegen der Abschottung zwischen den Diensten nicht das BND-Agentennetz, allenfalls die Decknamen einiger Agenten. Sorgen macht man sich auch im Bundeskriminalamt, das beim Staatsschutz und in der Terrorismusbekämpfung mit dem Bundesamt in Köln zusammenarbeitet.

Einen sehr unangenehmen Nebeneffekt der Affäre hat die Opposition herausgestellt. "Das Vertrauen in unsere Nachrichtendienste hat im Ausland schweren Schaden erlitten", behauptet Alfred Emmerlich, SPD-Vertreter in der Parlamentarischen Kontrollkommission für die Geheimdienste. Die Regierung bestreitet dies: Tiedge sei schließlich nicht allwissend gewesen, befreundete Dienste könnten unbesorgt sein. Während die Nato-Regierungen schweigen, macht sich die Sorge um so mehr in der Presse breit. Die Londoner Financial Times bezeichnete die Bundesrepublik als das "löcherige Sieb der Nato". Beide großen amerikanischen Nachrichtenmagazine – Time und Newsweek – widmeten ihre Titelgeschichten den Bonner Spionagefällen. Der ehemalige CIA-Chef Stansfield Turner erklärte im CBS-Fernsehen, die Affäre Tiedge dämpfe den Informationsaustausch zwischen den Nato-Diensten. In Washington, so heißt es, zögere man jetzt, der Bundesrepublik vollen Einblick in die Star Wars-Pläne zu gewähren. Der Züricher Sonntags Blick will wissen, sogar die Schweiz habe vorsorglich ihre Agenten aus der DDR zurückbeordert.