Stotel

Das Haus ist 45 Meter hoch. Seit zwölf Jahren steht es leer. Nachts irren Ratten durch die Wohnungen, gespenstisch heult der Nordseewind durch den fensterlosen Bau. Im niedersächsischen Stotel, Gemeinde Loxstedt, erinnert eine Ruine an die goldenen siebziger Jahre.

Aus dem nahen Bremerhaven, das sich „Tor zur Welt“ nannte, kam damals Bauunternehmer Bruno Hoffmann zu den Stotelern. Nun solle für ihr Dorf das Tor zur Zukunft weit aufgestoßen werden, verkündete er. Mitten in Stotel wollte Bruno Hoffmann 1200 Wohnungen hochziehen. Aus dem Dorf mit seinen knapp 2500 Einwohnern sollte eine Kleinstadt werden.

Die Kommunalpolitiker waren beeindruckt: sie dachten an die Steuergelder, die die Neubürger mitbringen würden. Die Geschäftsleute hofften auf mehr Kunden, die Landwirte auf höhere Grundstückspreise. Und daß künftig ein Hochhaus zwischen Bauern- und Einfamilienhäusern stehen würde, das gehörte nun einmal zur modernen Zeit. Stotel ergriff die große Chance.

Als die Baugenehmigung unter Dach und Fach war, ließ sich der Unternehmer zum „König von Stotel“ ausrufen, und niemand war ihm deswegen böse. Hoffmann konnte schalten und walten, wie er wollte. Statt der genehmigten zwölf Stockwerke errichtete er fünfzehn, die Behörden hielten still.

Niemand hatte sich über die Herkunft Bruno Hoffmanns genauer erkundigt. In Berlin hatte der Unternehmer zwei Baugesellschaften und zwei Charterflugunternehmen in die Pleite gesteuert.

Die Betonburg war schon fünfzehn Stockwerke hoch, als Hoffmann Raten und Gehälter nicht mehr bezahlen konnte. Der „König von Stotel“ wanderte im Sommer 1973 wegen Steuerhinterziehung hinter Gitter.