Von Michael Sontheimer

Der Mann, der da zum Ufer des Sees hinabhüpft und dabei mit einem hölzernen Paddel wedelt, hat sich einen Bart aus Watte umgehängt, wie ein Weihnachtsmann. Ein Sprecher aus dem Off verkündet: "Es begab sich zu der Zeit, als König Richard Löwenherz auszog, um das Heilige Land von den Heiden zu befreien." Der Mann klettert in ein gelbes Schlauchboot und paddelt hektisch davon ... Er machte sich auf eine entsagungsvolle Reise ..."

Kanal 19 im Kabelpilotprojekt Ludwigshafen, Rheinland-Pfalz, das dienstälteste der vier Kabelpilotprojekte, in denen derzeit privates und öffentlich-rechtliches Radio und Fernsehen aus der Dose erprobt werden.

Menschen auf der Straße eilen aneinander vorbei – ein stilisierter Breakdancer verrenkt sich seine in weiße Handschuhe gehüllten Hände – Großaufnahme von Fingern, die in rostroter Farbe rühren – Begegnungen heißt der Titel des Beitrags – nowave-Jazzmusik läuft monoton durch – ein junger, kräftiger Mann mit nacktem Oberkörper, sinnlich düstere Leni Riefenstahl-Ästhetik – Jugendliche in einer Betonschlafstadt, sie hauen sich ein bißchen, dann paffen sie zusammen eine verbotene Zigarette ...

Es kommt aus dem Kabel, flimmert auf dem Bildschirm, aber ist doch etwas anderes als Fernsehen. Nun, der Name ist ganz einfach. Es heißt Offener Kanal. Ein Kanal, offen für jedermann und jederfrau. Nur für Werbung ist er geschlossen. Jeder, der seinen Wohnsitz in der Bundesrepublik oder West-Berlin hat, kann einen Beitrag machen und senden lassen. Es gibt auch einen Offenen Hörfunkkanal, doch der soll hier einmal vernachlässigt werden, denn Radio aus der Kabeldose ist kaum zukunftsträchtig; der Vorzug modernen Radios liegt in der Mobilität des Geräts.

Gemacht wird im Offenen Kanal, was immer den Produzenten gefällt. Es gibt keine Zensur; die Produzenten sind für ihren Beitrag selbst juristisch verantwortlich. Freies "Bürgerfernsehen". Nicht die inzwischen ritualisierte "Bürgerbeteiligung" als Talkshow-Publikum oder die telephonische Abstimmung darüber, ob am Freitagabend ein deutscher Heimatfilm oder ein amerikanischer Western gezeigt wird, sondern schlichte Aneignung des Mediums durch Privatpersonen. Eine Spur Deutschland privat, unbekümmert, laienhaft, von genial bis dilettantisch.

Im Offenen Kanal Ludwigshafen wird allerdings nicht nur Jux und Kunst gemacht, es wird auch gern und ausführlich debattiert: über die Sucht nach harten Drogen zum Beispiel, über Leistung und Zwang in der Schule oder darüber, ob es überall Fußgängerzonen geben muß.

Und viel Musik gibt es: Einen langhaarigen Liedermacher, der mit gepflegtem Schnurrbart, gefälligen Melodien und Mut zum Klischee die Schlechtigkeit der Welt beklagt: "Atome, saurer Regen, Arbeitslosigkeit, Krieg..." Zum Ausgleich eine sinistere Punkcombo, die einen infernalischen Sound aus ihren Verstärkern quält. Da kommt nur noch der Beitrag "Senioren singen und spielen auf" mit. Ein mindestens siebzigjähriger Solist tritt an den Flügel und gut zwanzig Kolleginnen und Kollegen aus dem Altersheim fallen in den Refrain mit ein: "Do wird die Wutz geschlacht, do wird die Wurscht gemacht, und herrlichen Wein gibt’s im Pfälzerland."

Im Pfälzerland gibt’s auf jeden Fall den ersten und bis vor drei Monaten einzigen Offenen Kanal der Republik. Am Neujahrstag 1984 um 9.45 Uhr wurde er mit Hilfe der Anstalt für Kabelkommunikation (AKK) gestartet; ein Novum in der fünfzigjährigen Geschichte des deutschen Fernsehens.

Die Leute sind das Thema

Ulrich Kamp, der die Redaktion Offener Kanal leitet, beschreibt seine Arbeit der letzten anderthalb Jahre so: "Wir planen, verwalten und lehren. Dabei nehmen wir keinen Einfluß auf das Programm; wir sind eine neutrale Instanz, dazu da, Leuten die sich nie trauen würden, zu helfen sich zu trauen. Was dabei rauskommt, ist etwas ganz Eigenes. Wenn hier etwa ein 70jähriger eine Livesendung macht, dann messe ich das nicht an meinen Fernsehansprüchen. Die machen das schon richtig. Der Offene Kanal ist der einzige, der eine ganz eigene Bildsprache hat von den 22 Kanälen, die man hier sehen kann. Alle anderen bringen ja Konfektionsware. Wenn man sich auf so was einläßt, das mit, von einem Profi aus gesehen, absolut seltsamen Mitteln gemacht wird, ist das spannend. Zum Beispiel jugendliche Strafgefangene machen eine Spielhandlung über Widerstand im Dritten Reich. Da kann man sich alles an den Hut stecken, was man die letzte Woche gesehen hat."

Ulrich Kamp ist an die vierzig, trägt Blue Jeans, ein melancholischer Intellektueller. Das was am Schluß gesendet wird, ist für ihn nur die Spitze des Eisbergs. Viel mehr interessiert ihn, was beim Machen geschieht: "Wenn beispielsweise einer aus dem CDU-Kreisvorstand, der hier im Offenen Kanal produziert, gezwungen ist, mit einem Juso zusammenzuarbeiten, weil sie sich das Produktionsmittel teilen müssen und dabei plötzlich lernen, sich zu respektieren. Die Leute haben kein Thema, sie sind das Thema. Bei uns heißt das Thema nicht Waldsterben, sondern ein Mensch regt sich über das Waldsterben auf – oder findet es gut. Wichtig ist, daß die Leute kapieren, daß sie wichtig sind. Daß sie Rollen spielen, die wichtig sind, Väter, Töchter, Parteimitglieder, Gewerkschafter, Kirchenmitglieder, Straßenbahnfahrer, Alkoholiker, Priester, Rentnerinnen. Ich kenne in dieser Gesellschaft keine Instanz, die dieses Lernziel hat."

Ein Lernziel, das den meisten Politikern ebenso suspekt ist, wie die Offenen Kanäle. Über sie wurde schon seit Ende der siebziger Jahre bei Medienpädagogen und -wissenschaftlern eifrig debattiert und konzipiert, doch nicht nur den meisten Politikern, ebenso den Oligopolisten in den öffentlich-rechtlichen Anstalten war ein freier, unzensierter Zugang zu Rundfunk und Fernsehen gar nicht geheuer. "Wir nehmen von dieser Illusion, die zur Manipultion des Bürgers führen wird, noch rechtzeitig Abstand", hatte Lothar Späth erklärt, bevor er von einer Beteiligung an dem Kabelprojekt überhaupt Abstand nahm. Professor Hans Schneider hatte als Vorsitzender der baden-württembergischen Expertenkommission Neue Medien zuvor schon eindringlich vor einem Offenen Kanal gewarnt, da dieser "Zugang für Chaoten, Sektierer, komische Käuze und Leute mit minderbemitteltem Verstand" biete.

Der jüngste Produzent, der sich bisher in Ludwigshafen versucht hat, war elf und konnte die Kamera noch nicht selbst herumtragen, der älteste 75. Eine geistige Minderbemittelung hat Ulrich Kamp noch nicht beobachtet, eher, daß Frauen deutlich unterrepräsentiert sind. Nach knapp einem Jahr trafen sich rund 170 Produzenten. Ein konkretes Ergebnis der Versammlung: Die Beiträge werden nicht mehr nur zufällig verstreut gesendet, sondern abends noch einmal wiederholt, und am Wochenende gibt es eine Zusammenfassung.

Die größten Probleme des Offenen Kanals sind geographische. Redaktion und Studio sind in der AKK-Zentrale angesiedelt, und die ist umgeben von einem Autobahnkreuz, dem Hauptfriedhof und einem stillgelegten Schlachthof; eine leblose Gegend, nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen. Demnächst zieht der Offene Kanal in die Stadt – zu den Produzenten. Die zweite geographische Krux: Ein Offener Kanal ist ein Medium lokaler Kommunikation, und was hat das Leben einer Kreuzbergerin mit dem eines Oggersheimers zu tun? Daß ein Hamburger seine Beiträge nach Ludwigshafen schickt, nur weil es in Hamburg keinen Offenen Kanal gibt, ist ebenso unsinnig wie der Beitrag, ob Speyer eine Fußgängerzone braucht für das Publikum in Ludwigshafen. Daß ein richtiger, das heißt, lokaler Offener Kanal großes Interesse findet, hat ein zweijähriger Versuch in dem 14 000 Nasen großen Schweizer Städtchen Wil gezeigt; obwohl der gegen fünf Konkurrenten ansendete, hatte er immer ein Drittel des Publikums sicher.

"Ich frage mich, ob die Leute solch Kraut und Rüben wirklich sehen wollen? Wenn ich mir die Erfahrungen von Ludwigshafen anschaue, dann bin ich sehr im Zweifel, ob dieser Kanal dort überhaupt eine Akzeptanz hat." Der Zweifelnde heißt Julian Gyger, und er versucht in München kommerzielles privates Fernsehen zu etablieren, derzeit eine eher deprimierende Unternehmung. Die Verkabelung geht nur zähest voran, von Fernsehsüchtigen, Medienkonzernen und Bauunternehmern abgesehen, wird Radio und Fernsehen aus der Dose nicht so recht als lebensnotwendig erachtet, die Wirtschaft wirbt kaum, und unter den Programmanbietern herrscht Katzenjammer. Statt des erwarteten Goldrausches ist der Pleitegeier gekommen. Der Pressesprecher der Münchner Pilot-Gesellschaft für Kabel-Kommunikation hofft noch auf die Verarmung der unteren Einkommensschichten und die Arbeitslosen: "Selbst wenn Sie mit einer dreiköpfigen Familie mit der S-Bahn ins Grüne rausfahren wollen, sind Sie ja schon erheblich mehr Geld los, als Sie für den Kabelanschluß im Monat zahlen müssen."

Verwandte und Kneipencrew

Julian Gyger stöhnt: "Ich kann das Wort demokratisches Fernsehen nicht mehr hören. Wenn ich mir unsere bisherigen Zahlen anschaue, dann hilft halt alles nichts. Was die Leute in erster Linie interessiert, ist Unterhaltung." Und was die Bürgernähe angehe, da bemühe sich der Bayrische Rundfunk ja auch in seinen Kabelangeboten das, was man "Bürgersendungen" nennt, zu machen.

Der Bayrische Rundfunk hatte von Anfang an kein Interesse an einem frei zugänglichen Kanal, der in den US-Metropolen schon seit Jahren eine Selbstverständlichkeit ist. Die Pilot-Gesellschaft redete sich auf die bayrische Landesverfassung heraus, nach der Fernsehen und Hörfunk in Bayern nur unter öffentlich-rechtlicher Kontrolle oder Trägerschaft betrieben werden dürfen.

Herr Gyger fragt: "Entschuldigen Sie, wen interessiert denn das Zeug im Offenen Kanal?" Und gibt auch gleich die Antwort: "Denjenigen, der es dreht, die Anverwandten und die Kneipencrew. Wir sind nicht sonderlich traurig, daß wir keinen Offenen Kanal haben."

In Berlin würde man sich dies nie offen zu sagen getrauen, auch wenn das monatelange Gerangel um den Offenen Kanal den Verdacht aufkommen läßt, daß er, obgleich im Kabelgesetz eigens vorgesehen, unerwünscht ist. Obwohl er wie das gesamte, mit an die 200 000 Empfängern bislang größte, Kabelpilotprojekt am 28. August zwei Tage vor der Eröffnung der Internationalen Funkausstellung erstmalig auf Sendung gehen sollte, ist noch unklar, ob es ihn überhaupt geben wird. Dabei hatte sich nach langen Debatten schon im April ein Verein "Offener Kanal Berlin e. V." gegründet, der über 100 Mitglieder verzeichnet: Videofilmer, Sozialdemokraten, Kleinkünstler, Arbeitslose, Feministinnen, Alternative, Sozialarbeiterinnen, Journalisten in spe – eine bunte Mischung aus dem "Anderen Berlin", das in den Springer-Zeitungen und im SFB als ungeliebte, weil unruhige Minderheit weitgehend ausgeblendet und gelegentlich denunziert wird.

Hartmut Horst wurde in den Vereinsvorstand gewählt, weil er seit nunmehr acht Jahren in der "Medienoperative" mit Ausländern, Alten oder Jugendlichen alternative Videoarbeit macht. Die Medienoperative hat bereits 1979 auf der letzten Funkausstellung in Berlin zehn Tage lang einen Workshop Offener Kanal inszeniert, und Hartmut Horst hat ein Konzept für einen Offenen Kanal entworfen. Nach diesem Konzept sollte es Kontaktläden in mehreren Bezirken geben, die durch Standleitungen mit der Kabelzentrale verbunden sind, sowie achtzehn bezahlte Mitarbeiter, die organisieren, Unkundige einführen und den technischen Ablauf garantieren. Nach zähen Verhandlungen hat der Kabelrat dem Verein drei Mitarbeiter, sechs Kameras und zwei Schnittplätze zugestanden; das Studio sollen sie sich ebenso wie den Kanal mit kommerziellen Kleinanbietern teilen.

"Es ist lächerlich", sagt Harmut Horst, "damit kann man ungefähr zwei Stunden in der Woche produzieren." Da der politische Willen auf Seiten des Kabelrats für ein solches Projekt fehle, sieht er derzeit keinen Sinn darin, überhaupt anzufangen. "Ich habe es noch nicht erlebt, wie man eine Sache kaputt machen kann, ohne sie ein einziges Mal öffentlich zu kritisieren."

So richtig skurril wurde das Gerangel um den Offenen Kanal freilich erst am 31. Mai; da war just am letzten Tag der Meldefrist ein Lizenzantrag der "Berliner Bürgergemeinschaft" für einen Offenen Kanal eingetroffen. Frei für alle Beiträge, die auf dem Boden der freiheitlich demokratischen Grundordnung stünden und sich nicht gegen die alliierten Schutzmächte richteten. Die Berliner Bürgergemeinschaft ist ein von Innensenator Heinrich Lummer und dem ehemaligen Justizsenator Oxfort mitbegründeter Verein rechtsabgewichener Sozialdemokraten, und wenn man sich für ihre Offenen Kanalpläne interessiert, landet man bei Winfried Tromp. "Ich sage ja immer Pfadfinderfernsehen", erzählt der joviale Redakteur der Berliner Rundschau – des CDU-Parteiblattes – und gesteht freimütig ein, daß er sich bis vor zwei Wochen noch nicht für Offene Kanäle interessiert habe. Der Grund, daß er jetzt plötzlich einen machen soll, liegt auch weniger bei ihm, als bei dem für das Kabelpilotprojekt verantwortlichen Kultursenator Volker Hassemer, der sich zwar gern liberal geriert, aber dem es dann doch nicht geheuer war, wenn im Offenen Kanal vorwiegend die "Szene" im weitesten Sinne zu Wort und Bild kommen würde, und der deshalb die Installation eines staatstragenden Konkurrenzvereins veranlaßte.

Winfried Tromp ist, wie er sagt, eher den unpolitischen Gruppen zugetan, "von Landessportbund über den Aquariumzüchterverein bis zu den Hausfrauen. Aber bei uns kann natürlich jeder kommen, auch der Punker aus Kreuzberg kann dreimal Scheiße sagen, und dann kommt er sich auch lächerlich vor." Dem Verein Offener Kanal Berlin wirft Tromp vor – auch wenn er bisher mit ihm nicht gesprochen hat –, daß er elitäre Vorstellungen habe: "Die sind eine abgeschottete Gruppe."

Rechtsanwalt Johannes Eisenberg vom Vorstand des Vereins weist dies zurück: "Das ist Unsinn. Wir haben beispielsweise lange darüber gestritten, was passiert, wenn ein Neonazi kommt und einen Beitrag machen will. Viele unserer Mitglieder wollten das von vornherein verhindern, aber wir haben schließlich durchgesetzt, daß er das machen kann. Im Offenen Kanal soll ja gerade nicht tabuisiert werden. Es gibt keine Zensur."

Nichts wirklich Neues

So wie es derzeit aussieht, wird es also nur den Offenen CDU-Kanal geben, der Verein hat erst mal zwei Klagen gegen Entscheidungen des Kabelrats angestrengt. Johannes Eisenberg hält diese Entwicklung für ebenso bedauerlich wie peinlich: "Im Berliner Kabelpilotprojekt wird ja nichts wirklich Neues mehr erprobt. Das einzige wäre der Offene Kanal gewesen. Deshalb hat der Gesetzgeber ja gesagt, daß dem Offenen Kanal bis zu einem Achtel der Sendezeit gegeben werden kann. Das wären anderthalb Kanäle. Wenn jetzt die Bürgergemeinschaft das macht, ist das lächerlich. Das sind ja Senatoren, Stadträte, also Leute, die problemlos Zugang zu den Medien haben, für die der Offene Kanal ja gerade nicht gedacht ist. Der soll ja staatsfern und bürgernah sein. Aber diese vaterländischen Gesellen sind sich wohl für nichts zu schade."

Berlin bleibt eben Berlin. In Dortmund, dem einzigen der vier Kabelpilotprojekte, in dem die SPD schalten und walten kann und das vor drei Monaten mit sage und schreibe 400 verkabelten Teilnehmern gestartet wurde, dürfte auf die Dauer für die Freunde des freien, im eigentlichen Sinne des Wortes privaten Fernsehens am meisten geboten werden. Schließlich wollen die Sozialdemokraten, die ja erst vor kurzem von ihrer Ablehnung privaten Rundfunks und Fernsehens umgeschwenkt sind, beweisen, daß die Verkabelung nicht nur eine Vermehrung televisionärer Dummheit und Gewalt à la USA bedeuten muß. Das Dortmunder Projekt läuft unter Aufsicht des Westdeutschen Rundfunks mit einem generellen Werbeverbot, und der Offene Kanal ist mit achtzehn Mitarbeitern geradezu üppig ausgestattet. Anfangs war geplant, daß Mitarbeiter des WDR über ein Mindestmaß an Ausgewogenheit zu wachen hätten, doch dann setzte sich bei den Genossen die Erkenntnis durch, daß die neue Meinungsfreiheit und die Möglichkeit der freien Kommunikation für 90 000 Dortmunder – so viele leben nur in dem Projektgebiet und können bestenfalls den Offenen Kanal empfangen – nicht unmittelbar zum offenen Aufstand führen würde. Johannes Rau nannte den Offenen Kanal "einen Beitrag zur Ausgewogenheit". Auch etwas merkwürdig: Ein unausgewogener Kanal soll unter Federführung einer sich ewig auf ihre Ausgewogenheit berufenden öffentlich-rechtlichen Anstalt deren Ausgewogenheit herstellen.

Den Ausgang des Experiments werden fast alle von uns nie mit eigenen Augen sehen können, doch darum geht es auch gar nicht. Das Anti-Fernsehen aus dem Fernseher ist kein von professionellen Journalisten und Künstlern produzierter Konsumartikel wie das gewohnte Fernsehen – einerlei ob öffentlich-rechtlich oder privat –, sondern es sind die Menschen aus unerer Nachbarschaft, auf dem Dorf oder auf dem Kiez, die sich ein Medium aneignen. Ulrich Kamp vom Offenen Kanal Ludwigshafen beschreibt das so: "Sie verstehen über den Umweg Fernsehen, daß ihr Leben auch etwas Wichtiges ist. Sie benutzen Mittel, die wir für Fernsehen halten, aber im Idealfall benutzen sie die ganz anders, wie eine Waschmaschine oder wie einen Toaster."