Wim Wenders war während einiger Jahre in Amerika mit der Country-Westernsängerin Ronee Blakley verheiratet. Die Ehe ging in die Brüche. Sie war immer etwas geheimnisumwittert gewesen: der sensible, intellektuelle Deutsche Wenders mit einer waschechten amerikanischen Rockmusik-Diva, die handfest Gitarre spielt und ihre eigene Band kommandiert – wie konnte das gehen?

In Venedig wurde nun dem verwunderten Publikum ein seltsames Zeugnis dieser Ehe präsentiert, das freilich nichts wirklich Intimes preisgibt. Der Exhibitionismus von Wim Wenders und Ronee Blakley, wie er in diesem schlicht "Docu Drama" betitelten Privatwerk zum Ausdruck kommt, ist von oberflächlicher Art, aber trotzdem peinlich genug. Manche, die dem guten Wim wohlwollen, verdächtigen vielleicht zu böswillig die Exgattin, den schlimmen Film nach Venedig geschleust zu haben. Denn so unvernünftig kann der Cineast Wenders doch wahrlich nicht sein.

Ist also tatsächlich weibliche Eitelkeit schuld, daß ein großes, erwartungsvolles Publikum ganze hundert Minuten mitansehen mußte, wie Ronee Blakley mit ihrer Rockmusiker-Entourage sich filmisch höchst dilletantisch in Szene setzt? Wim Wenders hat, scheint es, das meiste davon gefilmt. Damals vermutlich fürs Familienalbum auf Video. Manches ist auch inszeniert, zum Heulen schlecht. Minutenlang ist ohnehin oft alles unscharf, aber der Amateurfilmstil soll bestimmt ein Witz des ganzen Dramas sein, dessen kaum zu erkennender Inhalt in der Begegnung der attraktiven Rocklady mit einem scheuen Deutschen besteht.

Dieser Deutsche, dargestellt von Wenders, nennt sich Howard. Düster in Schwarz steht er in einer Bar herum. Er kommt aus New York ins Countrymusik-Milieu. Er spielt Billard mit der Sängerin, die ihn mit von Lip-Gloss leuchtenden Lippen animiert. Sie ist am Billardtisch zu Hause, trinkt Löwenbräu-Export, wie alle in der Bar, aus der Flasche, spricht ein schönes Drawl-Amerikanisch und spielt wie der Teufel Gitarre. Der brave Deutsche Wim ist beeindruckt – und guckt immer etwas verloren drein.

Sonst sieht man ihn – vermutlich während einer Karibik-Honeymoon-Reise – beim Schwimmen und Schnorcheln. Einmal hält er im Auto Polaroidphotos in die Kamera. Ronee ist darauf in weißem Hochzeitskleid zu erkennen, und der Schatten neben ihr mußte Wenders sein. Über die Hälfte des Films durch singt und rockt Ronee Blakley: das musikalische Vergnügen ist für den Zuschauer gering, aber ihre Energie kommt rüber. Es ist die Energie einer Person, die auf dem Egotrip ist – was wahrscheinlich diesen unglückseligen Film erklärt.

Ausrutscher wie Wim Wenders’ und Ronee Blakleys "Docu Drama", denen man ja beizeiten entfliehen kann, tragen aber gerade zum Charme dieses Festivals bei. Selten hat es Filmfestspiele gegeben, die in solcher Fülle und Farbigkeit erleben ließen, was Filmemacher im Kopf haben. Die Summe ergibt jedenfalls ein eindrucksvolles Bild, bei dem sich die Schwächen einzelner Filme verlieren.

Alain Tanners Film "No Man’s Land", dieses melancholische Porträt einer orientierungslosen Generation von Dreißig- bis Vierzigjährigen, die überall auf Grenzen stoßen, mag an Wehleidigkeit und pseudophilosophischem Gerede kranken. Aber er läßt einen nicht los, er besitzt eine rätselhafte Magie, die ihn in der Erinnerung wachsen läßt. Und dann: was für ein faszinierender Kontrast zu Paul Leducs schmerzhaft sinnlichem Filmrequiem für die Mexikanische Malerin und Sozialistin Frida Kahlo: "Frida. Natura Viva".