Bei der Angeschuldigten handelte es sich nämlich um die ehemalige Vorzimmerdame des Abwehr-Chefs Canaris, Wera Schwarte. Die Sekretärin, Tochter des Generalleutnants Max Schwarte, eines der bekanntesten Militärschriftsteller zwischen den beiden Weltkriegen, war 1945 in Berlin von den Russen gefangen und im Gefängnis Berlin-Moabit interniert worden. (Ihr Vater hatte sich im Februar 1945 beim Herannahen der Russen in Pommern das Leben genommen.) Nach Aussagen ihres Neffen hat Frau Schwarte aus der Haftzeit körperliche Schäden davongetragen; ihr Haar sei schlohweiß geworden. Nach ihrer Freilassung mußte sie sich alle vier Wochen bei der Kommandantura melden. Ihre Angst, noch einmal wieder von den Russen geschnappt zu werden, verlor sie ihr Leben lang nicht. Eine enge Freundin Frau Schwartes hält es immerhin für möglich, daß die einstige Canaris-Sekretärin von den Russen nur freigelassen worden sei, nachdem sie sich schriftlich zur Mitarbeit verpflichtet habe.

1948 wurde Frau Schwarte von dem amerikanischen Schriftsteller und Geheimdienstoffizier Curt Riess als Sekretärin übernommen. Sie lebte damals in der Nähe der Sektorengrenze am Wannsee in dauernder Angst vor einer Entführung durch die Russen. Riess heute: "Ich halte es für undenkbar, daß sie für die Russen gearbeitet hat. So eine Schauspielerin war sie nicht. Und Geheimnisse gab es bei mir nicht zu holen." Zu seiner Enttäuschung erzählte sie ihm nichts über ihre Arbeit bei Canaris, dessen Tagebuch sie geführt hatte.

Als in Bonn das Amt Blank die Wiederaufrüstung vorbereitete, wurde Frau Schwarte von der Witwe Canaris dorthin vermittelt und von ehemaligen Abwehroffizieren unter die Fittiche genommen. Der Sohn des Widerstandskämpfers und Abwehroffiziers Hans Oster, der spätere Bundeswehrgeneral Achim Oster, vermittelte Frau Schwarte dann weiter zu Otto John ins Kölner Bundesamt.

Wer war die Quelle im Bundesamt?

Sie genoß das volle Vertrauen des Präsidenten und verwahrte die Schlüssel zu dem Stahlschrank mit seiner Privatkorrespondenz. Das Ehepaar John schildert sie als eine rührend bescheidene, liebenswerte Person, die ganz und gar im preußischen Geiste erzogen worden war. Sie bewohnte in Köln eine kärgliche Zweizimmerwohnung. Kolleginnen haben sie als überaus sparsam, ja geizig in Erinnerung. Die gehbehinderte Frau Schwarte, die nach ihrer Pensionierung noch als Übersetzerin tätig war, starb 1969 im Alter von 76 Jahren an den Folgen eines Straßenbahnunfalls. Erst im Sommer 1985 ist der Spionagevorwurf vom Bundesamt für Verfassungsschutz zurückgenommen worden: "Ein Beweis konnte nicht erbracht werden." Auch lägen keine Beweise oder Anzeichen dafür vor, daß "Frau Sch." bereits im Zweiten Weltkrieg für die Sowjets tätig war. Es war längst an der Zeit, diese Frau, die in den Kerkern der Gestapo und der Russen gesessen hat, posthum von dem schweren Verdacht des Landesverrats freizusprechen, den das KGB aus durchsichtigen Gründen in die Welt gesetzt hat.

Der sowjetische Geheimdienst wollte vielleicht auch unter Mißbrauch ihres Namens eine Panne auswetzen, die ihm bei den Vernehmungen Otto Johns unterlaufen war. Man hatte dem Verfassungsschutzpräsidenten auf der Krim den jüngsten Monatsbericht des Bundesamts, keine drei Wochen alt, auf den Tisch gelegt, außerdem eine Kopie des neuesten internen Telephonverzeichnisses, zum Beweis, daß das KGB über eine immer noch sprudelnde Quelle im Kölner Bundesamt verfügte. In den dreizehn Jahren nach Johns Rückkehr war es dem Amt nicht gelungen, diese Quelle aufzufinden. Es ist aber sehr wohl möglich, daß die Informationen dank der Querverbindungen zwischen Verfassungsschutz und BND über den 1961 enttarnten Spion Felfe in Pullach gelaufen sind.

Warum diese Manöver von MfS und KGB? Weil John doch entführt wurde? Namhafte Politiker der Union, der FDP und der SPD haben sich wieder und wieder für seine Rehabilitierung verwendet, weil sie das Karlsruher Urteil für ein Unrecht halten. Doch es reichte bisher nicht einmal für einen Gnadenerweis des Bundespräsidenten, der dem alten Mann wenigstens eine Rente bescheren würde. Der Verfassungsschutz stemmte sich dagegen, weil ihm sonst seine Beamten wegliefen. Seit seiner Entlassung aus der Haft im Jahre 1958 lebt John von Einkünften seiner Frau und den Zuwendungen einiger Freunde, die unverbrüchlich zu ihm halten.

Wie Philemon und Baucis verbringen Lucie und Otto John ihre Tage in einer Wohnung auf der abgeschiedenen Hohenburg bei Innsbruck. Ihre Gespräche beim Tee kreisen immer noch um jenen unseligen 20. Juli 1954. Womöglich wissen sie selber gar nicht, was mit ihnen geschehen ist. Vielleicht war Paul Sethe der Wahrheit auf der Spur, als er 1954 schrieb: "Die Gespaltenheit des Volkes schafft leicht zerspaltene Menschen" und "sie erschwert bei schwachen Naturen die Klarheit des Blickes". Wie es wirklich gewesen, wußten weder die Richter noch die Verteidiger Otto Johns und auch nicht die Journalisten. Heute spricht mehr für die Darstellung des Angeklagten als vor dreißig Jahren. In dubio pro reo...