/ Von Siegfried Schober

Eine altdeutsche, niedrige Wirtsstube, eine richtige Räucherkaschemme – in der Ecke auf einem rohen Bretterpodium legt der Rocksänger und Nachwuchsschauspieler Herbert Grönemeyer eine komische Nummer hin. Grönemeyer, über Nacht berühmt geworden durch die Fernsehserie „Das Boot“, wo er den vom Jammer gebeutelten Kriegsberichterstatter spielte, verkörpert einen schillernden, zweifelhaften deutschen Typ in der neuen Fernsehserie „Väter und Söhne“.

„Väter und Söhne“ – Untertitel „Eine deutsche Tragödie“ – wird im Herbst nächsten Jahres über unsere Bildschirme laufen. Die Macher, die Bavaria Atelier-Gesellschaft und der WDR, die auch das „Boot“ herstellten, erhoffen sich einen ähnlichen Erfolg, wie mit ihrem Unterwasser-Straßenfeger. Und Bernhard Sinkel, der „Väter und Söhne“ schrieb und inszenierte, könnte nach Wolfgang Petersen, dem „Boot“-Regisseur, und nach Edgar Reitz, dem „Heimat“-Schöpfer, zu einem neuen deutschen, international Aufsehen erregenden Regisseur aufsteigen, der dann wieder einmal seine Karriere und die Chance, sein Genie auszuleben, dem Fernsehen verdankt.

„Väter und Söhne“, gewaltig auf vier Fernsehfolgen von jeweils fast zwei Stunden Länge angelegt, behandelt einen brisanten Stoff: die Geschichte einer deutschen Industriellenfamilie von 1911 bis 1948; die Machenschaften des IG-Farben-Konzerns; den Weg von kaufmännischen Machtgelüsten bis hin zur Mitschuld an Auschwitz. „Für einen Kinofilm läßt sich mit einem solchen Thema zur Zeit kein Produzent gewinnen“, meint Bernhard Sinkel. Das schafft nur das Fernsehen, und außerdem, „im Kino würde man auch gar nicht das Publikum erreichen“. Das Fernsehen sei „das ideale Medium, um epische Stoffe zu erzählen – Geschichte in Form von Geschichten“.

Bei dem Wort „episch“ kommt Sinkel ins Schwärmen. Er ist keine Modefigur, kein ästhetisierender Formalist wie Wim Wenders. Erzählen, menschliche Schicksale schildern und politische Zusammenhänge anschaulich machen, das interessiert ihn. Schicke Autofahrten und amerikanische Motels sind nicht sein Fall, sein Fernweh richtet sich eher auf den europäischen Gesellschaftsroman des 19. Jahrhunderts. Wenn er nach Drehschluß in der verräucherten Münchner Kneipe, wo sein Jungstar Grönemeyer ein Zwanziger-Jahre-Couplet für eine „Väter und Söhne“-Szene zum besten gab, ins Reden kommt, fällt häufig der Name Tolstoi. Den Bogen von „Krieg und Frieden“ wünscht er sich für seine Fernsehserie; auch an Balzac und Zola ließe sich denken.

Sieht man ihm bei der Arbeit zu, fällt auch gleich Sinkels Epiker-Naturell auf. Er taucht ein in die Menge, geht in ihr auf. Er liebt seine Figuren, „auch wenn sie hassenswert sind, verbrecherische Züge besitzen“. Ohne Menschlichkeit, die man auch den Übeltätern zugestehen müsse, läßt sich, meint er, kein wirkliches Fernsehkino machen. Der Zuschauer soll miterleben können, mit Kopf und Herz. Sinkels Serie „Väter und Söhne“, die oft grell bis zur Kolportage mit der finsteren deutschen Vergangenheit abrechnet, wird deswegen auch unterhaltsam sein – aufklärend und nicht selten kulinarisch. Daß trotz des ernsten Stoffs ein raffinierter Unterhaltungsfilm herauskommt, stört Sinkel nicht, im Gegenteil. Widersprüche liegen ihm, diesem gemütvollen Intellektuellen, der beim Bier sehr deutsch, sehr europäisch bodenständig wirkt, bohemig und gebildet – ein Kopf- und Bauchmensch zugleich.

Mitte Vierzig ist er, und wie viele Nachdenkliche dieser Generation hat er die sechziger Jahre, die Zeit der Revolte nicht vergessen. Und es beschäftigen ihn – das hat ihn zu seinem Film geführt – immer noch die Schuld und die Nachkriegsversäumnisse der Vätergeneration, die Unfähigkeit zum Erkennen und zum Bekenntnis in diesem Land und das schwindende historische Bewußtsein bei den Alten wie bei den Jüngeren. Mit seinem großen Epos „Väter und Söhne“ will er aufrütteln. Vier Jahre hat er für das Drehbuch recherchiert, an ihm geschrieben. 700 Seiten ist es dick. Eine eindringliche, bewegende, erhellende und spannende Lektüre schon ohne die Bilder.