Ihre Wut ist noch jung – Seite 1

Von Gabriele von Arnim

Zum ersten Mal hörte sie ihn von ihrem Vater, diesen Satz, der sie fuchsteufelswild werden läßt: "Die da oben machen ja doch, was sie wollen." Als sie ihn 35 Jahre später wieder vernimmt, dieses Mal aus dem Munde ihres Sohnes, der erklärt, er gehe nicht wählen, denn "die da oben machen ja doch, was sie wollen", fragt sie sich, was sie eigentlich 35 Jahre lang getan hat. Doch das Wörtchen "umsonst" fällt nicht, nicht bei dieser Frau, deren Lebenselixier es ist, gerade gegen das zu kämpfen, was scheinbar nicht zu ändern ist. Fragt man Lore Lorentz, ob sie denn nie nahe dran sei, zu resignieren, bekommt man ein entgeistertes "Das wäre doch entsetzlich" zur Antwort. Sie stottert fast, weil sie so "erschrocken" ist über eine solche Vorstellung. "Nö, also wirklich, dann würde ich mich ins Bett legen, die Decke über die Ohren ziehen, nein, das könnte ich nicht, dann würde ich an Magengeschwüren oder Herzdrücken oder sonst was sterben – das muß ich schon sagen, das geht nicht."

Seit nunmehr 38 Jahren steht Lore Lorentz auf der Bühne, hat sie auf vielen Bühnen und vor vielen Kameras gestanden, um mit liebenswürdigem Charme und bitterbösem Humor zu sagen, was ist und nicht sein sollte. Und immer noch tut sie es mit der gleichen Verve, der gleichen Empörung. "Es hilft einem nur die Wut", sagt sie, und die hat sie statt der Resignation gewählt, hat sie wählen müssen, weil sie sonst erstickt wäre. Lore Lorentz wird am 12. September 65 Jahre alt, doch das heißt noch lange nicht, daß ihre Sicht abgeklärt, ihr Zorn abgekühlt wäre.

Im Gegenteil: "Die Wut ist jung", dichtete Kollege Werner Schneyder für sie, und der Text ist Maßarbeit: "Die Wut ist jung/so können sie nicht mit mir verfahren, ich schenke ihnen nach all den Jahren/doch nicht mein Schweigen."

Nein, sie denkt nicht daran. "Resignation kann man sich nicht leisten", sagt sie, "gerade jetzt nicht, wo die es darauf anlegen, daß man resigniert." "Die", das sind "die da oben", die sie eben nicht machen lassen will.

"Die Lage war noch nie so ernst wie immer", heißt ein Satz aus ihrem jüngsten Soloprogramm, und er könnte als Motto über dem Leben dieser Frau stehen, die sich täglich aufs neue über dreiste, dumme, korrupte oder auch nur mittelmäßige Politiker so aufregt, als täte sie es zum ersten Mal. Thomas Freitag, auch er ein Kollege, hat einmal gesagt: "So lange ich noch Lores wütende Schreie aus ihrer Garderobe höre, wenn sie die Tagesschau sieht, so lange ist alles in Ordnung." Je ärger die Situation, um so trotziger wird ihr Dennoch. Und dieses Dennoch war es auch, mit dem alles begann.

Kay und Lore Lorentz, jung verheiratet, wollten eigentlich nach dem Krieg auswandern. Schließlich hatten sie sich – er Student des Arabischen und sie Studentin der Geschichte – in einem Seminar von Emil Dofivat über "Publizistik in den USA" kennengelernt und träumten – er an der Front und sie an der Universität in Wien – "von den journalistischen Möglichkeiten in Übersee". Docn dann beschlossen die beiden zu bleiben, fanden "Auswandern eigentlich feige", hatten das Gefühl, "es lohnt sich, man kann dieses Land wieder aufbauen". Sie blieben "aus Trotz", und weil "eine kolossale Hoffnung in uns steckte".

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Zum Kabarett kamen sie eher zufällig. Kay Lorentz erhielt von einem Schulfreund einen Brief, in dem es hieß: "Ich werde ein Kabarett aufmachen, betrachte Dich schon als Mitarbeiter, denn Du hast doch mal sehr schöne deutsche Aufsätze geschrieben." So jedenfalls ist es Lore Lorentz in Erinnerung geblieben. Ihr Mann betont, er sei als Geschäftsführer angeworben worden und Lore als Kassiererin. Nun ja, und dann wird die Geschichte so kitschig, findet Lore Lorentz, daß man sie eigentlich kaum erzählen könne. Die Sängerin sagte ab, und die Kassiererin sprang ein. Die Grotesktänzerin sei auch noch ausgefallen, die Rolle habe sie ebenfalls übernommen und "wenn ein Löwe zu spielen gewesen wäre, hätte ich den auch noch gemimt". Und als sie auf der Bühne stand, überkam sie nicht etwa der große Schreck, sondern die Erkenntnis: "Es wäre nicht aufzuhalten gewesen. Was immer ich gemacht hätte, irgendwann wäre ich auf der Bühne gelandet." Und dort ist sie seitdem geblieben.

Da ging der Vorhang auf

Aus der fremden Bühne wurde bald ein eigenes Theater, das Kay und sie gemeinsam gründeten. "Gerade wollten sie Angst vor ihrer eigenen Courage bekommen", so hat Kay Lorentz das Unterfangen einmal beschrieben, "da ging der Vorhang auf – und sie waren das Kom(m)ödchen." Kay und Lore Lorentz blieben das Kom(m)ödchen, das älter ist als die Bundesrepublik, und sie blieben zusammen. 40 Jahre sind sie verheiratet – und es geht ihnen gut dabei.

"Das Sich-Finden ist das große Glück", sagt Lore Lorentz, "das Sich-Behalten ist, glaube ich, harte Arbeit." Vier Kinder haben sie bekommen und sich auf jedes "unbändig gefreut". Daß die Kinder nicht immer glücklich waren über die Karriere ihrer Mutter – von der Werner Schneyder sagt, daß sie ein "absolutes Arbeitstier" sei – darüber ist sich Lore Lorentz heute klarer als früher.

Seit 38 Jahren arbeitet das Paar zusammen, und sie streiten sich noch immer so, daß die Fetzen fliegen. Es sei schon öfter vorgekommen, erzählen sie, daß neue Ensemblemitglieder während der ersten Probe überzeugt waren, daß die Prinzipalin und der Chef und Regisseur des Hauses nun wirklich kurz vor der Scheidung stünden. Fassungslos schauen sie dann zu, wenn Lore Lorentz von der Bühne steigt, ihrem Mann – den sie eben noch angefaucht hat – um den Hals fällt und sich bitterlich über diesen gräßlichen Regisseur beklagt, der sie malträtiere. Und während er seine Frau tröstend umarmt, tobt er über diese dumme Kuh auf der Bühne, diese Lorentz, die einfach nicht begreifen wolle, was er ihr sage.

Diese Szene ist typisch für das Verhältnis der beiden, das einer Beschreibung mit einer so modischen Vokabel wie Partnerschaft Hohn spottet. "Ich bin völlig abhängig von Kay", sagt Lore Lorentz und lehnt sich entspannt zurück, doch nur, um im nächsten Augenblick zu erklären, daß das eigentlich auch ärgerlich sei, "also lieb ärgerlich", denn sie sei gern abhängig, und es sei ja auch so bequem. Ihre emanzipierten Töchter schimpfen mit ihr, wenn sie auf die Frage, wo sie am liebsten leben würde, antwortet: "Egal wo, Hauptsache, Kay ist dabei."

Der Ehemann als Augenzeuge

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Sie braucht ihn wirklich – nicht nur um Verträge auszuhandeln oder um Händchen zu halten, wenn das Lampenfieber sie mal wieder – wie fast immer – packt. Sie braucht auch seine Kritik und seine Zustimmung. "Mir können tausend Leute sagen, Sie waren hervorragend, wenn Kay nicht sagt, du warst gut, glaube ich es nicht." Sie tut gut daran, denn Kay Lorentz hat ein ungewöhnlich sensibles Gespür für richtige und falsche Töne, er ist ein unbestechlicher Augenzeuge, nicht nur ihrer Auftritte, sondern unserer Zeit.

Schon bevor man Kay Lorentz die obligate Frage stellen kann, wie man sich fühlt, wenn die Frau im Rampenlicht der Öffentlichkeit steht, hat er sie beantwortet. Er kommt gut damit zurecht, im Schatten seiner Frau zu leben. Kay Lorentz weiß genau, daß es zwar ohne Lore Lorentz kein Kom(m)ödchen gäbe, daß es aber auch ohne Kay Lorentz das Kom(m)ödchen nicht in der Form geben würde, die es heute hat.

Die beiden haben aus dem Kabarett eine Kunstform gemacht, die wenig mit Brettl und viel mit Bühne zu tun hat. In ihren Programmen wird nicht unbekümmert gefetzt, sondern hintergründig gespottet, hier werden Hiebe nicht mit Säbeln ausgeteilt, sondern offene Wunden ätzend beträufelt, Die Form veränderte sich. Brauchte man am Anfang nur zu artikulieren, was man tagsüber erlebte – "zu sagen, was ist, war allein schon eine Sensation", erinnert sich Kay Lorentz – so erkannten sie bald, daß es ihnen nicht genügte, Ereignisse satirisch zu kommentieren oder Personen bissig bloßzustellen. Sie wollten anderes, wollten mehr, das Übel nicht am Schopfe, sondern an der Wurzel packen, nicht nur den Politiker, sondern auch den Wähler angreifen, denjenigen, der die Herren und Damen in ihre Posten befördert. Die Skandale genügten nicht mehr als Inhalt ihrer Programme, sie wurden nur noch als Symptome ausgewertet, als Barometer für die politischen Verhältnisse und die geistigen Tendenzen im Lande betrachtet.

Peinliches und Unerhörtes durfte nur noch als Aufhänger herhalten, um allgemeine Mißstände zu dekuvrieren. "Mit der Politik des kleineren Übels sind 6000 Jahre lang die großen Übel gemacht worden", erklärt Lore Lorentz in ihrem Soloprogramm "Eine schöne Geschichte". Das Kom-(m)ödchen hat genau das ins Visier genommen. Man hat das Publikum über die kleineren Übel lasie über die großen Übel aufzuklären. Hatte man in den Anfangsjahren die Texte in wenigen Wochen zusammengeschrieben – viele stammen aus der Feder von Kay Lorentz – so begann man nun, mit dem neuen Ziel vor Augen, akribisch an den Dialogen, Gedichten, Balladen und Chansons zu feilen. Bald gab es einen Stamm von Hausautoren wie den inzwischen verstorbenen Martin Morlock, wie "Amadeus" Eckart Hachfeld oder Wolfgang Franke.

Obwohl Lore Lorentz ihre Texte nie selber schrieb, war sie dennoch nicht nur Erfüllungsgehilfin der Autoren. Ihre Ideen hat sie hartnäckig durchgesetzt, ihre Improvisationen "mischt sie unter das Vorhandene wie ein Treibmittel", schreibt Wolfgang Franke. "Am Anfang ist der Text", so Kay Lorentz. Je ernster das Problem, um so lustiger die Pointen." Natürlich wollte und will man warnen, natürlich wollte und will man entlarven und Nachdenklichkeit hervorrufen, doch vor einer Zeigefinger-Mentalität hat sich das Kom(m)ödchen stets gehütet. Die Zuschauer sollen nicht die Absicht spüren und verstimmt von dannen gehen. Im Gegenteil, sie werden verlockt und verfuhrt, sich zu amüsieren, und erst später sollen sie begreifen, daß sie über etwas gelacht haben, das eigentlich weh tut. "Man ist selig, wenn man merkt, es hat getroffen", sagt Lore Lorentz.

Die Pfeile wurden literarisch gespitzt, und wer hätte sie unschuldsvoller abschießen können als diese kultivierte Dame mit dem ach so bezaubernden österreichischen Akzent, in deren unnachahmlich rollendem "R" die Boshaftigkeit genüßlich mitgurrt. Lore Lorentz hat Kabarett gesellschaftsfähig gemacht.

Im Kom(m)ödchen traf sich die politische Prominenz Bonns und die gesellschaftliche Schickeria Düsseldorfs. Es war den Lorentz’ klar, daß sie sich auf eine Gratwanderung eingelassen hatten. Wenn Politiker in der ersten Reihe saßen und herzlich lachten, wurde ihnen schon ab und zu mulmig zumute – und so sang Lore Lorentz bereits in den sechziger Jahren: "Wenn wir auf die Köpfe zielen/trifft man meistens nur ins Leere. Wenn wir ihre Narrheit spielen/rechnen sie sich’s noch zur Ehre."

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Manche Kritiker nahmen ihnen ihr kulinarisches Kabarett übel: "Daß die amüsant geschwungene Hofnarrenpritsche die Angezielten mehr schmeichelnd streichelte als herzhaft schmerzte, kam ihnen dabei nicht in den Sinn", schrieb einer. Doch die Kritiker übersahen eines: Da es in Düsseldorf bald zum guten Ton der Gesellschaft gehörte, sich das jeweils neue Kom(m)ödchenprogramm anzuschauen, kamen genau jene Leute ins Kabarett, die man sonst nie erreicht hätte, und sie hörten genau das, was sie eigentlich nicht hören wollten.

Gerade jetzt wieder, in einer Zeit der politischen Wende, in der an sich dickhäutige Politiker ausgesprochen dünnhäutig auf Satire reagieren, ist die Funktion einer Lore Lorentz auch für jüngere, respektlosere Kabaretts wertvoll. Da die "Grande Dame des deutschen Kabaretts", wie sie immer wieder bezeichnet wird, für sich und ihr Kom-(m)ödchen einen kaum noch angreifbaren Status errungen hat, können sich vielleicht auch manche jüngere Kollegen – sozusagen unter ihrem Schutz – ungeschorener tummeln.

Etabliert zu sein und dennoch zu wüten, das ist die Kunst der Lore Lorentz. "Ich bin müde und prüde, verzweifelt solide, dem Wohlleben gerne ergeben", singt sie in dem von Werner Schneyder für sie geschriebenen Lied, "doch ich kann schreien und speien und gar nichts verzeihen, geht’s wieder einmal ums Leben."

Gegen Dummheit allergisch

Der Versuch, Lore Lorentz in Klischees zu pressen, muß immer wieder mißlingen. Denn arriviert zu sein, heißt für sie noch lange nicht, sich von der Gesellschaft vereinnahmen zu lassen. Sie hat ohnehin andere Sorgen als sich die Köpfe ihrer Kritiker zu zerbrechen. Denn obwohl sie auf der Bühne sagt: "Die Lage war noch nie so ernst wie immer", ist sie heute "sehr viel beunruhigter" als vor 20 oder 30 Jahren. Es ist weniger der Zynismus der Politiker, der sie empört, als vielmehr deren Dummheit, denn "die Dummheit ist das Gefährliche in dieser Welt".

Auf Dummheit reagiert Lore Lorentz allergisch, von Bildung und Intelligenz erhofft sie sich einiges. Selbst die vielzitierte Ziellosigkeit und die im Brüsseler Fußballstadion tragisch zum Ausbruch gekommene Aggression vieler Jugendlicher führt sie – vorsichtig und tastend formulierend – teilweise auf Unwissen zurück: "Ich habe eine naive Vorstellung von besseren Schulen, von besseren Lehrern, mehr Bildung", dann, meint sie, könne man sich "doch wenigstens ein Ziel vorstellen". Und es fällt der klassische Satz der Bildungsbürgerin: "Ich komme doch nicht auf die Idee zu prügeln, wenn ich lesen und schreiben kann."

Schon ist sie wieder bei der Politik, denn wie sollen Jugendliche Vorbilder finden, wenn die Politiker Technokraten sind, "die keine Visionen mehr haben". Und diese Regierung betreibe nicht einmal eine Politik der Mitte, sondern nur noch eine der Mittelmäßigkeit und stehle sich dauernd mit dummen Ausreden aus der Verantwortung. Die Vorstellung, daß die Demokratie in Deutschland verplempert wird, macht sie – mal wieder – wütend: "Dieses Land hat ein phantastisches Grundgesetz. Und was wird daraus gemacht?"

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Da sie sich verantwortlich fühlt und sich der Verantwortung stellt, regt sie sich als Staatsbürgerin auf und schnitzt als Kabarettistin spitze Keilchen, die sie auch zukünftig eintreiben wird – mit Wut, mit einschmeichelnder Scharfzüngigkeit, mit eleganter Anzüglichkeit – ungeduldig und ganz subjektiv. Natürlich, sagt sie, "kann ich als Kabarettistin nicht objektiv und nicht tolerant sein", und die Funktion des politischen Kabaretts sei auch nicht, Toleranz vorzuführen, sondern sie auszuprobieren, Grenzen zu testen.

Lore Lorentz liebt es, bös zu sein; mit gekonnter Harmlosigkeit kann sie mit wenigen Sätzen – auf der Bühne und dahinter – Unliebsames maliziös zerrupfen, doch Häme ist ihr fremd. Sie will niemanden verunglimpfen, das ist nicht ihr Niveau und nicht ihr Anliegen. "Menschenhasser", sagt sie, "dürften überhaupt nicht auf die Bühne. Die Zustände kann man, muß man hassen, doch die Leut’ muß man eigentlich schon ganz gern haben."

Nicht alle haben sie gern. Manche fürchten sich vor ihrer spitzen Zunge, finden sie schwierig und wohl auch unbequem. Manchmal eckt die in Mährisch Ostrau geborene Böhmin im laschen Kunstbetrieb mit ihren preußischen Tugenden an: Disziplin, Fleiß und Präzision.

Manche können – eingeschüchtert von einer hoheitsvollen Lorentz, die jemanden links liegen lassen kann, der ihr nicht paßt – die warmherzige Frau, die sie eigentlich ist, nicht entdecken. Doch viele würden wohl Werner Schneyder zustimmen, der ohne Schmäh erklärt: "Sie ist ein Glücksfall."