Von Günter Haaf

Seit Tibet wieder für Ausländer zugänglich ist, freuen sich nicht nur Bergsteiger und Touristen, aufs geheimnisumwitterte Dach der Welt zu kommen. Nach fast einem halben Jahrhundert Pause sind auch die Erdwissenschaftler froh, endlich wieder das riesige, rund zwei Millionen Quadratkilometer große Hochplateau von der Nordabdachung des Himalaja bis zum Tarim-Becken erforschen zu dürfen – wenn auch stets gemeinsam mit chinesischen Kollegen.

Die bislang größten Expeditionen führten Anfang des Jahrzehnts französische Geologen zusammen mit Wissenschaftlern der Gastgeber durch. Die Ergebnisse der drei aufwendigen Exkursionen liegen noch längst nicht-vollständig vor. Aber eine Fülle von Forschungsberichten, im Laufe der letzten Jahre vor allem im britischen Fachblatt Nature veröffentlicht, revolutionierte die Vorstellungen, wie das Dach der Welt aufgewölbt wurde: Tibet entstand nicht allein durch die seit fast 40 Millionen Jahren andauernde Kollision des indischen Subkontinents mit der asiatischen Landmasse, sondern wurde davor schon im nördlichen Teil durch die erdgeschichtlich viel weiter zurückliegende Andockung zweier Minikontinente ("Quantang-" und "Lhasa-Block") geformt.

Auch deutsche Erdwissenschaftler profitierten schon von der Öffnung Tibets. Gut drei Monate lang bereiste eine deutsch-chinesische Expedition im Sommer und Herbst letzten Jahres die Extrem-Landschaft. Anfang Oktober wollen die beteiligten Forscher in Göttingen ihre neu gewonnenen Erkenntnisse diskutieren. Die wichtigsten Funde faßte der deutsche Expeditionsleiter Professor Matthias Kuhle vom Geographischen Institut der Universität Göttingen kürzlich in einem Forschungsbericht zusammen:

  • Die höchsten Himalaja-Gipfel sind nicht vergletschert, weil es in so großen Höhen zu kalt für die Bildung von Gletschern ist.
  • Tibet könnte als eine Art "Kälteschaukel" die entscheidende Rolle bei den jüngsten Vereisungsperioden auf der Nordhalbkugel der Erde gespielt haben.

Der Gletscherspezialist und Geomorphologe Kuhle, seine beiden Göttinger Kollegen Georg Miehe (Vegetationsgeograph) und Jens-Peter Jacobsen (Geomorphologe) sowie das chinesische Team um Professor Wang Wenying interessierten sich vor allem für den "klimageomorphologischen Stockwerkbau im Bereich der höchsten Etage der Erdkruste". Dazu mußten die Wissenschaftler das Dach der Welt fast bis hinauf zum First besteigen. Kuhle: "An 63 Tagen wurden Arbeiten in über 5000 Meter Meeresnöhe und an 16 Tagen in über 6000 Meter notwendig." Zu Meßzwecken kraxelten die Deutschen an der Nordabdachung des Mount Everest, über der Chang La-Ostwand, sogar bis 7100 Meter hoch hinauf (siehe Photo). Kühles Mannschaft wollte untersuchen, ob und wie der Himalaja und Tibet während der letzten Eiszeit von Gletschern bedeckt war, wie die tibetische Seite des Mount Everest (8848 Meter) und des Shisma Pagma (8047 Meter) vergletschert ist und welche Auswirkungen die große Höhe auf Pflanzen sowie auf die Verwitterung von Gesteinen hat.

Oberhalb der Gletscher, das konnte das deutsch-chinesische Team eindeutig belegen, liegt eine weitere, klar unterscheidbare Klimazone. Denn am Mount Everest und anderen Himalaja-Riesen ist es jenseits von 7000 bis 7200 Metern Höhe zu kalt zur Gletscherbildung. Das "absurd erscheinende Resultat" (Kuhle) erklärt sich aus der Tatsache, daß Schnee bei Temperaturen, die ständig unter Null Grad Celsius liegen, nur durch einen "Druckkompaktion" genannten Prozeß in Eis umkristallisiert wird.