Es ist eine immer noch umstrittene Frage, ob der Nationalsozialismus nicht auch sozialistische Elemente enthalten habe oder ob, was noch umstrittener ist, Arbeiter in nennenswertem Umfang dieser politischen Bewegung angehörten. Im Zusammenhang mit diesen Diskussionen spielt der „Sozialismus“ der Gebrüder Strasser stets eine wichtige Rolle. Während inzwischen mehrere Arbeiten über Gregor erschienen sind, blieb unsere Kenntnis von den politischen Aktivitäten seines Bruders Otto nach dessen Bruch mit Hitler 1930 auf mehr oder weniger beiläufige Erwähnungen in der Literatur zur Konservativen Revolution beschränkt. Mit der Arbeit des jungen französischen Historikers

Patrick Moreau: Nationalsozialismus von links. Die „Kampfgemeinschaft Revolutionärer Nationalsozialisten“ und die „Schwarze Front“ Otto Strassers 1930-1935; Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1984; 268 S., 39,80 DM

wird das Interesse an den politischen Aktivitäten von Otto Strasser mehr als erschöpfend befriedigt.

Die frühe Phase, insbesondere die umstrittene Politik der „nordwestdeutschen Arbeitsgemeinschaft“ von 1925/26 und dem von ihr entwickelten angeblich sozialistischen Programm, mit dem man der Münchner Clique um Hitler entgegentreten wollte, was aber rasch zum Rückzieher Gregors und zum Umfall von Goebbels auf der Tagung in Bamberg führte, wird nur oberflächlich dargestellt. Der Schwerpunkt der Arbeit liegt in den Jahren nach 1930, nach dem Bruch Ottos mit Hitler. Als Quelle dienen vor allem die publizistischen Produkte des Strasser-Kreises sowie Akten der Politischen Polizei, wobei erstaunlicherweise diejenigen aus Berlin nicht herangezogen worden sind. Was das Buch in ermüdender Ausführlichkeit deutlich macht, ist die Geschichte des Scheiterns des Mannes, der sich als Alternative zu Hitler verstand, aber weder als Politiker noch als Ideologe Format hatte.

1930/31 brachte das Kokettieren mit dem Nationalbolschewismus, das zum Teil auf die nationalistischen Phrasen des KPD-Programms zur „nationalen und sozialen Befreiung des deutschen Volkes“ zurückzuführen war, der neuen „Kampfgemeinschaft“ ihre erste empfindliche Schlappe ein. Denn ein Teil der Mitglieder wollte der spitzfindigen Argumentation ihres Führers nicht folgen und schloß sich gleich den Kommunisten an. Die einzige Chance für Strasser, eine Massenbasis zu gewinnen, bot der Stennes-Putsch vom Frühjahr 1931, als weite Bereiche der ostdeutschen SA gegen die Münchener Parteileitung revoltierten. Aber auch hier zeigten sich die im „nationalen Lager“ üblichen Querelen, da Stennes Hemmungen hatte, Strassers „Salondiskutierklub“ beizutreten; andererseits war er aber nicht in der Lage, selbst die Initiative zu einer politischen Aktion zu ergreifen. Schließlich kam es zur Zusammenarbeit zwischen beiden Gruppen, die zusammen im August 1931 knapp 10 000 Mitglieder umfaßt haben sollen.

Doch der Zerfall ließ nicht auf sich warten. Den Anlaß bot das Wirken des Kapitäns Ehrhardt, der Stennes finanziell unterstützte, was heftige Reaktionen unter dem Anhang Strassers auslöste. Als es im Oktober 1931 schließlich zur Bildung der „Schwarzen Front“ kam und auch eine gleichnamige Zeitschrift erschien, hatten sich Strasser und Stennes bereits wieder getrennt. Sie verabredeten die im Bereich der heimatlosen Rechten übliche lose Zusammenarbeit bei weitgehender Selbständigkeit im einzelnen.

In der Studie werden die vielen Abspaltungen, Zusammenschlüsse und Trennungen nicht übersichtlich genug dargestellt. Das gilt auch für die Analyse der politischen Anschauungen von Otto Strasser. Dieser kann als Meister des radikalen Phrasendruschs bezeichnet werden, der ständig von „Fronten“ redete und von Revolutionen faselte, die jeweils unmittelbar bevorstünden und ihm und seiner Organisation den entscheidenden Auftritt bieten würden, obwohl er nur über eine politische Splittergruppe gebot, die zunehmend an Auszehrung litt. Seine Hauptwirkung erzielte er wohl unter Literaten und Intellektuellen, wenn er, wie Ernst von Salomon schrieb, bei Ernst Rowohlts Parties „in Smokinghosen und schwarzem Seidenhemd bei Pilsener und Steinhäger ... das unentwirrbare Geheimnis der Verbindung von Nationalismus und Sozialismus verständlich zu machen versuchte – um dann, beim Mosel, jedem Einzelnen in liebevoller Zutraulichkeit zu verkünden, er werde mit ziemlicher Sicherheit eines Tages aufgehängt“.

Von einer linken oder sozialistischen Einstellung kann nicht die Rede sein, sondern es handelt sich bei ihm um einen aggressiven antisemitischen Nationalismus, der sich revolutionär gebärdete und von antikapitalistischen Ressentiments lebte. Das alles hatte mit Sozialismus nichts zu tun. An der politischen Bedeutungslosigkeit kann auch die Tatsache der scharfen Verfolgung der Anhänger der Schwarzen Front durch die Gestapo nichts ändern, denn die Erbarmungslosigkeit der Jagd hatte nichts mit der politischen Gefährlichkeit zu tun, sondern vor allem damit, daß Strasser und seine Anhänger als Verräter betrachtet wurden.