Von Rudolf Walter Leonhardt

Am Ende wurde es geradezu spannend. Die 1951 konzipierte, 1955 gegründete IVG, was Internationale Vereinigung für germanische Sprach- und Literaturwissenschaft bedeutet, wählte sich einen neuen Präsidenten. Das ist schon deswegen für jedes einzelne Mitglied ganz wichtig, weil dort, wo der Präsident akademisch zu Hause ist, in fünf Jahren der nächste Kongreß stattfinden wird. Und es kann ja niemanden völlig gleichgültig lassen, ob die Reise nach Leipzig, nach Paris oder nach Tokio geht.

Offiziell läßt man diesen Gesichtspunkt nicht gelten. Nur die akademische, vielleicht auch organisatorische Qualität des Kandidaten entscheide, heißt es.

Also nicht zwischen Leipzig, Paris und Tokio hatten die 518 Mitglieder der Vereinigung, die von insgesamt 1469 (aus 50 Ländern) bei der Wahl anwesend waren, sich zu entscheiden, sondern zwischen: Claus Träger, 58 Jahre alt, Star-Germanist der DDR aus Leipzig („Studien zur Literaturtheorie, Methodologie und Vergleichenden Literaturwissenschaft“) – oder Paul Valentin, 51 Jahre alt, international noch wenig renommierter Linguist, aber immerhin Direktor des Germanistischen Instituts an der Pariser Sorbonne („Phonologie de l’allemand ancien“) – oder Eijiro Iwasaki, 63 Jahre alt, Professor in Tokio und offenbar die Nummer eins der deutschen Sprachlehre in Japan („Deutsch-japanisches Wörterbuch der unflektierten Wortarten“).

Es war das erstemal in der dreißigjährigen Geschichte der IVG, daß es zu einer Kampfabstimmung zwischen drei Kandidaten kam. Im ersten Wahlgang gewann, bei 6 Enthaltungen, Claus Träger 193 Stimmen, Eijiro Iwasaki 167 und Paul Valentin 152. Da für den Präsidenten die Mehrheit der Anwesenden stimmen muß, wurde ein zweiter Wahlgang notwendig, den der Japaner dann mit einer Mehrheit von 4 Stimmen vor dem Leipziger für sich entschied.

Heftige Debatten gab es darüber auf den Fluren, und noch am späten Abend beim Wein Kommentare und Interpretationen die Fülle. „Hätte die DDR den nächsten Kongreß unbedingt haben wollen, wäre es ihr ein Leichtes gewesen, mehr Stimmvolk heranzuschaffen“ (aus der DDR waren 34 Germanisten nach Göttingen gekommen, aus Japan 62). – „Gut, daß der nächste Kongreß nicht schon wieder in einem deutschsprachigen Land stattfinden wird“ (zum dritten Male, nach Basel 1980 und Göttingen 1985). – „Es kann der von Krise zu Krise taumelnden Germanistik nur gut tun, wenn sich ihr Schwerpunkt einmal nach Ostasien verlagert.“