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tfb Vattern keene Arbeit nich hat So beginnt ein Gedicht, das 1930 eine achtzehnjährige Berliner Bankierstochter schrieb, m deren Familie zwei Dienstmädchen und ein Kinderfräulein selbstverständlich waren, eise höhere Tochter, jje j m Buche steht, mit etwas eigenartigen Interessen allerdings. Ihre erste schriftstelleriscne Leistung war die Darstellung des Prinzen Siddharta Gautama in einer Kinderzeitung, des Prinzen, der das Schloß seiner Eltern verläßt, um das Leid der Menschen zu erfahren und der dann Buddha wurde. In den Ferien arbeitete sie in der "Zentralstelle für private Fürsorge". Sie hat das Elend der Wirtschaftskrise, der Arbeitslosigkeit und Armut dort miterlebt; reine Phantasieleistung einer Pubertierenden war ihr Gedicht nicht.

Eigentlich wollte sie Lyrikerin werden oder wenigstens Journalistin und entschied sich - eine solide Basis mußte sein - für ein Volkswirtschaftsstudium. Aber als zum erstenmal eine Psychoanalytikerin in ihr Gesichtsfeld trat, wußte sie innerhalb von fünf Minuten: Das ist mein Beruf. Den hat sie in vielen Jahren auf der Couch auch gelernt und dann das Dogma der Analytiker hinter sich gelassen wie so vieles in ihrem Leben; entwickelt hat sie einen "Markenartikel" mit ihrer Methode der Gruppenarbeit, der "Themenzentriert! Interaktion fTZI), geworden ist sie Ruth Cohn.

Ich begegnete ihr zum erstenmal bei einem Kongreß der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Gruppenpsychotherapie und Gruppendynamik (DAGG) 1969 in Bonn. Die Gruppenarbeit war damals in der Bundesrepublik in einer stürmischen Entwicklung. Angefangen hatte die "Bewegung", die Carl Rogers die "soziale Erfindung des Jahrhunderts" nannte, in den USA und einige Jahre Später auch im deutschen Sprachraum bei den Sozialarbeitern. Schon nach dem Ersten Weltkrieg verknüpfte sie die Idee der Selbsthilfe mit dem Ideal, in kleinen Gruppen einen partnerschaftlichen Lebensstil zu finden. Fast gleichzeitig mit den Sozialarbeitern hatten Therapeuten begonnen, ihre Patienten in Gruppen zu behandeln, und dazu waren dann nach dem Zweiten Weltkrieg die Gruppendynamiker gestoßen.

Auch die Gruppehdynamik wurde in Amerika erfunden", in einem Trainings- und Forschühgsseminar in Connecticut, bei dem es eigentlich um ein Gesetz zur gerechten Behandlung Arbeitssuchender ging. Abends unterhielt man sich über die Ereignisse des Tages, und ein Teilnehmer berichtet darüber: "Um 10 Uhr abends griff Mrs. X den Gruppenleiter an. Mr. Y verteidigte ihn und geriet in einen heftigen Wortwechsel mit Mrs. X. Einige Teilnehmer ergriffen Partei. Andere schienen verschreckt und versuchten, Frieden zu stiften. Man begann zu analysieren und zu interpretieren, was da vorging Dieses Verfahren, in das bald alle Teilnehmer hineingezogen wurden und das bis tief in die Nacht dauerte, war nicht nur faszinierender als jedes Programm; man konnte auch erheblich mehr daraus lernen. Das war die Geburtsstunde der Gruppendynamik. Und es war sicher kein Zufall, daß der Dozentenstab des Seminars aus der Elite der amerikanischen Sozialpsychologie stammte. In der Folge wurden Millionen von Amerikanern trainiert - in den National Training Laboratories in Bethel, Maine, im Esalen Institute in Kalifornien, in unzähligen kleineren "Growth Centers", in Schulen und Universitäten. Und natürlich breitete sich die Bewegung auch nach Deutschland aus.

Ende der siebziger Jahre hatten sich die Gruppenpsychotherapeuten mit den Gruppendynamikern zu einer keineswegs spannungsfreien Ehe zusammengetan. Die Therapeuten hielten ihre Grundsätze hoch, die Dynamiker hatten den Fortschritt für sich gepachtet. Die einen schworen auf Freud, die anderen auf die moderne Sozialpsychologie. Die Therapeuten behandelten psychisch Kränke, zwei Stunden wöchentlich über einen langen Zeitraum; für sie war frühe Kindheit und Unbewußtes, Widerstand und Übertragung wichtig. Die Dynamiker beschäftigten sich mit der Selbsterfahrung Gesunder in zehn- bis vierzehntägigen Klausurtagungen, den sogenannten TrainingsiaDOratorien. Sie arbeiteten im "Hier und Jetzt" mit dem Gruppenprozeß und experimentierten mit neuem Verhalten. Sie wollten Sensibilität und Kommunikation fördern, das Verhaltensrepertoire bereichern und Eigenständigkeit im Umgang mit Autoritäten erreichen.

Gemeinsam war beiden das Bemühen, Einstellungen und Verhalten zu verändern und nicht abstraktes Wissen zu vermitteln; in der Sprache der Kommunikationstheorie: die Arbeit auf der Beziehungs, nicht auf der Inhaltsebene. Gemeinsam hatten sie auch die Opposition. Das Establishment der Wissenschaft betrachtete das ganze Verfahren mit einiger Skepsis. Von der politischen Linken wurde die Gruppenarbeit teils als unrealistische Insel der Seligen, teils als raffiniertes Mittel der Anpassung und Repression entlarvt; die politische Rechte befürchtete, es würden dort geheiligte Werte unterminiert.