Mit ihrer in einfachen, starken Bildern erzählten Tragödie einer Tramperin, „Sans toit ni loi“, gewann Agnes Varda den Ersten Preis. Ein Favorit war Alain Tanner mit „No Man’s Land“, einem bitter-ironischen Porträt der No-future-Generation. Volker Schlöndorffs Verfilmung von Arthur Millers „Tod eines Handlungsreisenden“ wurde mit Dustin Hoffman in der Hauptrolle der große Überraschungserfolg.

Von Siegfried Schober

Jeden Tag suchte ein gebrechlicher alter Herr von schmaler Statur und mit einem feinen Gesicht, dessen große, wache Augen beeindruckten, sich vorsichtig einen Weg durch das turbulente Treiben im Lido-Grandhotel Excelsior, wo die Prominenz wohnte, aber auch Presse, Fernsehen, Touristen, neugierige einheimische Jugendliche und auf Entdeckung hoffende Starlets wie ein kar-Touristen, Invasionstrupp einfielen.

Der alte Mann in seinem altmodischen vanillefarbenen Anzug stocherte mit seinem Stock voran. Da und dort an einem Sessel, an einer Säule rastend, kurz Halt suchend.

Die Photographen, zwanzig bis dreißig oft auf einem Haufen, knipsten den ganzen Tag Tang jede Berühmtheit Dutzend Male, so daß eines ihrer Lieblingsopfer, der Schauspieler Dustin Hoffman schließlich meinte: „Sie haben vielleicht gar keinen Film in ihren Kameras.“ Womöglich spielten sie einfach zwanghaft die rasenden Photoreporter, wie auch ihm nichts anderes übrigblieb, als den wichtigen Hollywoodschauspieler vor ihnen zu mimen. Selbst an den Strand, wo er seine Morgengymnastik trieb, verfolgten sie ihn.

Den alten Herrn mit dem Stock beachtete niemand. Er fiel nicht auf. Keinem, hatte man den Eindruck, obwohl er ein sehr berühmtes Gesicht besaß. Ein schönes, heiteres, eindrucksvolles Gesicht.

Fiel er nicht auf, weil er alt war? Viel zu alt und zu gebrechlich und zu kränklich-blaß für diese sonderbare Welt am Lido, in die es ihn verschlagen hatte, wo Jugend, Energie, gesunde Bräune und Lautstärke so spektakulär offensichtlich vorherrschten?