Vor fünf Jahren riß ein Spezialabbruchunternehmen die Fabrikgebäude des ehemaligen Textilunternehmens Ludwig Povel & Co. in Nordhorn ab und hinterließ zehn Hektar planiertes Gelände im Kern der emsländischen Textilstadt. Nach außen war dies der Schlußstrich unter dem größten Firmenzusammenbruch in der 600jährigen Geschichte der Stadt an der holländischen Grenze, die seit Mitte des letzten Jahrhunderts mit der Textilindustrie groß geworden war.

Nordhorns Entwicklung war immer eng verknüpft mit dem wirtschaftlichen Zustand seiner drei großen Textilunternehmen Nino, Povel und Rawe. Als Povel, seit 1969 Teil der van Beiden Gruppe, zehn Jahre nach der Übernahme seine Fabriktore schloß, hatten 1100 Mitarbeiter ihren Arbeitsplatz verloren. Rechnet man deren Familien dazu, dann waren etwa fünftausend Menschen direkt betroffen. Für Nordhorn und seine fünfzigtausend Einwohner war das Ende Povels ein schwerer Schock.

Heute, sechs Jahre danach, spricht man in Nordhorn nicht mehr gern über Povel. Bilanz zu ziehen, ist schwierig. „Die meisten der 1100 Entlassenen haben damals wieder eine Stelle gefunden“, erzählt Gerd Will von der Gewerkschaft Textil und Bekleidung (GTB). Rund siebenhundert Textiler wechselten zu Nino, Rawe und der Bentheimer Zwirnerei Hermann Rehers, zweihundert fingen in anderen Betrieben an oder zogen weg. „Und 80 bis 120 Kollegen blieben übrig“, meint Povels ehemaliger Betriebsratsvorsitzender Hermann Vernim. „Bei denen war klar, daß sie länger arbeitslos bleiben würden.“ Besonders technische Angestellte, Mitarbeiter über 45 Jahren und Personen mit Behinderungen waren davon betroffen.

Einer von denjenigen, die auch nach sechs Jahren keine Stelle wiedergefunden haben, ist Heinz Behrend (Name geändert d. Red.) aus der Nachbarstadt Neuenhaus. 36 Jahre hatte der heute 56jährige bei Povel gearbeitet, als er im Juni 1979 entlassen wurde. Daß Behrend heute noch einen Arbeitsplatz finden wird, hält er für ausgeschlossen. Nach einem Herzinfarkt und einer Leistenoperation ist er zu sechzig Prozent behindert.

Die Schließung Povels und knapp ein Jahr später der Konkurs der Textilgruppe van Delden in den angrenzenden westfälischen Städten Gronau und Ochtrup führten, so Gewerkschafter Will, zu einem starken Vertrauensverlust der Emsländer in die Textilindustrie. „Obwohl Lehrstellen in Textilfirmen frei waren, konnten die nicht besetzt werden“, beschreibt Will seine Beobachtungen aus vielen Gesprächen.

Zu dem Vertrauensverlust kam noch, daß die Textilindustrie in den vergangenen zwanzig Jahren einen enormen Strukturwandel durchlaufen hat: vom personal- zum kapitalintensiven Wirtschaftszweig. Nordhorn hat das zu spüren bekommen: Arbeiteten 1956 noch 11 500 Menschen in Nordhorns Textilfirmen, so sind es heute noch viertausend. Diese Entwicklung und Nordhorns Monostruktur (neben Nino und Rawe gibt es heute keine vergleichbar großen Betriebe in anderen Branchen) führte dazu, daß viele Familien wegzogen. „Die Abwanderung seit 1972 ist enorm“, sagt Stadtkämmerer Josef Ostendorf. „Auch den Verlust an Kaufkraft haben die Geschäftsleute deutlich zu spüren bekommen.“ Ostendorf schätzt, daß allein auf Grund des Povel-Zusammenbruchs rund fünfhundert Nordhorner ihrer Stadt der Rücken gekehrt haben.

Für Heinz Behrend war die Entlassung bei Povel mehr als der Verlust seines Arbeitsplatzes. „Wenn man irgendwo so lang war wie ich, wächst man da fest“, sagt er. Als dreizehnjähriger Spinnerlehrling hatte er 1943 bei Povel angefangen Damals war das Unternehmen bereits sechzig Jahre alt. Die erfolgreichsten Jahre des Familienunternehmens kamen zwischen 1955 und 1965, als die Zahl der Mitarbeiter zwischen 2800 und 3300 schwankte, sieben- bis achttausend Tonnen Garn im Jahr gesponnen wurden und die Weberei 13 bis 15 Millionen Meter verschiedener Gewebearten produzierte.