Es beginnt – nein, nicht in E-moll, auch nicht im Zwölfachtel-Takt. Aber trotzdem stellt sich sofort eine Suggestion ein: Das ist doch wie ... Es endet – nein, wir setzen uns nicht mit Tränen nieder, es klingt auch nicht ruhig aus, sondern „der Dirigent erstarrt mit dem 2. Schlag“: Das ist überhaupt nicht wie ...

Wie was? Natürlich wie die „Matthäus-Passion“. Was hat eine „Sankt-Bach-Passion“ von Mauricio Kagel im Jahre 1985 mit der „Matthäus-Passion“ von Johann Sebastian Bach des Jahres 1729 zu tun?

Da ist das Jubiläumsjahr, 300 Jahre Bach, aber die dringende Vermutung ist falsch – Ulrich Eckhardt, Festwochen-Intendant in Berlin, vergab den Auftrag schon für 1981. Da ist die Wiederentdeckung des Religiösen, die Rückbesinnung auf die Transzendenz, vielleicht verbunden mit der neuen Affinität für Emotionen, nicht zuletzt für die neue Innerlichkeit, die auch das Irrationale einbezieht. Aber die Analogien führen ins Leere – Mauricio Kagel hat nicht an eine Liturgie des Karfreitags gedacht.

Woran denn? An einen noch zu gründenden Gegenkult einer Gegenkirche? An eine Art Profan-Religion? An Bilderstürmerei? An ein Sakrileg? An religiöse Pornographie? An Gotteslästerung?

Man müßte nicht Mauricio Kagel kennen, wollte man nicht ahnen, daß da von all dem ein kleines Bißchen, eine Idee, die Spur einer Andeutung zutrifft, Man müßte aber auch nicht Mauricio Kagel kennen, wollte man nicht gewiß sein, daß es so einfach denn auch wieder nicht ist, Es ist so, und es ist doch ganz anders.

Also eine „Sankt-Bach-Passion“. Das „Libretto“ ist verhältnismäßig leicht zu durchschauen. Da gibt es einen Erzähler, einen „Evangelisten“ (Hans Peter Blochwitz), der die Wirklichkeit, die Bach-Biographie verkündet – so, wie sie beschrieben ist in jenem Nekrolog, den schon Bachs Sohn Carl Philipp Emanuel ein Jahr nach seines Vaters Tod verfaßte. Das beginnt beim Veit Bach des 17. Jahrhunderts und endet am 28. Juli 1750. Der Thomas-Kantor hätte daraus ein Generalbaß-begleitetes Recitativo secco, allenfalls ein Accompagnato gemacht – Kagel umgibt den Erzähler mit differenzierten Orchesterstrukturen.

Da sind „Arien“, beim alten Bach die Bekenntnisse und Betrachtungen einer frommen Seele, Johann, rücke deine Kehle in wohlgestimmte Falten“, läßt Kagel den Mezzosopran (Anne Sofie von Otter) singen – ist das fromm? Eine Betrachtung? Wer will, wer soll heute noch fromm betrachten? „Wer wie du die Kunst versteht, seinen Ton unvergleichlich schön zu singen...“, meint der Bariton (Roland Hermann). Läßt Kagel unvergleichlich schön singen? Alles andere als das, sagen die einen, „Doch, ohne Zweifel“, beteuern die anderen. Was ist schön? Soll die Arie tatsächlich nur von den Empfindungen, Reaktionen, den mystischen Vereinigungen künden?