Von Benedikt Erenz

Es war ein ständiges Geben und Nehmen, ein ständiges Rauben und Schenken, ein Verachten und Verehren über tausend tausend Jahre lang – von dem Gold, dem Weihrauch und den Edelsteinen, welche die Königin von Saba dem weisen Salomon für seine Antworten auf ihre Fragen schenkte, bis zu den saudisch-europäischen Ölgeschäften im Hafen von Rotterdam. Orient und Okzident, Arabien und Europa, das ist ein altes Familiendrama: Nathan und Saladin und der Tempelherr, oder wie Brüder nun einmal zueinander sind.

Doch seltsam, obwohl kein anderer nicht europäischer Kulturkreis so viel an abendländischer Kunst inspiriert hat, von der Minnelyrik des Mittelalters bis zu den Jugendstilvasen des Ein de siècles, ist uns der Nahe Osten im Laufe dieses Jahrhunderts in immer weitere Ferne gerückt. Spätestens mit dem Zweiten Weltkrieg hat sich die Fata Morgana des märchenhaften, sonnenüberglänzten Morgenlandes aufgelöst, und die neureichen und ewig armen Staaten der arabischen Welt, die dahinter zum Vorschein kamen, sind in den Augen der Europäer von heute nur mehr gut oder weniger gut beweine Entwicklungsländer, welche die kulturelle Neugierde wenig reizen. Mit der goldenen Aura, die doch nie mehr gewesen ist als ein goldiges Klischee, verschwand plötzlich auch das Interesse, und kaum eine nachbarliche Kultur, Literatur, dürfte bei uns unbekannter sein als die zeitgenössische arabische.

Deshalb ist es für einen Verlag heute ein Abenteuer eigener Art, arabische Literatur – und ausschließlich arabische Literatur – ins Deutsche zu übersetzen und zum Programm zu machen. Das Abenteuer findet statt in einem kleinen, gänzlich abendländischen Reihenhaus aus der Bauhauszeit, denkmalgeschützt und verborgen unter hohen schwarzen märkischen Kiefern, in der Reiherbeize 38, Berlin-Zehlendorf, Fünf Meter ist das Haus breit, und vom Boden bis unters Dach stapeln sich hier die Wohnung von Dietlind Schack und der Verlag, die Edition Orient.

Dietlind Schick, promovierte Historikerin und Orientalistin, übernahm das seit 1980 existierende Verfäglein vor drei Jahren von seinem Gründer Heinz Kulas. Es sieht nicht sehr orientalisch aus um sie herum, keine Palmen, kein Berberteppich, kein Haschischrauch. Nur ein kleiner Tisch mit einer etwas wackligen, handgearbeiteten Platte aus Messing erinnert an einen Streifzug durch ägyptische Basare.

An den Wänden Kohlezeichnungen und Radierungen aus einem anderen exotischen Winkel der Welt: aus dem Ruhrgebiet. Hier war Dietlind Schick, gebürtige Düsseldorfern, lange Zeit Lehrerin und stellvertretende Leiterin einer Volkshochschule, einer Arbeit, der sie, wie sie selbst sagt, das Mindestmaß von organisatorischem Talent verdankt, das man in der freien und wenig sozialen Verlagswirtschaft braucht. „Es war eigentlich nicht mein Traum, Verlegerin zu werden, aber als Nagi Naguib mit anbot, den Verlag, der damals nur vor sich hin dümpelte, wieder flottzumachen, habe ich sofort zugesagt.“ Nagi Naguib, ein in Berlin lebender und lehrender ägyptischer Germanist, ist auch heute noch der Hauptübersetzer der Edition Orient und eine tragende Säule des Verlages.

Doch die vier bis fünf Bücher im Jahr macht sie ganz allein – vom Lektorat über den Satz bis zur Umschlaggestaltung. Nur Druck und Bindung geschehen außer Haus. Als ich sie frage, was sie denn dazu gebracht habe, sich ausgerechnet der zeitgenössischen arabischen Literatur anzunehmen, lächelt sie ein wenig ratlos, als frage man sie, warum sie blonde und nicht schwarze Haare habe. „Eine alte Leidenschaft, schon auf der Universität.“ Ihre Doktorarbeit schrieb sie über die Sarazenen auf Sizilien, ein kleines, aber wichtiges Kapitel der langen europäisch-arabischen Geschichte. Natürlich kennt sie den Orient aus eigener Anschauung, von den großen überkochenden Zentren bis zu den fernen, allahvergessenen Dörfern, da wo ein großer Teil der Geschichten spielt, die sie in Berlin verlegt.