Günter Grass schreibt ein Gespräch über die Erziehung, ein Gedicht in Arbeit „über das vermutliche Ende des Menschengeschlechts“ – ... „Auch hätten zum Schluß viele Menschen/gern noch einmal/Mozart gehört.“

Carl Friedrich von Weizsäcker erinnert aphoristisch an das, was dem Leben des 60jährigen die „Richtung gab“, die Entscheidung nämlich, eine Einladung in das College der Brethren of Christ in Amerika anzunehmen: Fördernd ist es, das große Wasser zu überqueren. Ein Münzwurf hatte den Ausschlag gegeben.

Der Germanist Peter Wapnewski widmet dem Freund und ehemaligen Fellow an seinem Berliner Wissenschaftskolleg eine fulminante Abhandlung über die Ordnung und spätes Glück – Hoffmannsthals „Frau ohne Schatten“ und ihre Analoga in der Literatur des Mittelalters, während die ehemalige Bildungspolitikerin Hildegard Hamm-Brücher dem Bildungsreformer für die notwendige Unordnung dankt, die er in eine „restaurative Ordnung“ gebracht hat.

„Eine Festschrift“, lassen uns die Herausgeber Gerold Becker, Hellmut Becker und Ludwig Huber vorsichtig wissen, „ist ein eigen Ding“. Ursprünglich wollte man nicht so recht heran: „Man übt den Brauch nicht mehr unbefangen, fürchtet hier dem aufgeblasenen Pomp zu verfallen, dort ins bloße Ritual zu gleiten.“ Am Ende haben sich die Freunde, Kollegen und Bewunderer von Hentigs dann doch auf sie geeinigt – ein 544 Seiten starkes Buch ist daraus geworden. Unorthodox ist es und wohltuend „un-ordentlich“, Ordnung und Unordnung sein Titel. Verstanden als Begriffspaar, nicht als Entweder Oder.

Das Leitmotiv regte von Hentig selbst an. Es hat ihn seit jeher beschäftigt und ist zu einem zentralen Thema in seinem Leben geworden. Als Bildungspolitiker kämpft er gegen falsche Ordnungen, die sich aus „Systemzwängen“ herleiten, als Pädagoge für Schulen, die Spielräume lassen. Immer aber setzt für ihn Verantwortung „gemeinsame Regeln und Ordnungen voraus, eine gemeinsame Sprache, in der geantwortet und verstanden wird“.

Zwischen Oikos und Ordo. Heinrich Böll erinnert in einem seiner letzten Beiträge an eine unheilvolle Ordnung: „Ist auf die Ordentlichen Verlaß?“ („Was waren das für ordentliche Leute, die die Nazis ermöglichten“). An die seelische Unordnung hinter sauberen Gardinen. An die Ordnung und Unordnung des Alltäglichen, in die sich Unrast und Unsicherheit flüchten. Über eigene Anfälle von Ordentlichkeit schreibt er, die ihn überkamen, wenn ihn Unruhe und Unentschlossenheit quälten. Über Angst, die in penibler Ordnung oder geschäftigem Chaos Halt sucht.

Kindliche Unrast, seelische Not und kreatives Chaos. Antoinette und Hellmut Becker, der langjährige Leiter des Berliner Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung, übertragen das Leitmotiv auf Internate, die auf sehr unterschiedliche Weise zur Ordnung erziehen und mit Ordnung leben müssen. Viele haben sie gesehen. In einigen hatten sie „das Gefühl einer unheilvollen Sterilität und zugleich die Befürchtung, daß Schüler gerade deswegen eine “äußere Ordnung vorweisen, weil man ihnen nicht die Gelegenheit gegeben hat, ihre ihnen eigene Ordnung zu entfalten oder zu finden“. Die Zustände in den Zimmern der Jugendlichen haben Antoinette und Hellmut Becker nach und nach angefangen zu unterteilen – in produktive Unordnung und in Unordnung, „die zeigt, daß die Bewohner in einer Art von Verzweiflung offenbar Zustände herstellen, in denen sie sich unglücklich fühlen müssen“. Unordnung aus Phantasie oder Verzweiflung – es sind die Erzieher und Lehrer, die Erwachsenen, die die Wurzeln erkennen müssen, um Hilfen geben zu können. Hilfen, die über Lebensläufe entscheiden.