Von Joachim Nawrocki

Als Clement de Wroblewsky, der mit "Clemils Clowns Circus" die einzige freie Theatergruppe in der DDR leitete, wegen einer Auslandstournee im Kulturministerium vorsprach, erklärten ihm die Funktionäre, nach Abschluß eines Kulturabkommens mit der Bundesrepublik wäre es mit Westreisen ohnehin vorbei, "dann fährt nur noch die Staatskapelle Dresden". Clemil ist mit seiner Truppe längst in West-Berlin und hat gerade eine Pantomimen-Schule eröffnet. Das Kulturabkommen aber gibt es immer noch nicht, obwohl darüber von September 1973 bis Oktober 1975 verhandelt wurde und nach achtjähriger Unterbrechung wieder seit September 1983 verhandelt wird. Bundeskanzler Kohl hält jedoch ein Ergebnis noch in diesem Jahr für möglich, wenn auch die letzte Runde anscheinend noch keinen Durchbruch gebracht hat.

Wie immer in der innerdeutschen Politik sind die Interessen beider Seiten recht verschieden. Die DDR-Führung möchte möglichst alle Beziehungen zur Bundesrepublik kodifizieren und in Verträge gießen. Denn erstens hebt das aus ihrer Sicht ihr Ansehen, und zweitens liebt sie ungeregelte Zustände nicht. So hat sie auch immer wieder einmal den Abschluß eines Wirtschaftsabkommens gefordert, obwohl der innerdeutsche Handel bestens floriert. Die Bundesregierung dagegen möchte möglichst praktische Verbesserungen; der Abschluß von Verträgen ist ihr kein Selbstzweck. Ein Kulturabkommen, das nur noch Staatskunst eine Chance läßt – Staatskapelle Dresden gegen Münchner Symphoniker –, wäre uninteressant; denn der Kulturaustausch funktioniert auch ohne Abkommen einigermaßen.

Orchester reisen hinüber und herüber, westdeutsche Pop- und Jazzkünstler treten mit ebenso großem Erfolg in der DDR auf wie die bekannten Rockgruppen der DDR im Westen. Es gibt Theatergastspiele, DDR-Regisseure inszenieren an westdeutschen Bühnen, der Filmaustausch ist beachtlich, sämtliche wichtigen DDR-Autoren werden im Westen gedruckt (manchmal sogar nur hier), und einige westdeutsche Schriftsteller sind auch in der DDR verlegt worden und waren meist schnell vergriffen. In der DDR gab es eine westdeutsche Designausstellung und eine über Stadtarchitektur, in der Bundesrepublik eine beachtliche Schinkel-Ausstellung der DDR. Wo es noch Ungleichgewichte gibt – die DDR schickt mehr Künstler herüber, als sie zu sich hereinläßt –, da hat das ideologische Gründe. Die Abgrenzungspolitik und die Furcht vor unerwünschten Einflüssen werden aber auch durch ein Kulturabkommen nicht beseitigt, sondern eher institutionalisiert.

Auch die übrigen Bereiche, die das Kulturabkommen regeln soll – Sportbegegnungen, Jugendaustausch, Zusammenarbeit in Wissenschaft und Bildung, Studentenaustausch – funktionieren wenigstens teilweise recht und schlecht. Sie müssen durch ein Abkommen nicht unbedingt gefördert werden. Die Liste der jährlichen Sportbegegnungen ist regelmäßig enttäuschend kurz und läßt freundschaftliche Beziehungen zwischen Sportlern und Vereinen nicht entstehen. Und was der DDR-Regierung zu heikel wird, kann sie jederzeit unter einem Vorwand auch abbrechen, wie zeitweilig die Jugendreisen unter Hinweis auf eine unglückliche Formulierung im Verfassungsschutzbericht.

Ein Kulturabkommen hätte also aus Bonner Sicht nur Sinn, wenn es mehr bringt: mehr Kulturaustausch, mehr Sportbegegnungen, mehr Jugendreisen, bessere Zusammenarbeit in Wissenschaft und Forschung, Bereitstellung von Stipendien, geregelten Zugang zu Archiven, Zusammenarbeit in Film, Rundfunk und Fernsehen. Und es müßten zwei Dinge geregelt werden, die dem Abschluß eines Abkommens bislang im Wege standen: die praktische Einbeziehung West-Berlins, und die Beendigung der Diskriminierung der Stiftung Preußischer Kulturbesitz.

Die formelle Einbeziehung Berlins war bei den Verhandlungen nie ein Problem. Dafür gibt es die bewährte Frank-Falin-Formel, nach der Abkommen und Verträge in Übereinstimmung mit dem Viermächteabkommen auf Berlin ausgedehnt werden. Sie steht auch im deutsch-sowjetischen Kulturabkommen von 1973, das gleichwohl nicht praktiziert wird, weil der Abschluß von zweijährigen Austauschprogrammen regelmäßig an Differenzen über Berlin scheitert. Da müßte es also ergänzende Zusicherungen oder am besten gleich ein Austauschprogramm geben, das in strittigen Fragen Präzedenzfälle schafft. So wird es wohl kommen.