Daß Eva aus einer Rippe Adams erschaffen wurde, glaubt heute auch von den Frömmsten kaum einer. Geprägt aber hat diese Vorstellung das Denken auch derer, die längst nicht mehr fromm sind. Zweitausend Jahre biblischer Glaubenstradition haben im kollektiven Bewußtsein tiefe Spuren eingegraben, die von wissenschaftlicher Rationalität überlagert, aber nicht ausgelöscht wurden. Eine der nachhaltigsten Lehren – nachhaltig gerade darum, weil sie eher unterschwellig vermittelt wurde – lautete: Die Frau ist ein minderwertiges, dem Mann nachgeordnetes Geschöpf. Mehr noch: In ihrer sinnenhaften Erdnähe verkörpert sie die Anarchie der Natur, den sündigen Trieb, den männlicher Ordnungswille in Zucht zu nehmen hat. Der Mythos verblaßte, doch im Unbewußten wirkt er fort. Seine Funktion hat er ja noch immer zu erfüllen: die neidvolle Urangst des Mannes vor dem gebärenden Weib in Schach zu halten, die meines Wissens Bruno Bettelheim als erster erkannte.

Das Alte Testament hat es also noch immer in sich – es ist ein Schlüsseltext für die Frühgeschichte des Patriarchats. Diesen Text kritisch abzuklopfen auf Durchsetzungsstrategien männlichen Herrschaftsanspruchs und auf Restbestände vorpatriarchalischer Religiosität ist eine Arbeit von weit mehr als nur fachwissenschaftlichem Interesse. Es ist Wurzelarbeit an der Geschichte unseres Bewußtseins, die zur Auseinandersetzung nötigt mit der Art, wie wir uns in der Welt eingerichtet haben. Für die Religionspädagogin Gerda Weiler, die sich dieser Arbeit in einem dickleibigen Buch unterzog, ist das erkenntnisleitende Interesse ein feministisches: Sie will Frauen Bausteine eines neuen Identitätsbewußtseins liefern, das auch die spirituelle Dimension umfaßt, ihr Selbstwertgefühl religiös fundiert. Ein Buch "nur" für Frauen ist dies darum noch lange nicht.

Gerda Weiler: "Ich verwerfe im Lande die Kriege – Das verborgene Matriarchat im Alten Testament"; Verlag Frauenoffensive München, 1985; 421 S., 39,80 DM

"Die Welt krankt an der Macht", sagt Gerda Weiler. In der Ätiologie dieser Machtkrankheit spielt das Alte Testament eine bedeutsame Rolle. Die jüdische Religion als Voraussetzung und Wurzelgrund der christlichen hat das monotheistische Prinzip des alleinherrschenden Vatergottes früh und mit besonderer Radikalität durchgesetzt. Männermacht war damit metaphysisch überwölbt: In der Transzendenz kam das weiblich-mütterliche Element nicht mehr vor. Die katholische Christenheit schaffte sich zwar späten Ersatz mit dem Marienkult, doch wer die fürbittende Schmerzensmutter mit Demeter oder Kybele vergleicht, begreift schnell, daß in ihr nicht das selbstbewußte Vollweib, sondern das domestizierte Weibchen seine himmlische Entsprechung fand.

Auf die psychischen Folgen hat, die Gefahr eines Atomkrieges vor Augen, vor gut 30 Jahren Carl Gustav Jung in seiner "Antwort auf Hiob" aufmerksam gemacht; der Pfarrerssohn wagte es sogar, mit dem moralischen Primitivismus des jähzornigen und rachsüchtigen Jahwe zu hadern. Unduldsamkeit wird zum Kennzeichen eines gespaltenen Bewußtseins und einer gespaltenen Welt. Wie der zürnende Richter-Gott die lebendige Vielfalt der Naturgötter verdammt und eifersüchtig seine Einzigkeit fordert, so erhebt sich der Bemächtigungsdrang des Mannes über Weib und Natur. Gesetzesgeist schafft Feindbilder und bläst zur Verfolgung: ihr Lebensrecht verwirkt haben der Ungläubige als Widersacher des einzigen Gottes und das junge Weib, das seine Jungfräulichkeit nicht wahrt und damit den Vater schändet. Das Schwert regiert und zerschneidet die Welt: das Schwert des Gesetzes, das Schwert des (rechten) Glaubens und das Schwert des Krieges. Der Krieg wird zum "Vater aller Dinge", zuletzt der Krieg gegen die Natur. Daß dies nicht zum besten der Menschheit war, nicht einmal zum besten des Mannes selber, ahnen heute nicht nur Frauen: die Abspaltung des Weiblichen als minderwertig setzte zerstörerische Kräfte frei, die mittlerweile mit den Vernichtungsenergien der Atomspaltung das Leben schlechthin bedrohen.

Gerda Weilers Buch analysiert Episoden eines frühen Stadiums dieser Entwicklung. Sie zeigt, wie die jahwistische Priesterschaft den alten Volksglauben ausrottete, der selbstverständlich eingebettet war in die matriarchalen Kulte des Mittelmeerraumes. Und sie zeigt an einer Fülle von Beispielen, wie die matriarchale Religiosität, ihre Rituale und Kultlieder durch die Umdeutungen der biblischen Endredaktion noch immer durchschimmern, manchmal nur mit interpretatorischem Scharfsinn zu erschließen, manchmal in verblüffender Deutlichkeit. Kerngestalt ist die Muttergöttin, als "Himmelskönigin" im Alten Testament noch mehrfach erwähnt. Der Sohn, den sie gebiert, ist die Schöpfung; als ihr Geliebter vollzieht er mit ihr die heilige Hochzeit zur Erneuerung des Lebens, erleidet mit der welkenden Vegetation im Rhythmus der Jahreszeiten den Tod und wird wiedergeboren mit dem neuen Frühling – das Urbild aller späteren, neurotisch verdrehten "Erlösungs" Vorstellungen.

Daß der Frühmensch der Gebärkraft der Frau besondere Verehrung entgegenbrachte, ist überaus naheliegend. Die späte Menschheit verehrt die Macht und fährt nicht so gut damit, wie sie meint. Ob der Mann mit der Macht und die Frau mit der Liebe so einfach identifiziert werden kann, ist die Frage. Gegenargumente liefern gerade manche Feministinnen. Träume von einer Welt, in der die männliche Hälfte der Menschheit praktisch nicht mehr vorkommt, zeugen eher von einem sanftmütig verkleideten Faschismus als von friedensstiftendem Integrationswillen. Gerda Weiler vertritt eine andere Richtung. Ihr Versuch einer Wiedergewinnung des Weiblichen auf archetypischer Ebene, aber mit gesellschaftlicher Stoßrichtung zielt, wenn ich nicht irre, auf eine neue Form der Partnerschaft, will ein Modell von Integration, das gefährliche Spaltungen überwindet.