Frauen also, die vor 1933 erwachsen waren und die sicher Zugang zu mehr Informationen hatten als andere deutsche Frauen dieser Jahrgänge; Frauen auch, die nach 1945 in der Aus- und Fortbildung tätig waren, als Dozentin, Leiterin von Kindergärtnerinnen-Seminaren, Lehrerinnen, die Redaktionsleiterinnen und ähnliches wurden. Keine dieser Frauen geht 1980 in dieser Rechtfertigung auf den Nationalsozialismus oder das Problem der Jugend im Nationalsozialismus ein. Keine stellt sich die Frage nach Recht oder Unrecht nicht ihrer Handlungen im Dritten Reich, sondern des Systems, dem sie gedient hatten. Diese ehemaligen Führerinnen wiederholen vielmehr fast stereotyp Begriffe wie Schicksal und Katastrophe, wenn sie das Kriegsende beschreiben, und sie schreiben noch 1977, dreiunddreißig Jahre danach: "Diese fünf Monate im Einsatz am Ostwall bleiben ein wesentlicher und unvergeßlicher Bestand im Erleben – wir waren dabei! Und wenn auch unserer Arbeit der erhoffte Erfolg versagt war, so trug sie doch ihren Wert in sich für uns alle." Und wenn ein Satz schon einmal so beginnt: "Wenn ich es heute bedenke", so wird von seelischer Kraft gesprochen und an anderer Stelle von "inneren Richtlinien, die sich dort als gute erwiesen, mir bis zum Schluß die Fähigkeit gaben, durchzuhalten und für das Gute unserer Arbeit bis zum Ende einstehen zu können".

Bei all dem erschreckt nicht, daß diese damals jungen Frauen Begeisterung für ihre Arbeit empfanden und diese den ihnen anvertrauten Mädchen mitzuteilen versuchten. Es erschreckt vielmehr, daß sie unverändert, manche höchstens mit einem gewissen Trotz, begeistert sind. Es weder für notwendig halten, die Zitate von damals zu kommentieren, noch gemerkt zu haben scheinen, was sich seit 1945 verändert hat. Nirgendwo findet sich die Einsicht, daß sie zu denen gehörten, die dafür verantwortlich waren, daß Jahrgang nach Jahrgang junger Mädchen mit falschen Idealen gefüttert wurden. Und keine hat begriffen, daß sie und ihre Begeisterung mißbraucht wurden. 1945 bedeutete ihnen nichts. Sie lebten und dachten weiter wie bisher.

Vor diesen ehemaligen RAD-Führerinnen hatte ich Ruhe bis 1982. Eine Fernsehanstalt hatte sich für mein Buch interessiert, und es gab Vorarbeiten für eine zwölfteilige Fernsehserie. Im Oktober schickte mir ein Redakteur der Fernsehanstalt den ersten Brief, der dort von Lilo W. eingetroffen war. Sie schrieb: "Vor einigen Wochen erfuhr ich, daß das Buch von Frau Schönfeldt, ,Sonderappell’ im Herbst von Ihnen verfilmt werden soll. Dazu möchte ich folgende Stellungnahme abgeben. Frau Schönfeldt beschreibt ihre Erlebnisse in einem Lager des weiblichen Arbeitsdienstes in Oberschlesien so schrecklich, wie es das nie gegeben hat... es stimmt nicht, was Frau Schönfeldt hier geschrieben hat. Vielleicht war Frau Schönfeldt überhaupt nicht im Arbeitsdienst und läßt hier die sogenannte dichterische Freiheit walten, das wäre die einzige Entschuldigung. .. Man muß auch einmal die andere Seite der historischen Wahrheit sehen, aber das gibt es ja in unserer Republik nicht mehr... Auch mit unseren Steuern und hohen Gebühren werden die Rundfunk- und Fernsehanstalten finanziert, da müßte man schon ein Mitspracherecht, wenn es um solche Dinge

Der Redakteur des Senders reagierte nicht, bekam aber im Lauf der nächsten Wochen und Monate Briefe, daß es einen Aktenordner füllte. Ich, im direkten Briefverkehr die "Sehr verehrte Gräfin Schönfeldt", ebenfalls. Ich wurde zu Gesprächen gebeten, "es wäre ohne böse Hintergedanken", denn "das wäre gut und auch wichtig für Sie".

Mit mir reden wollte auch ein Sprecher einer

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RAD-Traditionsgemeinschaft, der ebenfalls von der Fernsehserie gehört hatte. Unterdessen war es Lilo W. und ihren Kameradinnen gelungen, nicht nur meine ehemalige Lagerführerin, sondern auch die ehemalige Lagergruppenführerin ausfindig zu machen. Beide mußten zu angeblichen Mißständen, die ich in meinem Buch erwähnte, siebenunddreißig Jahre später Punkt für Punkt Stellung nehmen und eine Erklärung von drei dicht betippten Schreibmaschinenseiten abgeben: Nein – es habe 1944/45 keine geflickten RAD-Kleider gegeben. Nein – unter den Strohsäcken hätten nie Holzbretter gefehlt. Nein – "fehlende Neuanschaffungen", Hunger, miserable Toilettenverhältnisse, extra harte Behandlung von Oberschülerinnen, das Ausbleiben der Regel ohne ärztliche Behandlung, das Herstellen von Panzermatten, das Dröhnen der heranrückenden russischen Front ("Hätten wir doch auch hören müssen!") – alles Erfindung, "Phantasie" der Gräfin Schönfeldt. Diese nun solle doch ihrer ehemaligen Lagerführerin einen Brief schreiben, denn ihr verdanke sie es, "daß Sie nicht in die Hände der Russen fielen und heute am Schreibtisch sitzen können". Und immer wieder und in allen Briefen: "Ist Ihnen auch bewußt, daß es keine normale Zeit war, in der Sie Arbeitsmaid waren? Also November/Dezember 44, Januar 1945, dazu auch noch Winter? Sie stellen das Normale nicht heraus, nur das Negative!"