Wie als Antwort darauf hat mir eine Leserin 1982 geschrieben: "Wie Sie bin ich im November 44 von Niedersachsen nach Oberschlesien zum RAD eingezogen worden und habe dann bis Juli 45, meine Rückkehr, vieles fast vergleichbar wie Sie erlebt... Auch wir haben uns mit den harten Drahtrollen abgemüht und mußten bei der Flucht im Januar 115 fertige Drahtnetze im Keller den Russen ‚hinterlassen‘."

Was die "normale" Zeit betrifft: Sophie Scholl war im Sommer im RAD, schon im Jahre 1941 und im friedlichen Schwaben. An ihren Bruder Hans schrieb sie: "Ich bin jetzt ein halbes Jahr in der Zwangsjacke." Sie erwähnte Hunger und Kälte, nie freundliche Führerinnen, "... hat uns verboten, Päckchen zu empfangen." Und: "... es ist verboten, eigene Bücher zu haben, auch Bibeln mußten heimgeschickt werden."

Sicherlich, für manche Mädchen mag der Reichsarbeitsdienst etwas Schönes gewesen sein. Ein Kind aus der Großstadt (damals gab’s noch keine Ferienhäuser oder Wohnwagen, in den Ferien verreiste man gewöhnlich auch nicht), das zum ersten Mal einen Sommer in Bayern erlebte, blühende Wiesen, Kälbchen und Küken – herrlich. Oder die älteste von drei oder sechs Geschwistern, zum ersten Mal ohne die Pflichten des unbezahlten Kindermädchens, dafür im Praktischen viel erfahrener als andere Maiden – wunderbar! Aber es geht nicht um die Idee der sozialen Arbeit, die sehr viel älter ist als der RAD und von den Nazis nur übernommen und ihren Zwecken gerecht gemacht wurde. Es geht um diese Nazis und diese Zwecke. Und eben die werden noch heute so zäh und erbittert verteidigt, daß es Schrecken verbreitet.

Überlieferte Propagandalügen

"Sonderappell" kam im Februar 1985 als Taschenbuch heraus. Schon hatte die Münchener Verlegerin einen Brief von Lilo W.: "... Das Buch entspricht nicht der Wahrheit, ich habe hier Aussagen von Zeitzeugen vorliegen... Bitte um Ihre Stellungnahme. Woher haben Sie das Titelfoto? Bitte um Quellenangabe!"

Beiden Verlagen – dem der Originalausgabe und dem des Taschenbuches – schickten die alten Kameradinnen "Stellungnahmen zu dem Buch", sieben eng beschriebene Schreibmaschinenseiten lang. Nein – nichts von dem, was und wie ich es erwähnte, habe es gegeben. Keine Frostbeulen, keine Studienbeschränkungen wegen schlechter Führung im RAD, keine Stiefelappelle, kein Strammstehen, keine unzulängliche ärztliche Betreuung, keine fehlende "Aufklärung der Arbeitsmaiden über das Beschwerderecht . Keine mangelnde Fürsorge, sprich kaputte Stiefel und fehlende Wolldecken, und der "Lebensborn" war nichts als eine Wohlfahrtseinrichtung und ein Entbindungsheim.

"Kommentar überflüssig", schrieb jemand vom Wiener Verlag an den Rand dieser "Stellungnahme". Wirklich?